Nachwuchsmangel im Informatikjahr

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  • Ulrich W. Eisenecker

Im Dialog mit der Initiative Wissenschaft veranstaltet das Bundesministerium fĂĽr Bildung und Forschung seit 2000 die Wissenschaftsjahre. Dem Einsteinjahr folgt jetzt das Informatikjahr.

Längst hat sich die Informatik von ihrer Nähe zur Mathematik gelöst und als eigenständige Wissenschaftsdisziplin etabliert. Ihre stürmische Entwicklung brachte nicht nur mehrere Ableger in Form von Bindestrich-Disziplinen wie Wirtschafts- oder Medizin-Informatik hervor, sondern hat auch unser Alltagsleben verändert - nicht zuletzt durch Innovationen wie den Personal Computer, das Internet und MP3-Player.

Das enorme Spektrum der Forschungsthemen reicht von selbstorganisierenden Rechnerverbünden über den Bezug von Rechenleistung wie Strom aus der Steckdose bis hin zum Quantencomputer. Auch die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen - etwa den Ingenieurs- oder den Geisteswissenschaften - lässt viele Neuerungen und Veränderungen erwarten. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob genügend Fachkräfte vorhanden sein werden, die diese Möglichkeiten nicht nur erforschen, sondern sie auch in die Praxis umsetzen.

In seinem Bericht „Hochschulstandort Deutschland 2005“ legt das statistische Bundesamt Zahlen vor. Seit 1994 stieg die Zahl der Studienanfänger in der Informatik von gut 9000 auf mehr als 21 000 im Jahr 2004. Die Zahl der Absolventen nahm im selben Zeitraum von über 6000 auf knapp 11 000 zu. Einem ersten Sprung der Einschreibungszahlen 1998 folgt ein vergleichbarer Anstieg der Absolventenzahlen erstmals 2004, was auf eine Studiendauer von fünf bis sechs Jahren hinweist. Die Differenz der beiden Zahlen liegt bei weniger als 4000, was eine Schwundquote von netto 25 Prozent ergibt. Seit 2003 sind die Einschreibungen jedoch rückläufig. Dies würde bedeuten, dass nur noch bis 2008 die Zahl der Absolventen zunimmt.

Verlässliche Zahlen für 2005 liegen noch nicht vor. Eine kurze Umfrage bei Informatik-Fachbereichen persönlich bekannter Universitäten und Fachhochschulen erbrachte jedoch, dass es zahlenmäßig einen deutlichen Rückgang bei den Anfängern gibt, teilweise bis zu 50 Prozent. Hinter vorgehaltener Hand wurde zudem laut, dass die Eingangsqualifikation der Studienanfänger sich verschlechtert habe, was mehr Studienabbrüche erwarten lässt. Laut GI-Präsident Professor Jarke ist kein einheitlicher Trend erkennbar: Zum Teil gibt es wieder mehr Einschreibungen, wobei besonders Bindestrich-Informatiken zunehmende Anfängerzahlen vorweisen können. Andererseits klagen manche Hochschulen über einen deutlichen Rückgang.

Doch bereits jetzt weisen einschlägige Berufsverbände und Firmenvertreter auf einen IT-Fachkräftemangel hin, der sich in den nächsten Jahren drastisch verschärfen wird. Die aktuelle Nachfragelücke wird auf 2000 bis 4000 IT-Ingenieure beziffert.

Betrachtet man beide Tendenzen zusammen, ist Handlungsbedarf erkennbar. Wer will, dass ein ausreichendes Angebot an hoch qualifizierten IT-Fachkräften den Standort Deutschland für Investitionen in die Informationstechnik attraktiv macht, muss jetzt geeignete Maßnahmen ergreifen. Allein die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen, die Neustrukturierung von Studieninhalten und die Auswahl geeigneter Studienanfänger durch die Hochschulen werden nicht reichen. Vielmehr ist eine wesentliche Voraussetzung für die positive Entwicklung von Wissenschaft und Wirtschaft in Deutschland, dass man trotz der demografischen Entwicklung einen weitaus höheren Anteil junger Menschen für ein Studium mit Informatik-Bezug gewinnen und zu einem erfolgreichen Abschluss führen kann. Bei so spannenden Aufgaben und guten Berufsaussichten sollte es doch im Informatikjahr gelingen, die Begeisterung des Nachwuchses für ein Informatik-Studium zu wecken.

Ulrich Eisenecker
ist Wirtschaftsinformatik-Professor an der Universität Leipzig. (ole)