Freie Auswahl
Wer Linux auf Firmenservern einsetzen will, tut gut daran, sich nicht nur mit technischen Eigenschaften, sondern auch mit den industriepolitischen Aspekten freier Software auseinanderzusetzen. Mit Debian, Novell/Suse und Red Hat beackern vor allem drei Kandidaten mit technisch ähnlichen, jedoch wirtschaftlich sehr unterschiedlichen Konzepten das Umfeld.
- Johannes Loxen
New York im März 2005: Bei McCormick and Schmick’s treffen sich Matthew Szulik und Steve Ballmer, die CEOs der Firmen Red Hat und Microsoft. Was sie dort besprechen, dringt nicht an die Öffentlichkeit. Beide kommentieren das Zusammentreffen hinterher mit wenigen Worten oder gar nicht. Sicherlich dürfte es aber um das jeweils eigene und das gemeinsame Geschäft gegangen sein und um den Markt, den beide mit höchst unterschiedlichen Produktphilosophien beackern. Während Microsoft den zum guten Teil selbst begründeten Markt proprietärer Software versorgt, versucht Red Hat die Frage zu beantworten, wie man mit freier Software Geld verdienen kann.
Dieser Artikel beschreibt, was Enterprise Linux ist, wer es herstellt und welchen Markt es bedient. Es geht um Zertifizierungen, Dienstleistungen und Produktzyklen. Und es geht um Wettbewerb. Den Wettbewerb der Linux-Distributoren untereinander, das „Ökosystem“ der Unternehmen drum herum, die aus Überzeugung oder aus Zwang mit freier Software arbeiten. Und es geht um den Wettbewerb und die gleichzeitige Koexistenz proprietärer und freier Software. Hintergrundinformationen, die bei anstehenden Anwenderentscheidungen den Ausschlag geben können.
Da Enterprise Linux nur im Bereich der Linux-Server auf eine hinreichend lange Geschichte zurĂĽckblicken kann, wird der Linux-Desktop hier nur am Rande betrachtet. Damit liegt der Fokus auch automatisch auf der gewerblichen Nutzung in der IT-Infrastruktur und nicht auf Anwendungen oder dem privaten Einsatz. Der Artikel schildert die Sicht eines Systemintegrators, nicht die eines Herstellers.
Linux Enterprises: Geschäftsmodelle
Die folgende Betrachtung beschränkt sich auf Novells Suse Linux Enterprise Server (SLES), Red Hat Enterprise Linux (RHEL) und auf Debian Linux. Debian hat zwar kein Unternehmen als Hersteller, erfreut sich aber wegen der Release-Politik und der bisherigen Erfahrungen mit der Pflege durch das Debian-Team ähnlich großer Verbreitung wie SLES oder RHEL. Die Übersicht berücksichtigt nicht Entwicklungen wie Ubuntu Server und Xandros oder Systeme von nur regionaler Bedeutung wie Mandriva und Univentions UCS. BSD-Systeme bleiben ebenfalls außen vor, jedoch finden sich kurz ein paar Besonderheiten bei Linux aus der Sicht der freien Unices.
(Bild:Â Techconsult GmbH, www.techconsult.de)
Schon sehr früh nach Entstehung der ersten Distributionen fanden sich Entwickler, die sich mit eigenen Firmen selbstständig machten und auf Basis freier Software Geld verdienen wollten. Neben den vielen Dienstleistungsunternehmen mit mehr oder weniger „reinrassigen“ Freie-Software-Geschäftsmodellen kristallisierten sich bald die wichtigsten Distributoren heraus, die es bis zu überregionaler Bedeutung schafften: Red Hat in den USA und Suse in Europa. Während sich Red Hat für eine Aufspaltung in die Community-Distribution Fedora und die Enterprise-Variante RHEL entschied, entwickelten sich aus dem Linux von Suse nach einigen Umwegen über die Fusions-Distribution United Linux schließlich die Community-Distribution Opensuse und das inzwischen unter der Ägide von Novell herausgegebene Enterprise-Linux SLES. Debian blieb Debian und zeichnete schon frühzeitig eine Arbeitsweise vor, der sich die gewerblichen Enterprise-Distributoren anschlossen: Lange Release-Zyklen und ein zuverlässiges Patch-Management. Über die Schwierigkeiten für das Debian-Team, die gleiche Qualität wie RHEL und SLES auf nichtgewerbliche Art bereitzustellen, wird noch zu sprechen sein.
Unabhängig davon, dass Novell und Red Hat mit zusätzlichen Angeboten weitere Umsätze machen (und machen müssen), liegt dem Geschäftsmodell bei RHEL und SLES die gleiche Methodik zugrunde: Software-Subskription, also ein Update-Abonnement, das auch Major-Upgrades zulässt. Der Zeitraum für diese Softwarepflege (Maintenance) beträgt dabei mindestens 5 Jahre pro Major-Release. Von den ersten Enterprise-Versionen einmal abgesehen, halten Novell und Red Hat diesen Zyklus auch durch. Dazu kommt ein mehr oder weniger von Partnern der Distributoren geleistetes Support-Angebot - für Key-Accounts auch direkt vom jeweiligen Distributionsbauer. Dies ist das Standardgeschäft, das Red Hat und Novell gemeinsam verfolgen. Bei Debian entfällt das Support-Angebot, es gibt die reine Maintenance auf vollständig freier und aus Sicht des einzelnen Mitglieds des Debian-Teams auch freiwilliger Basis. Bei Debian-Derivaten wie UCS oder Xandros kümmern sich die Anbieter um aus ihrer Sicht notwendige zusätzliche Aspekte.
