Von Analytistan nach Architektonien
Noch immer ist sie wild und in Teilen unerschlossen - die IT-Welt. Ausgedehnte Reisen haben es dem Autor dieses Artikels jedoch erlaubt, Einblicke selbst in die entferntesten Gebiete zu erlangen. Auf einer seiner Expedition ist er dabei sogar auf eine bisher kaum bekannte Schriftrolle gestoĂźen: das architektonische Manifest.
- Dr. Gernot Starke
Unmittelbar ans bekannte Analytistan mit seiner prächtigen Hauptstadt Anforderungshausen grenzt das kleine Architektonien. Zwischen beiden Lagern herrscht - wie soll man es nur ausdrücken - eine Art gespannter Zustand. Wo in Anforderungshausen essentielle Wünsche in den Köpfen der Bewohner spuken, müssen die Architektonier die wirkliche Implementierung vorbereiten und überwachen. Sie stehen unter dem Einfluss herrschsüchtiger Managier (auch genannt Managissimos) und penibler Qualitessen und müssen gleichzeitig die kritischen Stimmen der zahlreichen Prograländer aushalten.
In diesem Spannungsfeld langfristig zu bestehen erfordert sowohl Vielseitigkeit als auch Kunstfertigkeit. In den langen Jahren ihrer kargen Existenz haben die Architektonier dafür ihr architektonisches Manifest geschaffen, aus dem ich Ihnen einige Auszüge vorstellen möchte. (Wer es komprimiert bevorzugt, werfe einen Blick in den Kasten „Kurz und bündig“ der Print-Ausgabe.) Lassen Sie mich jedoch zunächst mit einer kurzen Reise durch die IT-Welt beginnen, um anschließend einige Ideen des architektonischen Manifests zu erläutern.
In sechs Stationen um die (IT-)Welt
Wie Sie sicherlich wissen, gehört die IT-Welt ganz und gar den Kundeniern - einer größtenteils unerforschten, unberechenbaren und ziemlich vielseitigen Gattung homo dubiosis mit einem Einschlag von homo semisapiens. Aus unerfindlichen Gründen beschränken die Kundenier den direkten Kontakt in die schöne IT-Welt auf drei Länder, nämlich Analytistan, Betriebien und Kostenia. Sofern einmal Bewohner der übrigen IT-Länder nach Kostenia eingeladen (oder entführt!) werden, geschieht das entweder, um sie dort ins Gefängnis zu werfen oder um ihnen eine andere Staatsbürgerschaft zu verpassen.
Analytistan ist die Heimat der liebenswürdigen und stets freundlichen Analytistaner, auch genannt Requies (gesprochen: Rekkies). Diese Spezies spricht die gleiche Sprache wie die eingangs erwähnten Kundenier. Requies verfügen über kommunikative und hypnotische Fähigkeiten, um sogar unterbewusste Wünsche der Kundenier erkennen zu können. Analytistaner fürchten sich vor nichts mehr als vor Entscheidungen - niemals würden sie eigenständig eine Auswahl zwischen Alternativen treffen, stets fragen sie in solchen Fällen bei ihnen wohlgesonnenen Kundeniern nach (die allerdings, um ehrlich zu sein, häufig die Antwort schuldig bleiben). Zu Beginn von IT-Projekten gehen Requies häufig bei den betroffenen Kundeniern ein und aus. Das erzeugt jedoch auf beiden Seiten gewisse Abnutzungserscheinungen, sodass diese intensive Kommunikation oftmals nach kurzer Zeit eingestellt wird.
Requies lieben das geschriebene Wort über alles und pflegen das Landesmotto „Papier ist geduldig“. Wo ihre Nachbarn aus Architektonien oder die technophilen Programmisten zu präzisen Werkzeugen wie Java oder Ruby (siehe dazu die Fussnote der Print-Ausgabe) greifen, bleiben Requies grundsätzlich bei redundanzbehafteter, ungenauer, aber dafür ästhetischer natürlicher Sprache (hiervon gibt es eine kleine Gruppe sophiler Ausnahmen: diejenigen, die bei Chris Rupp den NLP-RE-Kurs besucht, dessen Inhalt sowohl verstanden und verinnerlicht haben und darüber hinaus auch noch anwenden können).
Bemerkenswert an den Requies ist ihre schon fast legendäre Unbeliebtheit: Außer bei Kundeniern dürfen sie sich praktisch nirgendwo auf dem IT-Globus blicken lassen. Obwohl viele von ihnen ziemlich nett sind, ehrlich.
Mutig im Dunkeln werkeln
Architektonier lieben die Dunkelheit - dort müssen sie zumindest arbeiten. Falls es bei der Arbeit doch mal hell wird, herrscht garantiert dichter Nebel. Mit 99%iger Wahrscheinlichkeit hat ein Architektonier bei der Arbeit keine klare Sicht, weder auf die zu lösenden Aufgaben noch auf die vorhandene Technologien.
Macht aber nichts - Architektonier haben im Lauf ihrer fast 25-jährigen Evolution großen Mut ausgeprägt. Den brauchen sie auch, um ihrer wichtigsten Aufgabe nachzukommen, nämlich Entscheidungen zu treffen. Ihre zweite Aufgabe lautet, über ihre Arbeit mit allerlei anderem Volk zu sprechen. Architektonier besitzen eine gehörige Portion Sendungsbewusstsein und Kommunikationstalent.
Zwischen Analytistan und Architektonien verläuft eine Grenze, die ähnlich der alten innerdeutschen Grenze gestaltet ist: Architektonier können sie aufgrund ihres legendären Mutes problemlos in beide Richtungen passieren, Requies jedoch bleibt sie in beide Richtungen verschlossen.
Die Heimat von Geeks, Nerds und weiteren technophilen Vielseitern heißt Prograland. Alle Neugeborenen legt man in Prograland traditionsgemäß in lauwarme Bytesuppe. Das prägt, gründlich und dauerhaft. Prograland straft sämtliche biologischen Thesen Lügen: Trotz 98,8 % maskuliner Bevölkerung nimmt die Einwohnerzahl von Prograland ständig zu. Irgendwie muss eine Art Raum-Zeit-Kanal frische Geeks in dieses vielseitige, farbenfrohe und wortkarge Land einschleusen. Aber das spielt hier keine Rolle. Prograland besteht aus einer Vielzahl von Provinzen, die teilweise in offenem Konflikt miteinander existieren. So feinden sich seit Jahren die Hochebenen von *IX mit den Niederungen von MS* an2, oder C* neidet J* seine Erfolge.
Insgesamt sind die Prograländer ziemlich verspielt und bleiben gerne unter sich. Requies sind nicht geduldet, Geld und Zeit spielen keine Rolle (es sei denn, es handelt sich um Millisekunden - die zählen, Personentage aber nicht). Nur mit einem kann man den Geeks und Nerds so richtig Angst machen: Mit Q. (ka)