Mythen und MĂĽhen
Herkules darf nun doch den Dienst antreten. Am 28. Dezember erteilte die Bundeswehr dem Konsortium aus SBS (Siemens Business Services) und IBM offiziell den Auftrag, ihre nichtmilitärische, administrative Informations- und Kommunikationstechnik zu modernisieren und zu betreiben. Dazu gehören mehr als 140 000 Computerarbeitsplätze, 300 000 Telefone und die Rechenzentren der Bundeswehr sowie moderne IT-Serviceleistungen. Mit einem Auftragsvolumen von rund 7,1 Mrd. Euro und einer Laufzeit von zehn Jahren gilt Herkules als das größte Projekt einer Public Private Partnership (PPP) und gleichzeitig eins der komplexesten und umfangreichsten Vorhaben in Europa für eine solche öffentlich-private Partnerschaft.
Die nackten Fakten zum Projekt Herkules klingen gewaltig und scheinen dem Mythos des Namenspatrons gerecht zu werden. Allein das Aufräumen des Hardware- und Technik-Zoos erinnert stark an die fünfte von König Eurystheus gestellte Aufgabe, das Ausmisten der Rinderställe des Augias.
Ungeachtet dessen ist das Image des Bundeswehrprojekts in der Öffentlichkeit alles andere als positiv. Denn mit Ruhm bekleckert haben sich die Beteiligten bislang nicht. Das Vergabeverfahren konnte beispielsweise erst nach über fünf Jahren zäher Verhandlungen zu einem Abschluss gebracht werden. Zwischenzeitlich galt das Projekt sogar schon als gescheitert. Es zählt(e) neben dem LKW-Mautprojekt Toll Collect, dem gescheiterten Fiscus-Bemühen, die deutschen Finanzämter mit einheitlicher Computersoftware auszustatten, sowie der Groteske um den Aufbau des digitalen Behördenfunks (BOS) zu den gern angeführten Beispielen für die Schwierigkeit der öffentlichen Hand bei der Beschaffung und Realisierung neuer Technologien. So gilt der desaströse Auftakt des Toll-Collect-Projekts als Ursache dafür, dass der damalige T-Systems-Chef Konrad Reiss für sein Unternehmen die Reißleine zog und sich aus der Bietergemeinschaft mit Siemens und IBM verabschiedete.
Der Vergleich mit Toll Collect hinkt jedoch, da bei Herkules im Prinzip keine neue Software entwickelt wird. Dies geschieht in einem anderen kostspieligen Projekt namens SASPF (Standard-Anwendungs-Software-Produkt-Familie), das auf Basis von SAP-Software die bestehenden Insellösungen bis 2013 vereinheitlichen und zusammenführen soll. Allerdings gilt Herkules als wesentliche Voraussetzung für SASPF und soll die Einführung flankieren.
Außerdem muss sich erst zeigen, ob Herkules für IBM und SBS eine sichere Bank ist. Kommentatoren verweisen auf eine Kalkulation des Bundesrechnungshofes, nach der das Verteidigungsministerium das Projekt in eigener Regie um eine Milliarde Euro kostengünstiger durchführen könne. Das Ministerium soll laut Nachrichtenagentur ddp beim Vergleich von Behördenmodell und Kooperationslösung zu einem anderen Schluss kommen. Die Zukunft wird zeigen, wer richtig liegt. Behördenprojekte gelten ja nicht gerade als Erfolgsgaranten.
Risiken birgt Herkules für beide Seiten. Sei es die Gefahr einer höheren Abhängigkeit durch die Auslagerung und Teilprivatisierung; sei es die Neuinterpretation von Vertragsbestandteilen oder die jährlich erforderliche Freigabe des Haushaltspostens. Das in der Vergangenheit schlecht beleumundete LKW-Mautprojekt gilt nach dem stotternden Start inzwischen als Erfolg. Im vergangenen Jahr beliefen sich die Einnahmen bereits auf 3,1 Mrd. Euro, wovon sich die Betreibergesellschaft rund 600 Mio. Euro abzweigen darf. Der mythischen Gestalt Herkules war ein versöhnliches Ende in seinem irdischen Leben hingegen nicht beschieden. Und im Unterschied zu Toll Collect gibt es bei dem Bundeswehrprojekt keinen Dritten, den man schröpfen könnte. (ole)