Open Source Distribution - Closed Source Services
Red Hat verfolgt eine Strategie, ausschließlich freie Software zu distribuieren. Dabei schränken klare Regeln bezüglich der Marke Red Hat diese Freiheit ein, sodass andere Interessierte ein Red Hat Linux nicht ohne Weiteres gewerblich nutzen können. Allerdings bieten die Rothüte selbst eine Anleitung, wie man die Markenbezüge aus der Distribution sicher entfernt. Dies haben Oracle, mit einer eigenen Red-Hat-basierten Linux-Distribution im Jahr 2006, und CentOS angewendet. Zurzeit noch vollständig proprietär ist die Support-Infrastruktur, das „Red Hat Network“. Insbesondere der Satellite-Server ist ein Kaufprodukt, mit dem sich ein eigener Update-Server in Betrieb nehmen lässt. Dieser stellt Patches zentral bereit, sodass nicht alle RHEL-Systeme einen eigenen Internetzugang zum Red Hat Network benötigen.
Der Fluch des Geldes
Debian unterliegt nicht einem für die Distributoren Novell und Red Hat bedeutsamen wichtigen Zwang: Quartalsberichte. Dieser Umstand ist bedeutsam für die Zukunft von Enterprise Linux: Novell und Red Hat sind beide börsennotierte Aktiengesellschaften. Das bedeutet, dass zu den technischen Einflüssen auch die Rahmenbedingungen der Börse hinzukommen, also eine eher auf Psychologie als auf betriebswirtschaftlichen Daten basierende Unternehmensbewertung, die die Objekte der Begierde dafür anfällig macht, eher die Quartalsberichte im Auge zu haben statt eine langfristige Sicherung des Geschäfts zu verfolgen. Dies zeigte sich deutlich, als der Börsenkurs von Red Hat nach der Ankündigung eines Oracle-Linux und des Microsoft-Novell-Abkommens stark abfiel und der Novell-Kurs anstieg. Dass beide Vorgänge Red Hat langfristig stärken und Novell langfristig schwächen, kann man in einer nur monatsweisen Betrachtung halt nicht erkennen.
Red Hat legt ebenfalls großen Wert darauf, nur die Quelltexte des RHEL frei bereitzustellen. Die tatsächlich installierbaren und ausführbaren Programme gibt es nur auf den zu kaufenden Datenträgern und über den zu abonnierenden Update-Server. Man könnte dieses Konzept also als Closed Shop auf Basis freier Software bezeichnen. Inzwischen gibt es Pläne, auch den Satellite-Server unter die GPL zu stellen, weil Red Hat in dieses System auch externe Anbieter integrieren will. Den Schutz des zentralen Geschäftsmodells will man aber auch in Zukunft über die Zugriffsreglementierung für die Software sowie gewerbliche Schutzrechte für die Marke Red Hat realisieren.
Open Source + Private Source = Mixed Source
Novell hatte ursprünglich keine freie Software im Angebot. Man war in den 80er-Jahren unbestrittener Marktführer bei Server-Software vor allem im Mittelstand. Dies verschaffte dem Hersteller eine sehr große Anzahl installierter Systeme. Mit der Konkurrenz durch Windows NT hatte Novell schwer zu kämpfen und musste in den 90er-Jahren große Marktanteile abgeben. Versuche, diesen Markt mit eigenen Client-Betriebssystemen oder Anwendungen zu versorgen, schlugen fehl. Erst mit dem Kauf der Suse Linux AG änderte sich dies. Damit wandelte sich Novell auf einen Schlag zum Konkurrenten von Red Hat und hatte sich gleichzeitig gegenüber Microsoft neu aufgestellt. Die Integration freier Software gestaltet sich aber nicht einfach, denn intern ist mit dem Eingliedern von Suse ein großer Umstellungsprozess verbunden und extern im Markt muss man die nun vertretene Mixed-Source-Strategie mit viel Aufwand kommunizieren. Die Distribution SLES enthält nur freie Software und zentrale Update-Server für Unternehmen lassen sich relativ problemlos installieren. Wie bei Red Hat besteht aber auch hier die Notwendigkeit einer zentralen Registrierung aller genutzten Server, um die Updates rechtssicher beziehen zu können.
Aus deutscher Sicht wäre hier noch anzumerken, dass mit dem Kauf von Suse Linux durch Novell wieder einmal ein amerikanisches Unternehmen eine in Deutschland entscheidend mitentwickelte Technologie weiterverwertet und damit der Exportweltmeister Deutschland im Bereich Software weiterhin Importmeister bleibt.
Den vollständigen Artikel finden Sie in der Printausgabe.
iX-TRACT
- Enterprise Linux hat die kommerziellen Unix-Derivate weitgehend marginalisiert - mit im Detail sehr unterschiedlichen Geschäftsmodellen.
- Hinter der ersten Reihe von RHEL, SLES und Debian warten die Aspiranten der zweiten Generation: CentOS, Oracle Linux, Ubuntu und andere.
- Microsoft muss sich zum ersten Mal auf einen Gegner im Markt einstellen, den man nicht kaufen, sondern nur juristisch bekämpfen kann - die Freiheit der Software selbst.
(avr)