Mit spitzer Feder
Im Grunde fehlt nur, dass die Kultusministerkonferenz sich auf XML als Schulfach einigt. Denn von diesem Schritt abgesehen hat die Sprache in den vergangenen zehn Jahren Einlass in fast alle wirtschaftlichen und technischen Zweige gefunden.
- Henning Behme
„Time is fleeting“, heißt es im „Time Warp“ der Rocky Horror Picture Show – die Zeit eilt dahin. Obwohl die Meta-Auszeichnungssprache Extensible Markup Language (XML) gerade erst zehn Jahre alt ist, trifft der Ausdruck in ihrem Fall ebenfalls zu. Am 10. Februar 1998 hat das World Wide Web Consortium (W3C) das als „SGML on the Web“ Mitte der neunziger Jahre geplante XML als Recommendation, wie das Konsortium damals in fast britischer Zurückhaltung seine Standards nannte, freigegeben. Zu diesem Zeitpunkt war der Rummel um die Meta-Sprache längst in vollem Gange.
Unter der Leitung von Jon Bosak, der in den Neunzigerjahren bei Sun Microsystems arbeitete, kümmerte sich eine vom W3C eingerichtete Arbeitsgruppe darum, SGML ins Web zu bringen – sie firmierte unter dem Namen SGML Editorial Review Board und brachte im November den ersten Syntax-Entwurf für XML mit auf eine SGML-Konferenz in Boston. Von da an ging es rasend schnell. Im April 1997 war XML das mehr oder minder heimliche Hauptthema der WWW-Konferenz im kalifornischen Santa Clara, wo ein neuer Syntax- und ein erster Linking-Entwurf die Teilnehmer erreichte. Kaum ein Jahr darauf, im Februar 1998, war die Extensible Markup Language fertiggestellt, und das W3C gab sie frei. Nach Java im Jahre 1995 hatte die IT-Welt endlich wieder einen Hype.
Zu diesem Zeitpunkt verstand die Mehrheit derer, die sich mit der Sprache beschäftigten, XML analog zu SGML als dokumentenzentrisch im Gegensatz zu datenzentrisch, das heißt als einen Weg, die Struktur umfangreicher Dokumente festzulegen. SGML war beispielsweise bei Flugzeugherstellern im Einsatz, die die Sprache für ihre mehr als umfangreiche Dokumentation verwendeten.
Während der erwähnten WWW-Konferenz hoben die Referenten deutlich hervor, dass XML nichts für die Homepage von Otto Normalwebster sei und HTML auf lange Sicht die Sprache der gemeinen Homepage bleiben könne. Nur zwei Jahre nach XML verabschiedete das Konsortium allerdings mit XHTML eine HTML-Version, die die in SGML definierte Variante 4.0 in XML neu formulierte und Webseiten in der Manier der Extensible Markup Language ermöglichte. Zunächst hieß das nicht viel mehr als ordentlich zu schachteln, leere Elemente wie img oder br zu schließen und Attribute mit Anführungszeichen zu versehen.
Unsichtbare Omnipräsenz
Dass die Sprache XML gleichsam seit ihrer „Geburt“ auf Begeisterung stieß, lag im Wesentlichen daran, dass Webautoren und SGML-Experten aus unterschiedlichen Gründen mit HTML unzufrieden waren. Die SGMLer, ein bisschen neidisch auf den Erfolg des mageren Kindes, wollten im Grunde den ihnen bekannten Komfort, und die Webautoren mehr, als HTML ihnen bot. Gleichzeitig drohte das Web, zu sich selbst inkompatibel zu werden, in dem Maße, wie die Browser-Hersteller HTML in unterschiedliche Richtungen weiterentwickelten.
Immerhin diskutierten alle Beteiligten im Rahmen des W3C darĂĽber, wie das HTML der Zukunft aussehen sollte. Und in jener anderen, oben genannten Arbeitsgruppe reifte der Plan, SGML durch etwas anderes zu ersetzen, das im Prinzip genau so sein sollte, aber erheblich weniger kompliziert.
