Studiosus

Eclipse verbindet man meistens mit Java-Entwicklungsumgebungen. Nicht immer zu Recht, wie einer der derzeit leistungsstärksten Web-Editoren zeigt.

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Lesezeit: 8 Min.
Von
  • Bernhard Steppan
Inhaltsverzeichnis

Anhängern des als Java-IDE bekannten Eclipse bietet Aptana jetzt ein Entwicklungspaket für diese IDE an. Aptana Studio ist in einer kostenfreien Community und einer Professional Edition verfügbar. Beide Versionen basieren auf Eclipse 3.2.2. Entwickler können sie entweder in Form von Plug-ins für eine bestehende Eclipse-Installation oder als Komplettversion mit einem vorkonfiguriertem minimalen Eclipse installieren. Sie haben daher die Wahl, ob sie eine schon konfigurierte IDE ausbauen wollen oder eine spezialisierte Webentwicklungsumgebung benötigen.

Der große Vorteil einer Entwicklungsumgebung, die auf Eclipse basiert, zeigt sich schon bei den ersten Schritten mit der neuen Umgebung. Trotz der Vielzahl an neuen Fenstern und Funktionen findet man sich als mit Eclipse erfahrener Entwickler sofort zurecht und benötigt vergleichsweise wenig Einarbeitungszeit. Vermisst man das eine oder andere Feature, lässt es sich mit dem Update-Manager in Sekunden nachinstallieren. Alle wichtigen Update-Sites für eine PHP-Umgebung, RadRails, Unterstützung für Adobes AIR sowie für iPhone und iPod touch, Professional Studio, Versionskontrollsysteme wie Perforce und Subclipse (Subversion) sind vorkonfiguriert.

Wenn man von einer solchen Entwicklungsumgebung spricht, stellt sich immer die Frage, wie viele Plug-ins aus den Eclipse-Frameworks stammen und wie viele der Hersteller neu entwickelt hat. Wer der Professional Version von Aptana Studio unter die Haube sieht, ist angenehm überrascht, dass knapp 40 Prozent der installierten Plug-ins vom Hersteller selbst stammen. Aptana Studio ist also eine eigenständige Neuentwicklung auf Eclipse-Basis und nicht einfach nur eine schöne Zusammenstellung vieler Open-Source-Plug-ins.

Wie bei Eclipse gewohnt, gliedert sich die Arbeitsoberfläche der Webentwicklungsumgebung in einen zentralen Editorbereich, der von mehreren Sichten eingerahmt ist und nach Belieben verändert werden kann. Vorkonfiguriert sind zwar nur zwei Perspektiven, sie lassen sich aber beliebig klonen und danach nach eigenen Wünschen umkonfigurieren und speichern. Auf diese Weise kann der Entwickler schnell mehrere maßgeschneiderte Arbeitsumgebungen erzeugen, zwischen denen er per Mausklick umschalten kann, beispielsweise eine spezielle Umgebung für die Teamarbeit oder eine andere für die Fehlersuche.

Der Quellcode-Editor bietet für Javascript, HTML, CSS, PHP und XML Standard-Features wie Syntaxhervorhebung, Zeilennummerierung, Codefaltung und eine umfangreiche Programmierhilfe. Ist eine HTML- oder PHP-Datei in Bearbeitung, besitzt das Editorfenster im oberen Bereich drei Register. Sie erlauben es, zwischen HTML-, Javascript- und CSS-Funktionen zu springen. In den Projekteinstellungen kann der Entwickler unterschiedliche Konfigurationen für die Formatierung von Javascript-, HTML-, CSS- und XML-Dateien wählen.

Eng gekoppelt mit dem Codeeditor ist die Browser-Vorschau. Sie ist für die üblichen Browser, die unter dem Betriebssystem zur Verfügung stehen, vorkonfiguriert. Unter Windows sind das der Internet Explorer und Firefox, beim Mac OS X Safari und Firefox. Weitere Browser lassen sich manuell konfigurieren. Außerdem steht noch eine iPhone-Vorschau zur Verfügung. Sie gestattet es, eine Webseite so anzuzeigen, wie sie das iPhone darstellen würde. Per Mausklick wechselt man von der Vertikal- in die Horizontaldarstellung. In den Grundeinstellungen der Entwicklungsumgebungen hat man bei der Option „iPhone Plugin“ die Auswahl zwischen dem Safari und dem Firefox-Browser. Letztere Option ist natürlich sinnlos und verursacht prompt einen Fehler, da das iPhone beziehungsweise der iPod touch nur über eine angepasste Version von Safari und nicht über den Firefox verfügen.

Freunde komfortabler Webdesigner wie Dreamweaver oder Expression Web dürften einen WYSIWYG-Editor vermissen. Sein Fehlen hängt vermutlich damit zusammen, dass die Zielgruppe des Werkzeugs in erster Linie Webprofis sind, die der Codegenerierung dieser Werkzeuge ohnehin nicht trauen und ihren Code per Hand optimieren. Dass man dennoch nicht auf ein Mindestmaß an Komfort verzichten muss, dafür sorgen einige Codevorlagen (Snippets). Hier sollte man jedoch nicht allzu viel erwarten. Das Snippet für eine HTML-Tabelle etwa ersetzt keinen komfortablen visuellen Tabelleneditor. Und so sieht es auch mit Image Maps aus, die man ebenfalls per Hand gestalten darf.

