WWW fĂĽr alle

Wer schon mal das Pech hatte, sich beide Arme zu brechen, weiß, welche Herausforderung bereits alltägliche Verrichtungen darstellen können. Auch das Internet stellt für manchen ziemliche Hürden auf. Barrierefrei programmierte Webseiten und passende Zusatzgeräte können helfen, sie zu überwinden.

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Von
  • Diane Sieger

Laut Schätzungen der UN sind etwa 10 Prozent der Weltbevölkerung behindert oder schwerbehindert. Allein in Europa sind in der Altersgruppe der 16- bis 64-Jährigen etwa 45 Millionen Menschen betroffen. Das Internet ist bis heute jedoch zu einem Großteil für Menschen ohne Beeinträchtigungen ausgelegt. Ob Foto-Communities, Videoportale oder Onlineshops, die Wahrnehmung und Bedienung der meisten Angebote stellt eine Herausforderung für Hör- und Sehbehinderte dar, ebenso wie für Menschen mit motorischen oder geistigen Einschränkungen. Nur langsam erscheinen barrierefreie Seiten im Web, deren Inhalte von Menschen mit Behinderungen ebenso selbstständig aufgenommen werden können wie von Personen ohne Einschränkungen. Ein Blick ins Netz klärt, welche Möglichkeiten es für diesen Zweck bereits gibt und wie ein Anbieter seinen Internetauftritt für alle zugänglich gestalten kann.

Einen Einstieg ins Thema bietet der Artikel „Surfen ohne Stolperfallen“ von Thomas Hammer, erschienen in der „Zeit“ im Jahr 2006. Neben einem gelungenen Vergleich zwischen der Zugänglichkeit zum realen Supermarkt und der Erreichbarkeit von Onlineshops stellt er den BIENE-Award vor (BIENE steht für "Barrierefreies Internet eröffnet neue Einsichten"), einen Wettbewerb, der in Zusammenarbeit mit Aktion Mensch die besten barrierefreien Angebote im Internet identifiziert und auszeichnet. Auf dem Website findet sich auch das BIENE-Spiel, das dem Anwender in kurzer Zeit einige Probleme der Internetnutzung verdeutlicht, mit denen Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen zu kämpfen haben. Beispielsweise gilt es, eine Biene ausschließlich durch akustische Signale geleitet zum Bienenkorb zu führen oder kompliziert formulierte Sprichwörter in ihre einfach verständliche Ursprungsversion zurück zu übersetzen. Ein netter kleiner Zeitvertreib, der zum Nachdenken anregt.

Zum Glück gibt es für viele Behinderungen heutzutage technische Geräte, die das Internetsurfen ermöglichen oder zumindest erleichtern. Sehbehinderte können Webinhalte beispielsweise mithilfe eines Screenreaders wahrnehmen. Dabei handelt es sich um ein Softwareprodukt, das dem Nutzer eine alternative Schnittstelle zur grafischen Darstellung bietet. Ein einführendes Video vermittelt einen ersten Eindruck. INCOBS (Informationspool Computerhilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte) bietet außerdem eine Übersicht über die verschiedenen auf dem Markt befindlichen Produkte.

Oftmals findet die Darstellung der Webinhalte über Sprachausgabe durch angeschlossene Lautsprecher statt. Neben dieser Lösung stellt die Braillezeile für viele sehbehinderte Menschen eine erhebliche Erleichterung dar. Hierbei handelt es sich um ein Gerät, das in der Regel unterhalb der Computertastatur angebracht wird und den auf dem Bildschirm sichtbaren Text in Brailleschrift ausgibt. Informationen darüber, wie die Braillezeile funktioniert und mit welchen Kosten man für die Anschaffung rechnen muss, gibt es bei Wikipedia. Natürlich helfen derartige Geräte nur, wenn die Webseite für sie erfassbar ist.

