Homöopathie im Bundestag
- JĂĽrgen Seeger
Nein, es war nicht am 1. April. Sondern am 1. August. In der tiefsten Senke des Sommerlochs antwortete die Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Die hatte wissen wollen, wie es um die „Strahlenbelastung durch drahtlose Internet-Netzwerke (WLAN)“ steht. Denn zwar gebe es „nach mehreren Studien, u.a. des Bundesamtes für Strahlenschutz, nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft keinen Nachweis, dass es innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte der effektiven Strahlungsleistung eine gesundheitliche Gefährdung besteht“. (O-Ton inkl. Grammatikfehler)
Doch auch durch WLAN entstünden „hochfrequente elektromagnetische Felder“. WLANs „sind somit, ebenso wie die Mobilfunktechnik, Gegenstand von kontroversen Auseinandersetzungen im Hinblick auf die gesundheitlichen Auswirkungen“ (Hervorhebung durch die Redaktion).
Dass es mit dem Magnetismus eine besondere Bewandtnis hat, wissen wir natürlich spätestens seit der Entdeckung seiner animalischen Variante durch Franz Anton Mesmer (1734-1815). Und auch die Debatten über die unheilvolle Wirkung der Mobilfunktechnik wollen kein Ende nehmen. So weiß die „Kritikerseite zu Mobilfunk&Elektrosmog“, unter anderem aktiv im Kampf gegen Handymasten, dass sich der „Verdacht verdichtet ... : In Sendernähe bekommen Kälber eher Grauen Star“. Eine üble Geschichte, zweifellos, obwohl es auch beim Mobilfunk keinen Nachweis der Gefährlichkeit gibt. So sahen die Autoren der Anfang des Jahres veröffentlichten internationalen Langzeitstudie Interphone ausdrücklich keinen Zusammenhang zwischen der Handynutzung und dem - immer wieder befürchteten - Auftreten von Hirntumoren.
Aber: Better safe than sorry. Wenn schon die Benutzung eines mit 1000 bis 2000 Milliwatt sendenden Handys (Stationen: bis 120 Watt) keine nachweisbaren Gesundheitsschäden nach sich zieht, die Belastung durch RFID-Systeme1, trotz der doch eigentlich hochbrisanten Kombination von Strahlen und Daten, kein Thema ist und über DECT-Telefonie2 nur noch Gruppen reden, denen der graue Star bei Kälbern eine Herzensangelegenheit ist - warum meinte die Bundesregierung in ihrer Antwort auf die Grünen-Anfrage trotzdem, vor mit 100 mW sendenden Hotspots warnen und die Wiederverkabelung der Wohnzimmer empfehlen zu müssen?
Die Antwort weiß ausnahmsweise einmal nicht der Wind. Die Antwort kennt die Homöopathie. Bekanntlich sind homöopathische Medikamente umso wirksamer, je mehr man sie verdünnt. Und mit den Strahlen, dem alten Teufelszeug, ist das ganz genauso.
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2 Sendeleistung 250 mW (ole)