Zahltag für Carly
Payback time nennen die US-Amerikaner den Tag der späten Abrechnung. Am 9. Februar, dem Tag ihrer Demission, erlebte Carleton („Carly“) Fiorina einen solchen Zahltag. Laut US-Berichten knallten intern bei Hewlett-Packard die Sektkorken bei der offiziellen Bekanntgabe des Rauswurfs der HP-Chefin, die neben dem Posten des CEO auch noch den der Vorsitzenden des Verwaltungsrates und den der Präsidentin innehatte. Analysten beeilten sich, in wohlfeilen Kommentaren die menschlichen Schwächen der Managerin zu sezieren. Zu guter Letzt belohnte die Börse das Geschehen, wie ein kräftiger Kursausschlag belegt.
Die sechsjährige Regentschaft von Fiorina, die wie kein anderer HP-Lenker zuvor den Shareholder-Value zur Leitlinie erhob, zeichnete sich dagegen nicht durch einen positiven Aktienkursverlauf aus. Sie war geprägt von dem Kauf von Compaq und dem Verlust traditioneller HP-Werte in Bezug auf Innovation und Unternehmenskultur.
Denn ungeachtet des Slogans „Invent“ und der allein 1775 Patente im vergangenen Jahr steht HP, dessen Namen für immer mit der Entwicklung des wissenschaftlichen Taschenrechners oder des Tintenstrahl- und Laserdrucks verbunden ist, nicht mehr für Erfinderreichtum. Die erst kürzlich neu geordnete Itanium-Kooperation mit Intel brachte nicht den erhofften Durchbruch, die Vision des Adaptive Enterprise klingt sperriger als IBMs On-Demand-Slogan und die Aufnahme von Apples iPod unter eigenem Namen im Konsumentensegment kommt der Bankrotterklärung der einstigen Ingenieurfirma gleich. Vielleicht rührt der Verlust an Innovationsstärke auch von Fiorinas Überzeugung, dass die Informationstechnik keine Wachstumsbranche mehr ist und stattdessen eine konservative Bigger-is-better-Wachstumsstrategie zu wählen sei. Die Schaffung neuer Märkte kam ihr als Option wohl nicht in den Sinn.
Dass Bigger-is-better nicht zwangsläufig mit Erfolg gleichzusetzen ist, erfährt HP nun beinahe täglich schmerzhaft in der eigenen Organisation. Denn die Wurzel der aktuellen Probleme von HP liegen hauptsächlich in dem gegen zum Teil heftigen Widerstand durchgezogenen Kauf von Compaq für rund 25 Milliarden Dollar im September 2001. Zur Entlastung von Fiorina muss allerdings angeführt werden, dass Compaq selbst die drei Jahre zuvor vollzogene Übernahme von Digital noch nicht verkraftet hatte.
Fusion bedeutet stets unterschiedliche Firmenkulturen zusammenzuführen und Synergien zu verwirklichen. Bei Lichte betrachtet hat HP noch keine dieser Aufgaben überzeugend gestemmt. Die familiäre Kuschelkultur von HP ging - bedingt auch durch die Entlassungen von 15 000 Mitarbeitern - verloren. Wirkliche Synergien waren bei dem Zusammengehen zweier Firmen, die zu diesem Zeitpunkt katastrophale Server- und Workstationgeschäfte hinlegten, kaum erkennbar. Noch heute binden Rechnerarchitekturen auf Basis von Alpha, PA, Mips und Intel nebst diversen Betriebssystemen die Ressourcen. Eine zielgerichtete Softwarestrategie ist nicht erkennbar, bei den Geschäften mit Services ist IBM weit enteilt. Der unerreichte Konkurrent profitiert in diesem Punkt auch von dem 3,5 Milliarden Dollar teuren Kauf der Pricewaterhouse Coopers-Consultingsparte vor zweieinhalb Jahren. Ironie dabei: Zwei Jahre zuvor scheiterte Fiorina bei dem Versuch, die Beraterfirma zu übernehmen - trotz eines Angebots von umgerechnet 18 Milliarden Dollar. Wie zur Zeit der Fusion stammt der Gewinn in erster Linie aus den Einnahmen mit Druckern und Tinte.
Fiorina schmiedete zwar aus den 83 Geschäftsbereichen eine straffere Organisation von vier Einheiten (Imaging & Printing, Personal Systems, Enterprise Systems und Services). Sie schaffte es jedoch nicht, dem Management dieser Bereiche mehr Entscheidungsspielraum abzutreten. Auf einen neuen HP-Chef wartet folglich viel Arbeit. Er muss entscheiden, ob die geplante Zusammenlegung des Imaging&Printing- und PC-Bereichs der Weisheit letzter Schluss ist. Er muss Geschäftsbereiche, die wenig zur Umsatz- und Gewinnsteigerung beitragen, entweder aufpeppen oder losschlagen. Und vor allen Dingen muss er der HP-Organisation den Glauben an Innovationen zurückgeben.
Fiorina darf sich hingegen über die zweite Variante des Zahltages für entlassene Manager freuen: Den goldenen Handschlag für die Ex-Chefin lässt sich HP 21 Millionen Dollar beziehungsweise laut New York Times 41 Millionen Dollar inklusive Pensionen, Aktienpaketen und anderen Vergütungen kosten. (wm)