Hörbehinderte Menschen haben mit Webangeboten Schwierigkeiten, wenn diese mit Film- und Videoinhalten arbeiten. Selten ergänzen Untertitel die Seite oder ein Gebärdendolmetscher bietet eine Simultanbegleitung an. Seit einigen Jahren bereits wird zu Avatar-Techniken geforscht, die auf Knopfdruck akustische Signale in Gebärdensprache übersetzen sollen. Diese Entwicklung befindet sich jedoch noch im Anfangsstadium, und es sind noch einige Hürden zu überwinden, bevor ein solches Produkt auf den Markt gelangt.

Doch nicht nur Hör- und Sehbehinderte stellen besondere Anforderungen an das Internet, auch Menschen mit motorischen Einschränkungen wollen das World Wide Web nutzen. Diejenigen, die hierfür auf technische Unterstützung angewiesen sind, können heutzutage auf eine wachsende Zahl unterschiedlicher Hilfsmittel zurückgreifen. Für Schwierigkeiten bei der Mausbedienung stehen beispielsweise inzwischen einige Produkte zur Auswahl, die den feinmotorigen Bewegungsablauf der Hand vereinfachen. Eins davon ist der „Joystick mit großer Taste“ der Firma Tash.

In Deutschland ist dieser Joystick über Rehavista zu beziehen, einem Anbieter umfangreicher Kommunikationslösungen für Menschen mit Behinderungen, dessen eigener Internetauftritt vorbildlich barrierefrei gestaltet ist. Eine umfangreiche Übersicht über weitere derzeit erhältliche Produkte, die speziell für Menschen gedacht sind, die ihre Hände nicht zum Bedienen des Rechners nutzen können, gibt es bei WebAIM. Hier finden sich beispielsweise Geräte zur Computerbedienung mit dem Mund, bei denen Maus oder Tastatur durch Saugen oder Pusten bedient werden, alternativ durch Augenbewegungen.

Selbst die besten technischen Errungenschaften nützen Menschen mit Behinderungen nicht viel, wenn die aufgesuchte Webseite nicht auf eine Weise programmiert ist, die eine Bedienung mit Hilfsmitteln ermöglicht. Ein Blick auf die Website „Barrierefreies Internet“ verschafft einen ersten Einblick, was Webentwickler für die verschiedenen Arten von Behinderungen berücksichtigen sollten.

Oft stellt sich hier die Frage nach der Kosteneffizienz. Auf die Frage „Ist das nicht zu teuer?“ lässt sich mit einem klaren „Kann sein, muss aber nicht“ antworten. Wer danach zwar mit dem Gedanken spielt, die eigene Unternehmenswebseite barrierefrei zu gestalten, jedoch noch nicht genau weiß, ob sich die Investition tatsächlich lohnt, sollte sich auch die 16 Tipps zu Gemüte führen, in welcher Form sich Barrierefreiheit rechnen kann.

Wie es in diesem Zusammenhang um die eigene Website gestellt ist, lässt sich schnell herausfinden - ein erster kostenloser Schritt zur Überprüfung der Barrierefreiheit ist der Barrierefinder. Einfach die betreffende URL eingeben und sich durch das System führen lassen - wie wär’s, die eigene Webseite mal aus dem Blickwinkel eines Farbenblinden zu sehen? Am Ende des Tests gibt es wichtige Tipps und Hinweise, wie sich das Webangebot schon mit kleinen Schritten erheblich verbessern lässt.

Wer sich tiefer ins Thema einarbeiten möchte, sollte sich auf der Webseite der Berlinerin Christiane Müller umsehen. Die Site ist im Rahmen ihrer Bachelor-Thesis „Barrierefreie Gestaltung von Internetseiten“ entstanden, die Arbeit ist in vollem Umfang abrufbar. Im Jahr 2005 hat Frau Müller für dieses Webangebot sogar den Nachwuchspreis des eingangs erwähnten BIENE-Awards erhalten. Ein Blick lohnt sich. (ka)