Rapunzel 2.0
- Henning Behme
Es war einmal ein World Wide Web, das hatten seine Eltern sehr lieb. Sie nannten es meistens einfach WWW. In der Schule riefen es die Kameraden aller Geschlechter einfach Web. Und wenn das kleine Web aus dem Fenster des Reihenendhauses sah, konnte es einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Dokumente stand.
Lange, lange Zeit war das Web eins und nur eins. So einzig wie artig, nicht zählbar wie Reis und Butter. Aber eines Abends, zu des Kindes dreizehntem Geburtstag, erschien der böse Zauberer in Gestalt eines Lehrers, der große Macht hatte. Er sah, dass das Web herangewachsen war, und wollte es fürderhin Web 2.0 nennen, da es sich so sehr verändert hatte.
Der Zauberer hieß Tim, wie der Vater des kleinen Web. Er wollte das nun fast erwachsene Web in der Welt herumzeigen, es loben wegen seines Könnens und durch Vorführungen ein paar Taler einnehmen. Schweren Herzens ließen die Eltern das kleine Web ziehen, denn sie fürchteten den Zauberer.
Viele Monate lang zeigte er das Kind her, bis andere Magier das ihre gleichfalls Web 2.0 tauften, was ihnen der Zauberer zu verbieten trachtete. Da aber erscholl die Stimme des Vaters, der sein Kind an sich riss und den Zauberern entgegen schrie: Das ist immer noch mein kleines Web!
* * *
Was so märchenhaft sich anhört, ist nicht ohne Wirklichkeitsbezug, denn das von Tim Berners-Lee und anderen Anfang der 90er-Jahre ins Leben gerufene WWW hat sich tatsächlich prächtig entwickelt. Und es war Tim O’Reilly, der mit seiner Web 2.0 genannten Konferenz 2004 das magische Wort prägte (und später tatsächlich Markenrechte dafür in Anspruch nehmen wollte).
Versionsnummern sind in der Softwareentwicklung alltägliches Geschäft. Gavin Clarke hat jedoch bei The Register1 schon zwölf ungewöhnliche bis unsinnige Erscheinungsformen gefunden: von advertising 2.0 bis VoIP 2.0. Klar, wie dieses Editorial eigentlich hätte heißen müssen.
KĂĽrzlich hat Tim Berners-Lee in einem Podcast der IBM Developerworks2 das Web 2.0 als lediglich Jargon/Fachsprache/Kauderwelsch bezeichnet und darauf hingewiesen, dass das Web ursprĂĽnglich als interaktiver Raum gedacht war. Blogs und Wikis seien daher gleichsam nichts Neues.
Das hat ihn zwar nicht davon abgehalten, vor Monaten für das Web 3.0 RDF als Datenformat und SVG fürs GUI als Bestandteile zu sehen, aber es bleibt, dass der plakative Versionssprung von 1 auf 2, wie ihn heut’ ein jeder nennt, über den langsamen Fortschritt (immerhin) nicht hinwegtäuscht. Arbeiten wir dran. :-)
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Da irrte das kleine Web, das schon längst ein großes geworden war, lange blind im Wald umher, las nichts als Blogs und Gmail und stürzte in immer tiefere Verzweiflung. Bis es eines Tages in eine Wüstenei geriet, wo es viele Monde in großem Jammer und Elend leben musste, bis es eines Mittags zwei Stimmen vernahm, die ihm so bekannt deuchten. Und aus dem Sonnenflimmern näherten sich ihm vereint der Vater und der Zauberer, und es fiel ihnen um den Hals und weinte. Zurück daheim, lebten sie noch lange glücklich und vergnügt, und schließlich ward aus dem kleinen Web das Web 3.0 ...
1 www.theregister.co.uk/2006/08/30/web_20_berners_lee/
2 www.ibm.com/developerworks/podcast/dwi/cm-int082206.txt (ole)