Xid antwortet nicht
- Christian Kirsch
Linux, das stand einmal als Synonym für „stabil“ und „zuverlässig“, für „klare Konzepte“ und „vollständige Dokumentation“. Schnee von gestern.
Nach über zwanzig Jahren treuer Unix-Gefolgschaft ist Opensuse 10.3 nun der Tropfen, der mein privates Überdruss-Fass überlaufen lässt. Konnte ich früher noch hämisch über Windows-Opfer herziehen, deren Rechner sich regelmäßig verabschiedeten, darf ich diese Erfahrung nun am eigenen Leib machen.
Mal sterben die Verbindungen zum SMB-Server, die seit 10.1 klaglos funktionierten. Mal verschluckt sich der Amarok-Player (Werbespruch: „Musik neu erleben“) und blockiert das komplette KDE. Mal verendet der X-Server langsam und kläglich - erst geht die Tastatur nicht mehr, dann verweigert die Maus ihren Dienst, und schließlich verabschiedet er sich „unexpectedly“.
In den Log-Dateien stehen so schöne Dinge wie „NVRM: Xid (0003:00): 30, L1 -> L0“. Die Suche nach „NVRM“ im Netz fördert allerlei über Nvidia-Karten zutage und vermittelt das kuschelige Gefühl, mit seinen Nöten nicht allein zu sein. Hilft nur leider nichts, denn eine Lösung im Sinne von „tu dies, lass jenes, dann wird dein X-Server wieder stabil laufen“ ist nicht zu finden.
Was dem CIFS-Client (SMBFS fiel ohne nähere Erklärung in die Ritze zwischen 10.2 und 10.3) plötzlich an dem seit Jahren zuverlässig laufenden Samba-Server nicht behagt - ich weiß es nicht. Die Log-Dateien bleiben zwar nicht leer, aber eine Erklärung lässt sich ihnen nicht entnehmen. Irgendwann während eines länglichen rsync-Laufs oder beim Abspielen von MP3s per SMB ist eben einfach Schluss. Im günstigsten Fall lässt sich mit einer zufälligen Mischung von kill, umount und mount alles wieder richten. Im ungünstigsten hilft nur ein reboot.
Zu diesen groben Schnitzern kommen die nervigen Kleinigkeiten: X11 oder KDE oder werauchimmer vergisst die Einstellungen des 20-Zoll-Monitors und startet jedes Mal neu im VGA-Modus. In den guten, alten Zeiten hätte man eine Konfigurationsdatei geändert. Heute spielen Yast2, KDE-Kontrollzentrum und sax2 mit, und wer was wann wo und warum ändert, einträgt oder eben vergisst, wissen die Götter.
Immerhin befindet sich der X-Server dabei in schönem Einklang mit den Sound-Einstellungen: gestern ganz leise, heute aus und morgen in Düsenlautstärke. Ja, „Lautstärken beim Anmelden wieder herstellen“ ist ausgewählt. Vermutlich ist nicht meine, sondern irgendeine Lautstärke gemeint.
Übrigens bringt Opensuse 10.3 das gefühlt 42. Soundsystem für Linux/KDE/Opensuse mit, das nun endlich jedes denkbare Problem lösen soll. Keine Ahnung, ob es gerade artsd, oss, Alsa, esd, jack oder sdl ist. Der mplayer jedenfalls spielt Filme nur noch tonlos oder mit Weltraumrauschen. Das einzige Problem, das ich jemals mit dem Soundsystem hatte, war seine ständige „Verbesserung“.
XEmacs, unser Arbeitspferd, zeigt alle Schriften plötzlich anderthalbmal so groß an. Wie kann es sein, dass ein Versionssprung in der ersten Nachkommastelle das Konzept von „Punkt“ und „Pixel“ so gründlich ändert? Und wenn das aus irgendwelchen Gründen so sein muss (was ich bezweifle), warum kann man den Anwendern keine Migrationshilfe geben?
Gute Ratschläge gibt’s genug: „Nimm doch Ubuntu.“ Ich möchte arbeiten, nicht mit einem anderen System kämpfen. „Google halt mal.“ Ich möchte arbeiten, statt mich durch Berge nicht datierter Texte fragwürdiger Qualität zu wühlen.
Mich erinnert die Situation an die frühen 80er-Jahre, die Anfänge der Alternativbewegung. Da musste man als Kunde dankbar sein, wenn die Kellner zwischen Beziehungsdiskussion, Plenum und Entspannung einen Augenblick entbehren konnten, um den Kaffee zu bringen. Der dann allerdings wahlweise kalt oder verkocht war. Solche Cafés sind verdienterweise ausgestorben. Linux auf dem Desktop wünsche ich eine bessere Zukunft.
Ein Schritt dahin könnte sein, den Anwender nicht als Opfer, sondern als Kunden zu sehen und statt fragwürdiger Verbesserungen im Untergrund ein kohärentes, intuitiv benutzbares, stabiles und gut dokumentiertes System bereitzustellen. Mac OS X existiert. (ole)