Ungebrochen

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Ralph HĂĽlsenbusch

Wenn ein großes Unternehmen den schnuckligen Tux - Galionsfigur des Open-Source-Betriebssystems Linux - in eine mittelalterliche Rüstung steckt, sind das deutlich sichtbare Zeichen der Zeit, diesmal an einer Stätte zu lesen, der fast die gesamte IT ihre Daten weiht: Oracle, das den kleinen Pinguin zum Ritter seines eigenen „Unbreakable Enterprise Linux“ geschlagen hat.

Dabei ist das „Unkaputtbare“ nicht neu: Auf der Suche nach einer tragfähigen Grundlage für seine Datenbank rückte einst (1999) Oracles Chef Larry Ellison nach seinem düsteren Spruch vom überflüssigen Betriebssystem dessen Herstellern mit blankem Eisen („Raw Iron“) zu Leibe. Letztlich kam es zur Union mit Sun, das für Oracle 9i den schlanken Solaris-Unterbau lieferte. Im November 2001 erklärte Ellison Oracle zur einbruchssicheren („unbreakable“) Datenbank, knapp einen Monat später tauchten die ersten Sicherheitslücken auf.

Mit dem nächsten Zug zu Linux und der Waffenbrüderschaft mit Red Hat gelang ebenso wenig ein Durchbruch. Ohne diese Liaison blieb nur eins: Selbst ans Werk, schließlich sind Red Hats Quellen frei zugänglich.

Nun steht der Pinguin da auf www.oracle.com, mit geschwollener Brust wie ein Rettungsschwimmer aus Baywatch und versteckt etwas hinterm Rücken. „Until January 31, 2007“ reicht die Freiheit, Oracles UEL zu kosten. Ein Sonderangebot mit Spätfolgen, denn ab dann sind Abgaben fällig - nicht etwa für eine Linux-Distribution, sondern für den Support in Verbindung mit der Datenbank. Rüstungsträger ohne sichtbare Waffen in einer solchen Pose flößen trotz freundlichen Blicks und ungeschützten Kopfs nicht gerade Vertrauen ein.

Kostenlose Downloads von Enterprise Linux, Oracle Database 10g und Oracle Application Server 10g locken sicherlich die Korona der Jäger und Sammler. Unbestritten: Für Forschung und Lehre könnte da lohnende Beute zu machen sein. Aber welcher IT-Manager lässt sich von seinen Tiers (meist Tier 0) derart beißen, dass er Schutz hinter einem „Unbreakable Linux“ sucht? Denen geht es um die Bedächtigkeit des Seins, vor allem aus Sicherheitsgründen. Schon bis eine neue Version samt Patches erprobt und installiert ist, vergeht (viel) Zeit, und große Installationen halten sich bewusst von aller Versionitis fern. Da ist oftmals weder von 10 noch von „g“ die Rede.

Doch wenn man mal eben in den Open-Source-Topf langen und sich was fürs Enterprise brauen kann, schneller als Microsoft nun endgültig „Longhorn“ sagen kann und Sun die letzten Winkel seines Solaris erleuchtet hat, verursacht das reichlich Palaver. Da gab es die eine oder andere Aufräumungsarbeit vor allem bei den Rothüten. Inzwischen hat sich die Aufregung aber gelegt, und das Geschäft geht weiter, wie üblich. Tux ist jedenfalls trotzdem gut beraten, sich fit zu halten und besser locker zu kleiden, denn der kommerzielle Sog schafft unruhige Gewässer, in denen die Wellen nicht mikro-soft schlagen. Ein kleiner Wasservogel kann da schnell leichte Beute sein. (ole)