Tatort

Am 25. Mai 2008 hat die ARD den 700. Kriminalfilm aus der Reihe Tatort ausgestrahlt. Ein Grund, der Serie und ihrem Hintergrund im Netz auf die Spur zu kommen.

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Von
  • Kai König

Das Erfolgsrezept der im Ersten ausgestrahlten Serie Tatort beruht unter anderem auf der Tatsache, dass es eine Vielzahl von Ermittlerteams gibt. Diese sind in verschiedenen Städten angesiedelt und prägen die Krimireihe durch Lokalkolorit sowie regionalen Humor und Besonderheiten. Als offizieller Einstiegspunkt zur Tatort-Recherche im Web bietet die Seite der ARD dem interessierten Surfer eine Vielzahl weiterführender Informationen.

Empfehlenswert ist beispielsweise die Kommissar-Übersicht. Hier wird anschaulich visualisiert, in welchen Städten die aktuellen Ermittler beheimatet sind, welches ihre letzten Fälle waren, und man erhält sogar Querverweise zu Auftritten der Schauspieler in anderen ARD-Sendungen wie Talkshows.

Anhand dieser Karte stößt man beispielsweise auch auf den österreichischen Tatort-Kommissar Major Moritz Eisner, gespielt von Harald Krassnitzer. Die vom ORF produzierten Episoden stehen bei einigen der regelmäßigen Zuschauern allerdings im Ruf, Tourismus-Werbung ohne Handlung zu sein. So sehen es beispielsweise die „Milchjunkies“.

Noch vor wenigen Jahren beteiligte sich auch das Schweizer Fernsehen erfolgreich an der Produktion der Tatort-Reihe. 2001 hat es damit aufgehört – mit der Begründung, dass es die Produktionsmittel in andere Formate überführen wolle. Das Schweizer Fernsehen produzierte in 12 Jahren Tatort 12 Episoden, wie sich der Liste der ehemaligen und aktuellen Tatort-Ermittler aus Wikipedia entnehmen lässt. Auf der privaten und unglaubliche Details bietenden Seite tatort-fundus.de wurde im Februar 2008 spekuliert, ob die Schweiz in den Tatort-Verbund zurückkehren werde, da man sich an der Produktion eines in Deutschland als Tatort gesendeten Krimis beteiligt hatte. In der Schweiz lief die Produktion allerdings nur als normaler TV-Film.

Das wirft die Frage auf, wie man einen Krimi als Tatort identifizieren kann. Am einfachsten dürfte das über die einprägsame Titelmelodie und den Vorspann gelingen. Jedes Kind in Deutschland kennt beide wahrscheinlich von Sonntagabenden im Wohnzimmer der elterlichen Wohnung – oder zumindest die Musik, die auch im Bett des Kinderzimmers zu hören ist. Wer schon lange keinen Tatort mehr gesehen hat – den Vorspann gibt es auf Youtube.

Ein wenig tiefergehende Forschung auf der gleichen Seite fördert die Tatsache zutage, dass es verschiedene Versionen von Vor- und Abspann zu geben scheint. Die Titelmusik, komponiert von Klaus Doldinger, wurde im Laufe der Zeit nur zweimal leicht angepasst, allerdings erkennt man in neueren Versionen des Vorspanns ein klareres Bild, was vermutlich auf digitale Nachbearbeitung des Originalmaterials zurückzuführen ist. Die flüchtende Person im Vorspann hat übrigens der Schauspieler und heutige Beleuchtungstechniker Horst Lettenmayer gespielt. Ihm gehören auch die im Trailer zu sehenden Augen. In einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ erfährt man ein wenig mehr zu dieser an sich im Hintergrund stehenden Person.

Dem Tatort wird nachgesagt, dass die Reihe, sofern in der nötigen Vorlaufzeit möglich, auf aktuelle gesellschaftliche und politische Begebenheiten eingeht. Das war von Anfang an der Fall, denn schon der erste Tatort vom NDR im Jahre 1970 mit dem Titel „Taxi nach Leipzig“ sorgte für Aufsehen hinsichtlich der Darstellung des deutsch-deutschen Verhältnisses. Eine ausführliche Rezension mit Bildern (wie auch zu anderen Episoden) findet man auf der Seite tatort-fans.de. Seit April diesen Jahres ist dieser Krimi auch als Buch in der Reihe „Sittengeschichte Deutschlands“ erhältlich.

Neben herausragenden Folgen gibt es herausragende Ermittler. Unvergessen das Duisburger Duo Schimanski und Thanner (Götz George und Eberhard Feik) oder der Essener Kommissar Heinz Haferkamp, gespielt vom leider im letzten Jahr verstorbenen Hansjörg Felmy. Das aktuelle Team des WDR-Tatorts bestehend aus Ballauf und Schenk gibt ebenfalls eine gute Figur ab und bekommt auf zahlreichen Fanseiten Bestnoten. Der WDR hat also bei der Besetzung der Rollen ein glückliches Händchen bewiesen, allerdings finden sich auch in anderen Städten und Ländern erfolgreiche Kommissare. Der Südwestdeutsche Rundfunk hat beispielsweise mit dem Duo Lena Odenthal und Mario Kopper die zurzeit dienstältesten Ermittler im Einsatz (seit 1989), dicht gefolgt von Batic und Leitmayr aus München (seit 1991).

Wie angedeutet spiegeln sich im Tatort Zeitgeist und die Entwicklung der deutschen Gesellschaft wider. Michelle Mattson hat diese Tatsache wissenschaftlich untersucht und die Ergebnisse unter dem Titel „Tatort: The Generation of Public Identity in a German Crime Series“ veröffentlicht. Eine weitere Quelle mit interessanten Hintergrundinformationen zu Aufbau und Planung der Krimi-Reihe ist das Interview mit Gebhard Henke vom WDR, der unter anderem bei der ARD als „Tatort-Koordinator“ agiert.

Ein relativ neues Konzept im Tatort sind die Crossover-Handlungen. Darunter versteht man Episoden, in denen Kommissare aus einer bestimmten Stadt in einem anderen Ort ermitteln müssen und dabei auf die dort beheimateten Tatort-Ermittler treffen. Dieses Konzept stammt ursprünglich aus US-amerikanischen TV-Sendungen (beispielsweise „Buffy“ und „Angel“) und wurde in den neueren Tatort-Folgen bei zwei Gelegenheiten mit gegenseitigen Besuchen der Leipziger und Kölner Kommissare aufgegriffen.

Des Weiteren gibt es Crossovers mit Polizeiruf 110, einer schon in der DDR bekannten und beliebten Krimiserie. 1990 trafen die damaligen Ruhrpott-Kommissare Schimanski und Thanner auf ihre Polizeiruf-Pendants; ein weiterer Versuch brachte im Jahr 2006 das Frankfurter Tatort-Ermittlerteam mit den Polizeiruf-Kommissaren zusammen.

Episoden-Rezensionen der etwas anderen und lockeren Art findet man im Blog von Sopran. Der Autor bloggt während der Tatort-Folgen im TV und kommentiert minutengenau zu Ereignissen in der Episode, die ihm erwähnenswert scheinen. Diese Vorgehensweise liefert ein ganz anderes Bild einer Episode, da der Blog-Eintrag mit dem Spannungsbogen entsteht.

Wer nach all dem immer noch nicht genug hat, kann sich zum Abschluss im Webangebot des Ersten den Klingelton der Titelmusik herunterladen und sich somit auch in der Tatort-freien Zeit von der einprägsamen Melodie berieseln lassen. (ka)