Raumschiff Enterprise

Seit der Däne Kasper Skårhøj im Jahr 2000 die erste Version seines Open-Source-Content-Management Systems veröffentlichte, hat Typo3 ein rasantes Wachstum erlebt. Mit der kommenden Version 4.0 zielt es verstärkt auf Unternehmenskunden.

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Lesezeit: 9 Min.
Von
  • Martin Herr
  • Dr. Thomas J. Schult
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Wer eine größere dynamische Website betreut, setzt in der Regel ein Content Management System (CMS) ein. Es verwaltet Texte und Medien und sorgt für eine saubere Trennung von Inhalt und Gestaltung. Damit können Online-Redakteure für die Webseiten texten, ohne sich gegenseitig zu stören oder das Design durch unbedachtes Editieren zu beschädigen.

Typo3, in PHP geschrieben und damit betriebssystemunabhängig verwendbar, zeichnet sich durch großen Funktionsumfang und einfache Erweiterbarkeit aus. Und so scharte sich in den letzten Jahren eine große Community um das System und schuf „Extensions“, die teilweise in das Standardsystem eingeflossen sind.

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Schon die Version 3.8 besticht durch ihren aufgeräumten Programmkern sowie wichtige funktionale Neuerungen. Dank verbesserter Lastverteilungsmöglichkeiten in Form von Cache-Control-Headers, eine leistungsfähige indizierende Suchmaschine sowie zahlreiche Detailverbesserungen im Typo3-Backend hat sich das CMS als kostenlose Alternative zu kommerziellen Lösungen etabliert.

Die nun anstehende Version 4.0 bildet einen wichtigen Schritt hin zu einem umfassenden Enterprise Content Management System (ECMS), das sich nicht nur als Redaktionssystem fĂĽr eine Website eignet. Unter ECMS versteht man Systeme, die generell zur Erfassung, Verwaltung, Speicherung und Bereitstellung von elektronischen Inhalten in Unternehmen dienen.

Zu den Neuerungen gehören im Wesentlichen vier Module: eine Dokumentenverwaltung für eine große Anzahl an Dateien (DAM), eine Zugriffssteuerung und Versionierung, die fürs Workflow-Management erforderlich ist, eine Vorlagenverwaltung (Templa Voilà) so-wie eine Datenbankabstraktionsschicht (DBAL) zur Anbindung von Typo3 an beliebige Datenbanksysteme.

Ursprünglich als erweiterte Version des Typo3-internen Filelist-Moduls gedacht, hat sich die DAM-Extension (Digital Asset Management) im Laufe der Zeit zu einer viel versprechenden Dokumentenverwaltung entwickelt. DAM kann das Filelist-Modul komplett ersetzen oder parallel dazu arbeiten, ohne dass sich die beiden gegenseitig behindern. Es ermöglicht die zentrale Speicherung und Versionierung von Dateien, außerdem die Vergabe von Meta-Informationen und die Indexierung.

Mit Digital Asset Managment (DAM) lassen sich Meta-Informationen zu einer JPEG-Datei erfassen (Abb. 1).

So genannte „Services“ können solche Informationen aus bestimmten Dateitypen automatisch erfassen und über die Suche bereitstellen, beispielsweise die Maße eines Bildes im JPEG-Format oder die Inhalte einer Word-Datei.

Neben der Indizierung von Metadaten bietet das DAM eine ausgeklügelte Möglichkeit, Inhalte über ordnerähnliche Strukturen zu selektieren und diese Selektionen (die Assets) auf einen Schlag zu bearbeiten. Selektionen lassen sich zudem durch die Angabe von Suchbegriffen weiter verfeinern. So behält der Typo3-Anwender stets den Überblick über seinen Dateibestand und kann selbst mit einer Vielzahl an Dateien noch effizient arbeiten.