Der Test einer Site beziehungsweise einer einzelnen Seite funktioniert ähnlich wie bei einer Java- oder C++-Entwicklungsumgebung. Mit „Start“ erscheint die aktive Seite im voreingestellten Browser, den Aptana Studio automatisch startet, sofern er nicht schon aktiv ist. Mehrere Ausgangskonfigurationen für verschiedene Browser oder andere Einstellungen lassen sich anlegen. Der Entwickler kann iPhone- und iPod-Touch-Sites dank eines iPhone Application Servers direkt auf dem Gerät ausführen. Jede Änderung im Quelltext führt umgehend zu einer Aktualisierung der Seite auf dem Endgerät.

Die integrierten Funktionen zur iPhone-Entwicklung erlauben eine genaue Vorschau der Seite fĂĽr das iPhone und das direkte AusfĂĽhren des Codes auf dem Mobiltelefon.

Für die Bearbeitung von Javascript-Programmen und Ajax-Sites steht ein leistungsfähiger Javascript-Debugger zur Verfügung, den eine Debug-Perspektive steuert. Die unter „Start“ definierten Konfigurationen werden übernommen. Der Debugger bietet ähnlichen Komfort wie eine Java-Entwicklungsumgebung. Das heißt, Breakpoints lassen sich setzen, Variablen überwachen sowie ändern. Damit das zum Beispiel mit Firefox klappt, installiert Aptana sowohl Firebug als auch ein eigenes Debugger Add-on für den Browser. Dies Modul lässt sich direkt im Browser konfigurieren. Der Javascript-Debugger für den Internet Explorer ist nur in der Professional Edition vorhanden.

Das Site-Management funktioniert ähnlich dem Projektmanagement der Java-IDE von Eclipse. Alle Projekte erscheinen in einem Projekt-Explorer, einer Sicht namens „Project“. Hier kann der Designer Projekte anlegen, löschen, im- und exportieren sowie neue Dateien anlegen. „Working Sets“ können ebenfalls gebildet werden. Unter ihnen lassen sich bei einer Eclipse-IDE Subprojekte definieren. Das ist beispielsweise praktisch, wenn man in einem großen Projekt nur an einem bestimmten Abschnitt wie einem Einkaufskorb arbeitet.

Hat man ein „Working Set“ definiert, das exakt die Dateien umfasst, die zur Teilaufgabe gehören, kann man zwischen dieser Sicht und der kompletten Projektsicht auf Knopfdruck wechseln. Man kann verschiedenen Working Sets anlegen, die helfen, die Übersicht bei größeren Projekten nicht zu verlieren und nur das zu sehen, was man momentan tatsächlich benötigt. Das Site-Management ist leider nicht so leistungsfähig wie das Projektmanagement in der Java-IDE von Eclipse. So sind beispielsweise die Filter für diese Sicht eher dürftig ausgefallen. Geschlossene Projekte oder für Aptana nicht editierbare Dateien lassen sich daher nur über Working Sets ausblenden.

Auffällig ist, dass es keine Refactoring-Funktionen gibt, mit denen sich Projekte unter Wahrung der Konsistenz umstrukturieren lassen. Dass diese Funktionen sinnvoll wären, merkt man beispielsweise, wenn man eine referenzierte CSS-Datei innerhalb eines Projekts umbenennt. Aptana Studio zieht die Umbenennung in den HTML-Dateien, die diese Datei verwenden, nicht automatisch nach. Die Sicht „File References“ liefert nicht unbedingt zuverlässige Ergebnisse, wenn es um die Vernetzung von Dateien geht. Aus diesem Grund ist es nicht weiter verwunderlich, dass es keine Baumansicht einer Site gibt, wie sie beispielsweise Go Live so hervorragend liefert.

Wer seine fertige Site auf einen Server oder ein anderes Laufwerk übertragen und synchronisieren will, bekommt wieder erstklassige Unterstützung. Sie drückt sich in einer übersichtlichen Sicht, einem ebensolchen Konfigurationsdialog und in den unterstützten Standardprotokollen FTP, SFTP, FTPS aus (die letzten beiden nur in der Professional Edition). Eine Vielzahl von Beispielen und mitgelieferten Bibliotheken (Dojo, Mochikit, Scriptaculous) sowie unterstützte Techniken (Ajax, X/HTML, Adobes AIR, Ruby, XML) runden neben der hervorragenden Onlinedokumentation den Eindruck einer außergewöhnlichen Entwicklungsumgebung ab.

Mit seiner robusten Eclipse-Basis, dem modularen Aufbau und der Plattformunabhängigkeit ist Aptana Studio im codezentrierten Bereich der Webentwicklung eine der besten Umgebungen. Selbst Dreamweaver und Expression Web können nicht überall Paroli bieten. Um mit den Marktführern in allen Bereichen gleichzuziehen, fehlen Aptana Studio allerdings noch einige Funktionen. Das sind nicht nur die erwähnten visuelle Editoren für Image Maps oder Tabellen, sondern vor allem ein wesentlich umfangreicheres Site-Management.

Bernhard Steppan
arbeitet als Softwareentwickler und freier Autor in Bad Homburg.

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Lieferumfang und Preise

  • Produktname: Aptana Studio
  • Version: 1.1
  • Homepage: www.aptana.com
  • Installationsmedium: Download
  • Lizenz: Einzellizenz
  • Speicherbedarf: circa 512 MByte RAM, 200 MByte HD
  • Hardware-Anforderungen: PC mit mindestens 700 MHz Pentium 4, Mac G5
  • Betriebssystem: Windows, Mac OS X ab 10.4, Linux mit GTK
  • Java-Laufzeitumgebung: ab 1.5
  • Eclipse: 3.2.x (bei der Vollinstallation im Lieferumfang)
  • Dokumentation: Onlinehilfe, Videos, HandbĂĽcher
  • Preis: kostenfrei (Community Edition), 99 US-$ (Professional Edition)
  • Anbieter: www.aptana.com

(hb)