Zwar dachten viele in diesem Zusammenhang an die Strukturen von Dokumenten, aber schon Jon Bosaks Aufsatz „XML, Java, and the future of the Web“ (siehe [2], 1996 stand im Titel noch „SGML“) betonte die Nützlichkeit einer solchen Sprache beispielsweise im Gesundheitswesen. Erweiterbarkeit, Struktur und Validierbarkeit der kommenden Sprache waren damals die Stichworte. Hinzu kam die Forderung, dass es sich selbstverständlich um einen herstellerunabhängigen Standard handeln müsse.
Software für die Verarbeitung von XML war leicht zu entwickeln, sodass Parser Dokumente analysieren konnten und später XPath und XSLT-Engines halfen, aus XML etwas anderes zu erzeugen: HTML, PDF, anders kodiertes XML et cetera.
Datenaustausch mit spitzen Klammern
Spitzwegs armer Poet hat sich in seiner Dachkammer längst an XML gewöhnt, spätestens seit Microsofts Word damit arbeitet. Webautoren merken nicht, wenn sie mit der Sprache in Gestalt von XHTML arbeiten, weil ihr Content-Management-System ihnen das nicht zumutet. Wichtiger noch für den Erfolg von XML war sicherlich, dass die Sprache sich hervorragend für den Austausch von Daten eignet. Wenn Hersteller und Lieferanten oder Kunden miteinander kommunizieren, können sie ihre Daten zwischen inkompatiblen Datenbeständen durch ein XML-Zwischenformat „verständlich“ austauschen. War zuvor ein solcher Austausch per Electronic Data Interchange (EDI) für kleine Unternehmen schlicht unbezahlbar, bot XML schon 1999 die Option, zu erschwinglichen Preisen zu kommunizieren (siehe [3]).
Mehr noch: Administratoren und Softwareentwickler entdeckten die erweiterbare Sprache fĂĽr Konfigurationsdateien, was gelegentlich zu einem syntaktischen Overkill fĂĽhrte, der nur mehr Arbeit zur Folge hatte. Dies alles zeigt jedoch gerade die Verwendbarkeit von XML in nahezu allen Lebensbereichen. Und wer im vernetzten Haus der Zukunft per Popup gesagt bekommt, dass das heiĂźe Wasser in die Badewanne eingelaufen ist, weiĂź, dass dahinter nur der Ausdruck <bathtub id="de.h.301770909239122" status="prepared"/> stehen kann.
Mit SVG und RDF zum Web 3.0
Für die Zukunft ist noch einiges zu erwarten. Ob digitale Signaturen oder Datenbanksysteme, Webservices oder Formulare, überall steckt XML drin, selbst wenn es nicht gleich im Web landet. Nicht zu vergessen das Web der nächsten Generation, das Tim Berners-Lee und andere (siehe [4]) seit bald zehn Jahren fordern beziehungsweise an die Wand malen – das vielzitierte semantische Web.
2006 nach dem Web 3.0 gefragt, beschrieb Berners-Lee seine Vision einer noch besseren Benutzerschnittstelle, indem er die Visualisierung von RDF-Daten mit SVG als das Web der nächsten Generation bezeichnete. Beide Techniken haben sich bislang allerdings nicht durchsetzen können. Ob sie das eines Tages schaffen, hängt nicht nur vom XML-Erfolg ab, denn der ist sogar sicher, wenn SVG und RDF auf der Strecke bleiben. Für diesen Fall dürften schlicht andere Standards an ihre Stelle treten.
Literatur
[2] Jon Bosak: XML, Java, and the future of the Web; 1996/1997
[3] Tim Weitzel, Ralf Kronenberg, Frank Ladner, Peter Buxmann; Geschäftsdaten; Die Rückkehr der EDI-Ritter; XML als Alternative zu traditionellem EDI; iX 7/99, S. 127
[4] Tim Berners-Lee, James Hendler, Ora Lassila; The Semantic Web; Scientific American, 17. Mai 2000