Angst vor der Angst
Die Palette menschlicher Ängste reicht von A wie Autophobie bis Z wie Zoophobie. Was dem einen eher belustigend erscheint, bewirkt beim anderen peinliche Schweißausbrüche.
- Diane Sieger
Viele kennen das Gefühl, das einen beschleicht, bevor man einen Vortrag halten muss. Wenn das Herz schneller schlägt, die Handflächen schweißnass werden, die Stimme zittert. Manch anderer geht vielleicht einfach nur nicht gern ans Telefon, weil die Ungewissheit über den Anrufer den Puls in die Höhe treibt. Wieder andere steigen tagtäglich unzählige Treppenstufen hinauf und herunter, um die Fahrt im Aufzug zu vermeiden, die regelmäßig zu Panikattacken führt. Angst hat viele Gesichter, und wenn sie anfängt das Leben zu beeinträchtigen, sich vielleicht schon zu einer Phobie ausgebildet hat, wird es Zeit, sich ein bisschen näher mit ihr zu beschäftigen.
Dass es einen Unterschied zwischen Angst und Furcht gibt, lernt der Laie bei Wikipedia, wo ihn eine umfangreiche Begriffsklärung erwartet. Beide Vokabeln umschreiben zwar Empfindungs- und Verhaltenssituationen aus Ungewissheit und Anspannung, die durch eingetretene oder erwartete Bedrohung ausgelöst wird. Furcht ist jedoch immer auf eine reale Bedrohung bezogen, Angst dagegen ist ein ungerichteter Zustand.
Wann Ängste zu Phobien werden, erklärt der Netdoktor. Die Unterteilung in drei Untergruppen erläutert er ebenfalls kurz und übersichtlich. Unter Agoraphobie sind Ängste zu verstehen, die vor allem in Situationen auftreten, in denen sich Menschen nicht in ihrer gewohnten Umgebung aufhalten, während die soziale Phobie in der Regel in zwischenmenschlicher Kommunikation vorkommt. Die Betroffenen fürchten, in Anwesenheit anderer zu versagen oder etwas zu tun, das peinlich, ungeschickt, dumm oder demütigend sein könnte. Schließlich gibt es die spezifischen Phobien, die in Zusammenhang mit bestimmten Situationen oder Objekten stehen. Die Angst vor der Fahrt mit dem Aufzug ist hier ebenso einzuordnen wie die vor Spinnen.
Mit der Angst lässt sich leben
Mit vielen Phobien kann man durchaus leben. Die erhöhte Angst vor Nacktmullen (Zemmiphobia) zum Beispiel führt in unseren Breitengraden nicht unbedingt zu einer Beeinträchtigung, da diese Nager hauptsächlich in Ostafrika vorkommen. Andere Phobien sind weit bekannt und gesellschaftlich akzeptiert, etwa die Flugangst (Aviophobie). Den meisten Personen mit Angst vor dem nächsten Businesstrip oder der bevorstehenden Urlaubsreise wird von ihren Mitmenschen Verständnis entgegengebracht. Obwohl es sich bei der Flugangst um eine Krankheit handelt, wie sich wiederum beim Netdoktor nachlesen lässt, gibt es Hoffnung, diese Phobie dauerhaft loszuwerden. Zahlreiche Anbieter offerieren - oft im Auftrag namhafter Fluggesellschaften - Einzel- und Gruppenseminare, in denen Betroffene lernen, die Angst vorm Fliegen zu bewältigen. Einer dieser Anbieter ist das Flugangstzentrum. Wer keine Zeit mehr für ein aufwendiges Seminar hat, da der nächste Flug schon bald auf dem Plan steht, bekommt hilfreiche Tipps bei der Flugangstambulanz. Im Download-Bereich gibt es eine Checkliste zur Vorbereitung auf den Flug und Hinweise zur Entspannung.
