Neuer Wein in neuen Schläuchen
Termingerecht gaben die Ubuntu-Entwickler die unter dem Codenamen „Gutsy Gibbon“ entwickelte Version 7.10 ihrer Distribution frei. Neben der üblichen Aktualisierung der Pakete bietet sie gravierende Neuerungen für Desktop und Server.
- Markus Franz
Ubuntu erfreut sich als Desktop-Distribution großer Beliebtheit - seit Version 4.10 liegt es an der Spitze der Distrowatch-Statistiken. Dazu beigetragen hat auch, dass Hardwarehersteller - wie Dell [1] - den Debian-Abkömmling inzwischen gern zur Vorinstallation nutzen. Der „mutige Gibbon“ bringt zwar weitreichende Änderungen mit sich, den bei Firmen begehrten Long Time Support wird es aber erst in der nächsten Version 8.04 (Codename „Hardy Heron (robuster Reiher)“) geben.
Man hat die Wahl zwischen mehreren Varianten: „Ubuntu Desktop“ (x86 oder x86_64) für Heimanwender und kleine Server, „Ubuntu Server“ (x86, x86_64 oder Sparc) zum Betrieb auf professionellen Servern sowie die „Alternative Version“ (x86 oder x86_64) für RAID- oder LVM-Konfiguration oder andere Spezialversionen (OEM et cetera).
Zwar lässt sich ein Server auch auf Basis der Desktop-Edition betreiben, aber die Serverversion erleichtert den Administrationsaufwand erheblich und ist unter Sicherheitsaspekten empfehlenswert. Möchte man die Festplatte verschlüsseln, muss man zur alternativen Version greifen. Die Installation läuft wie gewohnt in nur wenigen Schritten ab und erfordert keine oder wenige Anpassungen. Die Hardwareerkennung sollte alle gängigen Geräte identifizieren.
Oberflächliche Änderungen
Gutsy Gibbon verwendet den Kernel 2.6.22, der mit WLAN, Firewire und TV-Karten besser umgehen kann. Dazu kommt Xorg 7.2, fĂĽr das die Entwickler ein eigenes Konfigurationstool in Ubuntu integrierten - und damit insbesondere zu Opensuse mit Yast/Sax2 aufschlieĂźen. Erkennt die Installationsroutine eine Grafikkarte mit genĂĽgend Rechenleistung korrekt und kann einen Treiber einbinden, aktiviert sie automatisch die Desktop-Effekte des mitgelieferten 3D-Window-Managers Compiz 0.6.
Damit ist Ubuntu 7.10 die erste Linux-Distribution, die per Default Desktop-Effekte aktiviert - Umsteiger von Vista oder Mac OS X dürfte dies freuen, da es hier schon länger aufwendige Grafik gibt. Zum Ausschöpfen aller Compiz-Funktionen sollte man das Paket compizconfig-settings-manager nachrüsten. Besonders positiv fiel im Test auf, dass Gutsy Gibbon das Breitbildformat vieler Notebooks jetzt besser unterstützt: Mehrere getestete Geräte lieferten unter der Vorversion Verzerrungen und Bildschirmflirren - unter 7.10 präsentierten sie jedoch eine ideal konfigurierte Grafik. Das dürfte auch Dell freuen, da deren Linux-Kunden hier bislang einen Patch nachinstallieren mussten [1].
Als Desktop-Umgebung bietet Ubuntu zunächst Gnome 2.20 an, in das viele Detailverbesserungen bei PIM-Evolution, Power-Management und WLAN-WPA-Verschlüsselung einflossen. Wer KDE bevorzugt, kann entweder Version 3.5.7 nachinstallieren oder sich gleich die Kubuntu-Edition mit vorkonfiguriertem KDE-Desktop besorgen. OpenOffice.org steht in der Version 2.3 bereit.
Besonders nützlich ist die erstmals standardmäßig konfigurierte und aktivierte Desktop-Suche Tracker. So steht auch unter Ubuntu endlich eine Suchfunktion über ein Desktop-Applet zur Verfügung, die man bisher manuell nachrüsten musste. Ein Symbol in der Startleiste erleichtert schnelle Wechsel zwischen Benutzern.
Websurfer dürfte freuen, dass Firefox 2.0 nun einem neuen Plug-in-Assistenten beinhaltet. Früher wunderte man sich über die verschiedenen Orte, über die man beispielsweise den Flash-Player installieren konnte (Plug-in-Suche oder Softwareverwaltung). Mit dem neuen Assistenten gibt es eine zentrale Anlaufstelle für Multimedia-Plug-ins und andere Erweiterungen. Er achtet automatisch darauf, dass man nur von Ubuntu gepflegte und somit garantiert funktionsfähige Erweiterungen einspielt.
Ăśberzeugungsarbeit mit inneren Werten
Canonical - die Firma von Ubuntu-Initiator und -Mäzen Mark Shuttleworth - arbeitet seit etwa einem Jahr verstärkt daran, Ubuntu gegen die Platzhirsche im Enterprise-Markt zu positionieren. Sie verfolgt im Gegensatz zu Novell und Red Hat die Grundidee, keine Trennung zwischen Community- und Enterprise-Version zu erzeugen - alle Nutzer sollen die gleiche Qualität erhalten.
