Ten Years After

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Von
  • Henning Behme

Im Anfang war gar nicht Java. Tatsächlich gilt sogar fürs World Wide Web, dass im Anfang das Wort war und nichts als das Wort. Viel später kamen Inline-Bildchen hinzu, noch später Formulare. Und erst im Mai 1995 betrat der Duke als Java-Maskottchen die Bühne und winkte, allerdings nur im von Sun gleichzeitig mit Java herausgegebenen Browser Hotjava. Weder Netscapes Navigator noch das damals vielbenutzte Mosaic konnten mit den kleinen Anwendungen (Applets) etwas anfangen, die innerhalb von HTML übers Netz zum Client kamen, der sie ausführte. Vom Internet Explorer war noch nicht die Rede, weil Microsoft 1995 damit beschäftigt war, das Internet browsertechnisch zu verschlafen und auf eine eigene Technik names Blackbird zu setzen, die die Redmonder Anfang 1996 beerdigten und durch den IE ersetzten. Im ab Herbst ausgelieferten Windows 95 ist noch Mosaic enthalten.

ZurĂĽck zu 1995. Am 23. Mai standen John Gage, Chef von Suns Science Office, und Netscape-MitbegrĂĽnder Marc Andreessen auf der BĂĽhne der Sun World und verkĂĽndeten zweierlei: dass die Java-Technik offiziell fertig sei und Netscape sie in den Navigator integrieren werde. Schon im April hatten Sun-Offizielle auf der in Darmstadt stattfindenden 3. WWW-Konferenz die Existenz Javas verkĂĽndet.

Dass das Web, beispielsweise durch den Duke, endlich in Bewegung geriet, verzückte bei den ersten Demos durch James Gosling offensichtlich das anwesende Publikum1 - und kurze Zeit darauf die Webautoren dieser Welt. Schneller als ein Lauffeuer verbreiteten sich der Duke und andere kleine Anwendungen übers Internet, und das, obwohl weder der javafähige Navigator noch ein Development Kit verfügbar waren.

Spielwiese WWW. Aber von Anfang an konnten Entwickler statt Applets Anwendungen schreiben, die außerhalb des Browsers laufen sollten. Und obwohl noch Jahre später mancher Webdesigner meinte, Rollover-Effekte in Menüs mit Java realisieren zu müssen, was das Laden des Webdokuments dramatisch verzögerte, war die langfristige Wirkung der Sprache vor allem serverseitig tiefgreifend. Servlets und servletfähige Webserver wie Apaches Tomcat bieten Optionen, die weit über „normale“ Webserver hinausgehen.

Noch wichtiger: Da kompiliertes Java kein Binary war und ist, sondern aus Bytecode (ähnlich dem P-Code des UCSD-Pascal) besteht, laufen die Standalone-Programme unabhängig vom darunter liegenden Betriebssystem - eine installierte Java Virtual Machine vorausgesetzt. Suns Motto „Write once, run anywhere“ stimmt zwar nicht in der Unbedingtheit, aber ein Fortschritt in Richtung Plattformunabghängigkeit ist Java durchaus. Microsofts .Net, das ebenfalls eine Art Zwischencode erzeugt, war dagegen zunächst auf die MS-Welt beschränkt, bis Mono die Option eröffnete, .Net außerhalb dieser zu nutzen.

Nur auf dem und als Desktop hat sich Java nicht durchsetzen können. Größere Anwendungen waren einfach zu langsam, und die Benutzerschnittstelle sah nicht nur anders aus als die vertraute, sondern war vor allem deutlich weniger elegant. Seit einiger Zeit macht jedoch die IDE Eclipse mit ihrer Rich Client Platform (RCP) von sich reden. Ob damit neuer Schwung in das Thema „Java auf dem Desktop“ kommt, entscheiden wie immer die sprichwörtlichen Anwender.


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Java Technology: The Early Years