Schwieriger ist es für Menschen mit Prüfungsangst (Testophobie) - zwar sind die in Prüfungssituationen aufgeregt, in den meisten Fällen ist diese Angst jedoch nicht krankheitsbedingt, und diejenigen, die einer Klausur oder mündlichen Prüfung locker entgegensehen, belächeln die Ängstlichen nur müde. Dass die Angst auch positive Auswirkungen haben kann, indem sie die von ihr Geplagten anfeuert und zu Höchstleistungen puscht, kann man einem im NEON zur Testophobie erschienenen Artikel entnehmen.
Des Datums doppelte Bedeutung
Der Oktober dieses Jahres war ein harter Brocken für alle, die unter Paraskavedekatriaphobie leiden, der massiven Angst vor Freitag, dem 13ten. Die Besonderheit dieses speziellen Datums war, dass auch die Quersumme aller im Datum enthaltenen Ziffern 13 ergab, ein Phänomen, das zuletzt im Jahre 1520 auftrat, wie die Washington Times berichtete (Ende Oktober noch unter www.washingtontimes.com/national/20061012115954-3697r.htm erreichbar). Was für ein Glück, dass dieser Tag inzwischen vorbei ist. Manch Paraskavedekatriaphobiker ist mit Sicherheit vor Angst gar nicht erst aus dem Bett gestiegen.
Phobiengeplagte befinden sich immerhin in prominenter Gesellschaft, denn auch Stars und Sternchen leiden an Ängsten. Die Liste der betroffenen Promis ist lang, ein Ausschnitt belegt dies hinreichend. Jemand, der sich intensiv mit den Spleens der Berühmten beschäftigt hat, ist Professor Borwin Bandelow. In seinem Interview auf jetzt.de erzählt er, was er über Ängste denkt und entlockt der Autorin ihre eigenen Ängste. Beispielsweise die Angst davor, dass das Diktiergerät während des Interviews den Geist aufgeben könnte. Außerdem plaudert er über Arachibutyrophobie, die Angst davor, dass Erdnussbutter am Gaumen kleben bleibt. Ein Phänomen, das in den USA aufgrund des erhöhten Erdnussbuttergenusses sicherlich wesentlich häufiger vorkommt als in Europa.
Zurück zu den Prominenten: Wunderbar dargestellt werden spezifische Phobien von Tony Shalhoub in seiner Rolle als Privatdetektiv Adrian Monk. Im Serienlexikon lässt sich nachlesen, worum es bei dieser von RTL ausgestrahlten Krimiserie geht und unter welchen Ängsten der trotz allem sympathische Ermittler leidet. Die überspitzte Darstellung von Monks Phobien ist zwar erheiternd, wer aber in der Realität ebenso unter Angst vor Dunkelheit, Menschenmassen oder Schmutz leidet, hat oft nichts zu lachen. Betroffene, die noch keinen Weg gefunden haben, gegen ihre Phobie anzukämpfen, können online Hilfe suchen. Eine Phobikerin berichtet hier über ihren Krankheitsverlauf und hat wertvolle Informationen und Tipps zur Selbsthilfe zusammengestellt. Neben ihrer eigenen Geschichte stellt sie diverse psychologische Themengebiete vor, bietet eine Liste von Anlaufstellen und erklärt unterschiedliche Therapieformen. Großer Bonus dieser Homepage ist das umfangreiche Forum, in dem sich Betroffene austauschen und um Rat bitten können. Sicher ein hilfreiches Angebot für Ängstliche.
Vielleicht hilft es manchmal aber auch, sich einfach nur zu vergegenwärtigen, dass es anderen eventuell noch viel schlechter geht als einem selbst. Wie muss es zum Beispiel den Menschen gehen, die Angst vor Urin haben (Urophobie), vor der Farbe gelb (Xanthophobie) oder vor Telefonen (Telephonophobie)? Während der ein oder andere die Angst vorm Zähneputzen (Tribodontophobie) vielleicht noch nachvollziehen kann, findet sicherlich niemand die Angst vorm Schlafen (Somniphobie) und vor Dingen zur linken Hand (Levophobie) besonders witzig. Neben den diversen, aufgelisteten Angstauslösern erscheint vielleicht das eigene Problem viel leichter lösbar. (ka)