Für den Desktop verbessert Gutsy Gibbon vor allem die Hardwareunterstützung. So verfügt die Distribution über eine neue modulare Treiberarchitektur, mit der auch Drittanbieter einfach eigene Treiber anbieten können. Gleichzeitig kann die Ubuntu-Community besser (Sicherheits-)Aktualisierungen der Treiber über das System-Update anbieten. Besonders interessant für Windows-Umsteiger dürfte ab 7.10 die Fähigkeit sein, nativ ohne Zusatztools lesend und schreibend auf NTFS-Partitionen zugreifen zu können. Schließt man einen Drucker an, installiert und konfiguriert Gutsy Gibbon diesen vollautomatisch - zusätzlich zum per Default vorhandenen PDF-Drucker. Neben zahlreichen Winmodems aktiviert Ubuntu jetzt auch Broadcom-Chips erfolgreich.
Innerhalb der Ubuntu-Community kümmert sich seit etwa einem Jahr ein festes Team um die Erweiterung und Optimierung der Distribution für den Servereinsatz. Das erste größere Ergebnis zeigt sich in der aktuellen Version: Das Sicherheits-Framework AppArmor ist integriert. Für den Desktop weniger interessant, versucht Ubuntu hier zu Suse und Red Hat aufzuschließen, die AppArmor beziehungsweise SELinux schon seit Jahren einsetzen. Man kann für jede Applikation eigene Berechtigungen anlegen und verwalten, was im Betrieb als Webserver essenziell notwendig ist. Leider bietet Ubuntu derzeit nur ein AppArmor-Profil für den CUPS-Druckserver, sodass man zur sinnvollen Verwendung noch einiges nachrüsten muss.
Für die immer höhere Energiedichte in Rechenzentren bietet Ubuntu einen sogenannten „tickless“-Kernel, der in Zusammenarbeit von Intel und der Linux-Community entstand. Er soll besonders energieeffizient arbeiten - was Ubuntu in der aktuellen Green-IT-Welle interessant macht. In diese Richtung zielen auch die Verbesserungen zur Virtualisierung: Der Server beherrscht jetzt erstmals mehrere Ubuntu-Instanzen auf einer realen Maschine. Darüber hinaus kann das neue Ubuntu als vollwertiger LDAP-Client und -Server arbeiten. Und das optimierte Samba spielt besser als bisher mit Windows Vista zusammen.
Neben inneren Werten spielen Support und Verlässlichkeit eine große Rolle. So bietet Canonical Support für den Desktop ab etwa 250 US-$/Jahr an. Mit 750 US-$ schlägt die 9 x 5-Unterstützung zu Buche - wer mehr (24 x 7) benötigt, zahlt ordentlich drauf. Die nächste Ubuntu-Version wird wieder als LTS-Release erscheinen, sie garantiert die Versorgung mit Sicherheits-Updates über einen längeren Zeitraum. Allgemein legt die Ubuntu-Community aber viel Wert auf pünktliches Erscheinen: Laut Mark Shuttleworth sichert das die Akzeptanz bei Unternehmen und Anwendern. Ubuntu garantiert dies durch lange Vorlaufzeiten: Schon sechs Monate vor dem geplanten Release-Termin schließen die Entwickler die Feature-Listen.
Mehr Tools fĂĽr Entwickler
Ubuntu 7.10 bietet den von Sun bereitgestellten Java-Stack. Dazu gehören nicht nur das JRE und JDK in Version 5 und 6, sondern auch der Applikationsserver GlassFish v1. Der aktuelle Apache Tomcat für Java-EE-Webapplikationen ergänzt das Paket. Als Datenbankserver stehen wahlweise MySQL 5 oder PostgreSQL 8.2 zur Verfügung. Den LAMP-Stack vervollständigen Apache 2.2 und PHP in Version 5.2. Im Vergleich zur Vorversion verbesserte man den Postfix-Dienst stark und verzahnte ihn enger mit dem Linux-Kernel, sodass die Performance deutlich gestiegen ist.
Zur Anwendungsentwicklung steht neben der NetBeans-IDE auch Eclipse zur Verfügung - leider nur in der alten Version 3.2. Zum Lieferumfang gehören weiter MonoDevelop sowie die Mono-Runtime-Umgebung, mit der sich .Net-Applikationen unter Linux programmieren lassen. Für Entwickler und Administratoren ist das neue Programm Landscape interessant, das Canonical zur Verwaltung des Ubuntu-Servers entwickelte. Hiermit lassen sich viele Serverdienste auch remote steuern.
Fazit
Mit Ubuntu 7.10 haben Canonical und die Entwicklergemeinde eine ebenso solide Distribution geschaffen, wie man es von den Vorgängern gewohnt war. Dabei entwickelt sich Ubuntu einerseits durch die Desktopeffekte und Benutzerfreundlichkeit zum Konkurrenten für Windows. Andererseits schaffen die Optimierungen im Serverbereich neue Möglichkeiten.
Markus Franz
ist Mitgründer und CTO der BF Blogform Search GmbH in Berlin und studiert Wirtschaftsinformatik an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.
Literatur
[1] André von Raison; Linux; Nestflüchter; Dell-Linux-Notebook Inspiron 6400n; iX 11/2007, S. 40 (avr)