Neben der auf Spalten beruhenden Verwaltung von Inhalten kennt Typo3 das XML-basierende Template-System Templa Voilà. Es enstand aus einem Projekt, bei dem eine große Menge Produktdaten zu verwalten waren. Generell bietet es den idealen Rahmen für eine flexible Verwaltung von Inhalten, ohne dass Anwender sich an feste Layouts binden müssen. Sie können HTML-Vorlagen auf einfache Weise mit einem Backend-Modul per Mausklick zusammenstellen und in Zonen einteilen. Diese Zonen können sie anschließend für bestimmte Inhaltstypen konfigurieren, die so das Grundgerüst für die Inhalte der Seite bilden.

Ăśber das Kontrollzentrum von Templa VoilĂ  lassen sich Templates bequem zusammenklicken (Abb. 2).

Darüber hinaus darf der Entwickler eigene Inhaltselemente definieren, die durch die Speicherung im XML-Format vielfältige Eigenschaften haben können. Das XML-Format wird bei der Speicherung kodiert und als String in einem Datenbankfeld abgelegt.

Früher war ein Nutzer von Typo3 an das Datenbank-Management-System MySQL gebunden; daher schied das System für den professionellen Einsatz in Großunternehmen oft von vornherein aus. Mittlerweile ist der Typo3-Kern komplett auf eine Datenbank-Abstraktionsschicht (Database Abstraction Layer, DBAL) umgestellt und ermöglicht die Anbindung an beliebige Datenbanksysteme.

DBAL bildet jedoch nur die Basis der Anbindung. Die Vermittlung zwischen ihr und einem Datenbanksystem muss durch einen so genannten „Handler“ erfolgen, der die standardisierten Anfragen in die Sprache des jeweiligen DBMS übersetzt.

Schon heute existieren Handler zur Anbindung der Abstraktionsschicht an Oracle- und Postgres-Datenbanken. Damit kann Typo3 in Sachen Skalierbarkeit und VerfĂĽgbarkeit zu kommerziellen Systemen aufschlieĂźen.

Doch auch wenn die Richtung zur Abstraktion nun endgültig vorgegeben ist, darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass einige Typo3-Entwickler die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt haben: Eine stabile DBAL-Unterstützung fehlt noch in vielen Typo3-Erweiterungen. Diese müssten folglich bei einem Einsatz mit anderen Datenbanksystemen mühevoll umgeschrieben und vor dem Produktiveinsatz getestet werden.

Viele Jahre lang gab es keinen Ansatz zum anwendungsorientierten Workflow-Management mit Typo3. Inhalte kannten bisher nur zwei Zustände: versteckt und sichtbar. Für alles dazwischen gab es zahlreiche Lösungen in Form spezifischer Erweiterungen, die aufgrund fehlender Modularität jedoch nie ihren Weg in den Typo3-Kern fanden. Mit Version 4.0 gibt es auch hierfür eine Lösung. Sie heißt Native Workflow: ein einfaches Workflow-System zur gezielten Verwaltung von Inhalten zwischen Benutzern, Gruppen und Rollen.

Typo3-Redakteure können sich wie gewohnt im Backend bewegen und Inhalte bearbeiten. Zusätzlich zu den Standardmodulen gibt es nun jedoch die so genannten Workspaces. Sie ermöglichen es, verschiedene Versionen einer Seitenstruktur vorzuhalten und diese mit unterschiedlichen Freischaltungsmechanismen zu koppeln. Der jeweilige Redakteur sieht die zu seiner Rolle gehörenden Änderungen in einer To-do-List und kann sie annehmen oder ablehnen beziehungsweise den nächsten Schritt in einem definierten Workflow einleiten. Zudem lassen sich die Abhängigkeiten zwischen verschiedenen Gruppen ebenfalls im Backend frei definieren.

Neben dem Native Workflow arbeitet einer der Entwickler an einer noch mächtigeren Erweiterung namens Enterprise Workflow, die sie auf der ersten internationalen Typo3-Entwickler-Konferenz im September vorgestellt haben.

