Eine Welt für sich

Besitzer aktueller Handys oder Smartphones kennen wahrscheinlich die Begriffe Symbian, Series60 oder UIQ. Genauso wie alle, die regelmäßig Werbeflyer von Mobilfunkanbietern oder Handy-Herstellern studieren.

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Von
  • Kai König

Was oder wer ist Symbian? Die Anwort ist relativ klar, aber nicht ganz eindeutig. Von einem formalen Standpunkt aus handelt es sich um ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das die Mobilfunkgerätehersteller Ericsson, Nokia, Motorola und Psion 1998 mit dem Ziel gegründet haben, einen Industriestandard im Bereich der Betriebssysteme für Mobilfunkgeräte zu etablieren. Im Laufe der Jahre kamen weitere Anteilseigner hinzu, darunter Panasonic, Siemens, Sony Ericsson und Samsung. Die wichtigsten Fakten der Entwicklungsgeschichte des Symbian-Konsortiums wurden bekanntgemacht.

Im Alltag versteht man allerdings in der Regel unter dem Begriff eine Ausprägung des Symbian-Betriebssystems. Vielfach finden sich „Symbian-Handys“ in Produktbeschreibungen, ohne dass der Leser erkennen kann, was genau sich hinter dieser Bezeichnung verbirgt.

Die technischen Wurzeln von Symbian OS liegen in Psions PDA-Betriebssystem EPOC, das altgediente Gadget-Recken noch von Geräten wie den Psions Series 5mx, Revo oder Series 7 kennen. Diese aufklappbaren Tastatur-Organizer verfügten über eine lange Laufzeit und stabiles Laufzeitverhalten. Die ersten Handys auf Basis des Symbian-Betriebssystems hatten zwar keine vollständige Tastatur, allerdings erfordert ein Mobiltelefon ein stabiles, zuverlässiges und multi-threading/-tasking fähiges Betriebssystem.

Im Gegensatz zum Begriff Symbian beschreibt die Terminologie um Series60, Series80, Series90 sowie UIQ nicht das Betriebssystem, sondern Spezifikationen der Benutzerschnittstelle für diverse Mobilgeräte und vor allem für unterschiedliche Geräteformen.

Bei der S60-Plattform (früher als Series60 bekannt) handelt es sich um eine Spezifikation für Geräte, die der Gelegenheitsnutzer nur auf den zweiten Blick als Smartphones oder als Hybrid aus PDA und Mobiltelefon erkennt. Marktführer im Bereich der S60-Plattform ist mit aktuell 33 von 38 Geräten der finnische Hersteller Nokia, der mit dem Modell 7650 im Jahr 2001 das erste kommerziell erfolgreiche Handy auf Basis von S60 veröffentlicht hat.

Im Bereich der S60-Plattform gibt es zurzeit drei Versionen, die 1st, 2nd sowie die aktuelle 3rd Edition. Geräte der 1st Edition sind kaum mehr außerhalb von Ebay erhältlich, und alle neu erscheinenden S60-Mobiltelefone basieren auf der 3rd Edition. Allen gemeinsam ist, dass sie die Installation zusätzlicher Software erlauben, die man beispielsweise bei Handango erwerben kann. Für Nutzer eines S60-Gerätes ist es wichtig zu wissen, welche Version das Telefon unterstützt, da Applikationen für die 3rd Edition nicht binärkompatibel zu früheren Editionen und viele der Anwendungen noch nicht für die Edition 3 verfügbar sind. Der Grund für diese Einschränkung ist das der S60 3rd Edition zugrunde liegende Symbian OS 9.1 (die 1st und 2nd Edition basierten auf Symbian 6.1 beziehungsweise 7.0).

Natürlich gibt es für S60-Geräte auch eine Unmenge von Freeware, dazu eine ausführlich kommentierte Softwarelisten oder das wohl bekannteste deutschsprachige S60-Portal. Neueinsteiger in der Welt der S60-Geräte und -Software finden dort auch verschiedene gut gemachte Workshops beziehungsweise Tutorials, die komplexe Features und Vorgänge des neuen Gerätes verständlich erklären.

