Bill will ...
- Detlef Borchers
Mit Aplomb hat Bill Gates auf der Consumer Electronics Show seine letzte große Rede gehalten, in der er als „Keynoter“ Abschied vom lauschenden Fachpublikum nahm. Das amüsierte sich über eingespielte Videos, mit denen Gates seit 20 Jahren seine Keynotes aufzulockern pflegt, und klatschte dankbar Beifall. Die hübsche Inszenierung kam an: „Bill geht“ schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung und feierte den Visionär Gates mit einem großen Titelbild - um tags danach an gleicher Stelle den Visionär Wilhelm Busch zu preisen. Doch nichts liegt ferner als der „Abschied aus der Welt der Elektronik“, wie die Welt den Ratenrücktritt von Bill Gates kommentierte. Der Microsoft-Gründer bleibt Verwaltungsratsvorsitzender des Konzerns und arbeitet im Monat mindestens 15 Stunden für seine Firma.
Mit 9 Prozent der Aktienanteile im Wert von ca. 30 Milliarden Dollar bleibt Gates größter Einzelaktionär. Entsprechend muten die Bilanzen zum inszenierten Abschied des 53-Jährigen an. Sie lesen sich stellenweise wie Nachrufe, würdigen seine Leistungen im bunten Mischmasch mit der Erwähnung einiger Microsoft-Flops. Bleiben wir einen Moment bei den Leistungen: Zu Gates' direkten Verdiensten gehört es, das DOS-Betriebssystem gegen harte Konkurrenz auf dem PC durchgesetzt zu haben, mit Geschäftsmethoden, die hart an der Grenze der Legalität lagen.
Ein weiteres Verdienst ist die Entscheidung von Gates, aufbauend auf dem Erfolg von Windows 95 nach der Trennung von IBM mit Windows NT ein System direkt gegen Novells LAN-Monopol zu positionieren und, mit nicht immer feinen Methoden, durchzusetzen. Schließlich muss die Tatsache genannt werden, dass Microsoft den Start des Internet-Booms zwar verpasste, aber Gates in kürzester Zeit eine Neuausrichtung auf das Internet durchsetzte und die Boom-Firma Netscape ausbremste, unter kräftiger Ausnutzung des Marktmonopols von Microsoft. Neben diesem von Gates betriebenen radikalen Geschäftsgebaren hatte Microsoft auch noch Glück mit Aufkäufen wie Multiplan, QDOS oder Powerpoint.
Bei all diesen Manövern waren Visionen weniger wichtig als die richtigen Bandagen und Geschäftsabkommen. In den erwähnten Krisen griff Gates auch zu Methoden, für die Microsoft später Wiedergutmachung leisten musste. Zuletzt zahlte man AOL 750 Millionen Dollar und 7 Jahre kostenlose Browsercode-Nutzung - als der Geschäftsnachfolger von Netscape in der Krise steckte und keine Bedrohung mehr war. Bei allen Manövern aber blieb Microsoft intakt, getrieben von einem Mann, für den „Competition“ immer wichtiger war als „Vision“. Weil selbst der kleinste Wettkampf für Gates eine ernste Sache ist, überzeugt die Inszenierung und vor allem die Begründung seines Rückzugs nicht, er wolle sich voll der gemeinnützigen Stiftungsarbeit widmen. Die Bill & Melinda Gates Foundation, die verdienstvolle große Stiftung, ist ein höchst effizient arbeitender Thinktank und braucht keine Hilfe von Bill. Außerdem ist sie auf Melinda Gates zugeschnitten, die die wichtigsten Keynotes hält.
So stellt sich die Frage, ob nicht ein anderes Motiv hinter dem Rückzug von Gates steckt. Wie wäre es mit der Erklärung, dass Microsoft noch ein bisschen mehr in die Krise schlittern kann, weil Betriebssysteme und Anwendungen immer unwichtiger werden? Wie wäre es mit einem Gates, der nach dem Abschied des amtierenden Chefs Steve Ballmer aus der „Versenkung“ auftaucht und den Konzern wieder auf Kurs bringt? Damit wäre Gates wieder in einem Wettbewerb, sogar in seinem allerliebsten: Er könnte der Welt endlich zeigen, dass er doch der bessere Steve Jobs ist. (ole)