Einen Großteil seines Erfolges verdankt Typo3 dem Launch des Typo3-Entwicklerportals auf typo3.org. Die Community kann sich hier über Typo3-Projekte informieren und aktiv an der Weiterentwicklung und Dokumentation von Erweiterungen beteiligen. Das Zentrum von Typo3.org bildet die zentrale Erweiterungsverwaltung Typo3 Extension Repository (TER). Es erlaubt jedem, eigene Extensions der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und mit anderen Entwicklern an gemeinsamen Erweiterungen zu arbeiten. Das besondere an dieser Lösung: Die Datenbank verwaltet zentral neben den eigentlichen Extensions, dem Programmcode, direkt die passenden Dokumentationen, beides in verschiedenen Versionen.

TER hat sich in der Vergangenheit jedoch als Flaschenhals der Typo3.org-Seite herausgestellt und wird zurzeit nicht zuletzt aus PerformancegrĂĽnden von Grund auf neu entwickelt.

Vom ursprĂĽnglich datenbankgestĂĽtzten System dĂĽrfte nach der Ăśberarbeitung wenig ĂĽbrig bleiben. Nach dem Vorbild des Debian-Paket-Management-Systems dpkg steht TER 2.0 kurz vor der Fertigstellung. Das gezielte Spiegeln und Verteilen auf Mirroring-Server soll das zentrale Extension-Repository entlasten, von denen es drei Klassen geben wird.

Das neue TER ermöglicht es dem Typo3-Anwender außerdem, auf Basis von SOAP-XML-Technik private Repositories aufzubauen und verschiedene Typo3-Installationen zentral von einem eigenen Extension-Server mit Updates zu versorgen. Interessant erscheint dieser Ansatz besonders für Firmen, da sie nun mit einem privaten Repository Eigenentwicklungen ähnlich wie bei Verwendung eines CVS-Systems vorhalten und verwalten können.

Jedes Open-Source-Projekt ist nur so gut wie seine Dokumentation. Die Entwicklerplattform Typo3.org bietet zahlreiche Dokumentationen im Open-Office- und PDF-Format. Neben Kerndokumenten und Erläuterungen zur Typo3-internen Skriptsprache Typoscript findet man dort zu fast jeder Extension eine (manchmal allerdings unausgereifte) Dokumentation. Das Typo3 Documentation Repository, Schwesterprojekt zu TER 2.0, soll eine neue Basis schaffen, Dokumentation online auf Typo3.org zu verwalten und aktuell zu halten.

Es existieren schon Ansätze, aus Typo3-Inhalten Open-Office-Dokumente zu erzeugen und Dokumente in diesem Format als Inhaltselemente in Typo3 zu importieren. Eine Lösung für die serverbasierte PDF-Erzeugung der Dokumente fehlt jedoch noch. Einige Dokumente stehen deshalb nur im Open-Office-Format zur Verfügung.

Typo3 gewinnt mit der Anfang Dezember erscheinenden Version 4.0 gerade für kommerzielle Anwender an Bedeutung, weil wichtige Module in das Basissystem einfließen. Der gewohnt hohe Qualitätsstandard des Systems soll dabei keine Einbußen erleiden: Ein Blick auf die weiteren Punkte der Roadmap (siehe „Online-Ressourcen“) zeigt, dass die Optimierung der vorhandenen Funktionen im Vordergrund steht.

Martin Herr
ist Herausgeber des neuen Typo3-Magazins T3N.

Dr. Thomas J. Schult
ist freier Journalist und Professor fĂĽr Neue Medien an der Fachhochschule Hannover.

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iX-Wertung

[+] maximale Flexibilität durch Datenbank-Abstraktionsschicht
[+] Verwaltung und Indexierung großer Datenmengen und Dateien möglich
[+] intuitives Workflow-Management
[-] Trennung von Live- und Produktionsserver nicht unterstĂĽtzt
[-] Installation erfordert Fachkenntnisse

(hb)