Möchte man zusätzlich eigene Ideen verwirklichen, bietet die s60-Plattform verschiedene Möglichkeiten zur Softwareentwicklung. Sowohl Symbian als auch S60 basieren auf C++, daher verwundert es nicht, dass native S60-Software in C++ entwickelt wird. Ebenfalls fast schon ein Standard für Mobilgeräte ist Java, in der Regel unter Nutzung von J2ME (Java 2 Mobile Edition) beziehungsweise des Mobile Information Device Profile. Einen guten Startpunkt für Einsteiger bietet das Forum Nokia mit vielen Informationen, Tutorials und weiterführenden Verweisen.

Allerdings sind auch Plattformen vertreten, die man nicht unbedingt in der Entwicklungslandschaft eines Mobiltelefons erwarten würde, etwa Python oder Adobes Flash Lite. Letzteres ist in der Player-Version 1.1 in allen neuen S60-Geräten von Nokia vorinstalliert, lässt sich aber einfach mit der aktuelle Version Flash Lite 2.1 aktualisieren. Eine weitere Programmierumgebung für S60 heißt OPL, das noch aus der EPOC-Vergangenheit des Symbian-Betriebssystems stammt. Anwendungen dieser interpretierten Sprache lassen sich mithilfe verschiedener Laufzeitumgebungen einfach auf verschiedene Symbian- sowie EPOC-Plattformen portieren. OPL für S60 ist zurzeit jedoch nur für Geräte der 1st und 2nd Edition verfügbar.

Im Bereich der User-Interface-Spezifikationen, neben der S60-Plattform, heißen die bekanntesten UIQ (User Interface Quarz) und Series80. UIQ findet man in der Regel auf Symbian-Geräten mit Touchscreen. Die in Deutschland im Prinzip einzigen Vertreter dieser Spezies sind die P800/900/910-Geräte von Sony Ericsson, die der Hersteller als Business-Handy beziehungsweise als mobiles Büro im Markt platziert hat. Seit Kurzem sind neue UIQ-Geräte auf Basis von UIQ 3 erhältlich. Bis einschließlich UIQ 2 muss man leider festhalten, dass Geräte- und Softwarevielfalt weit hinter der S60-Plattform zurückbleiben, wenngleich UIQ ebenfalls komfortable Entwicklungsumgebungen und gute Dokumentation vorzuweisen hat (auch als durchaus zu empfehlende Freeware-Ressource, auch hier oder als interessanter UIQ-Blog).

Gegenüber den beiden großen Geschwistern führen die Series80 und die Series90 ein Schattendasein. Beide basieren ebenfalls auf Symbian, allerdings findet man Series80 nur auf Nokias Communicator-9xxx-Geräten und Series90 sogar nur auf Nokias 7700 beziehungsweise 7710 Multimedia Smartphones, die sich jedoch nicht durchsetzen konnten.

Ein weiteres erwähnenswertes „Stiefkind“ ist die Series40. Wie bei S60 handelt es sich um die Spezifikation einer Benutzerschnittstelle für in der Regel Geräte vom Typ Candybar, die allerdings nicht auf Symbian OS beruht, sondern eine Eigenentwicklung von Nokia ist. Standard auf Series40-Geräten ist J2ME, seit einiger Zeit auch Flash Lite 1.1/2.0 - Series40 hat aber bei Weitem keine so große Entwickler- und Aktivnutzer-Community wie S60 - trotzdem fördert eine Suche nach externer Software hier ebenfalls einige Programme ans Tageslicht.

Zum Schluss noch ein Link zu einem interessanten - und von Nokia aktiv unterstützen - S60-Projekt: Mobile Webserver, eine S60-Portierung des Apache HTTP-Servers. (ka)