Elise und die Beatles in der Warteschleife

Nicht immer trifft beim Warten auf den Gesprächspartner die Musik aus dem Telefonhörer den richtigen Ton.

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Von
  • Marc Strehler
  • dpa

Wenn die Musik im Radio nicht gefällt, lässt sie sich abschalten. Auflegen bei musikalischen Telefonwarteschleifen ist aber nicht immer möglich. Mal ist es Beethovens Klavier-Ohrwurm "Für Elise", mal ein Beatles-Song, der die Zeit vertreiben soll, bis am anderen Ende der Leitung abgehoben wird. Manchmal dudelt auch eine auf der Heimorgel vertonte Eigenkomposition aus dem Hörer. Kaum ein Unternehmen verzichtet heute auf etwas Musik in der Warteschleife. Auch bei Behörden, Verbänden und anderen Einrichtungen schallt es munter in der Leitung. Allerdings treffen nicht alle Warteschleifen den richtigen Ton.

Der Hannoveraner Musikwissenschaftler Reinhard Kopiez sieht etwa den Irrglauben weit verbreitet, mit entspannender Musik ließe sich der ohnehin schon genervte Anrufer einer Beschwerde-Hotline besänftigen. Der Professor für Musikpsychologie an der Hochschule für Musik und Theater warnt vor solcher "Alltagspsychologie". Er glaubt vielmehr, dass ein gegenteiliger Effekt eintritt. "Der Anrufer regt sich nur noch mehr auf, weil er sich nicht ernst genommen fühlt." Vor allem kleinere Unternehmen wählen bei der Suche nach der richtigen Warteschleifenmusik auch nach finanziellen Erwägungen aus. "Viele entscheiden nach dem Preis", sagt Gerd Segatz, Geschäftsführer des Tonstudios Pinguin Park aus Norderstedt, das auch Warteschleifen produziert. Je billiger, desto besser, sei dann die Maxime.

Wer auf Bewährtes in der Leitung setzt, muss Gebühren zahlen. Knapp 260 Mark (rund 130 Euro) verlangt die GEMA, die die Nutzungsrechte an vielen populären Musikstücken verwertet, im Jahr für einen urheberrechtlich geschützten Titel, der in einer Warteschleife landen soll. Dafür darf der Zahlende 30 Leitungen mit der Melodie seiner Wahl belegen. Bei der Fluggesellschaft Condor etwa unterhält passenderweise der Schmuse-Song "I believe I Can Fly" die Anrufer. Die GEMA registriert ein wachsendes Interesse an Warteschleifenmusik mit Wiedererkennungswert: Von 1999 auf 2000 stiegen die Einnahmen in diesem Bereich um knapp 600 000 auf rund 2,2 Millionen Mark.

Eine billige Alternative sind CDs mit GEMA-freier Musik, die mit "beschwingten Instrumentaltiteln" wie "Harmony" oder "Fantasy" die Anrufer unterhalten. Für rund 50 Mark bekommt der Käufer einen Sampler mit einigen Melodien ohne allzu großen Wiedererkennungswert. Vor allem renommierte Unternehmen und Behörden können es sich aber nach Ansicht von Kopiez nicht erlauben, bei der Warteschleife zu knausern. Schnell sei ein Anrufer mit einer "08/15-Melodie" vergrault. "Ob eine Warteschleife gut ankommt, hängt sehr stark von der musikalischen Qualität ab", sagt Kopiez. Tonstudios, die Warteschleifen anbieten, beraten ihre Kunden und basteln ihnen für einen vier- bis fünfstelligen Betrag ein maßgeschneidertes Stück Musik, das - professionell eingespielt - dem Chart-Hit qualitativ in nichts nachstehen soll.

Die Erfahrung, dass aber auch Billiges nicht zwangsläufig als schlecht empfunden wird, hat dagegen die Frankfurter Stadtverwaltung mit ihrer Warteschleife gemacht. In den Leitungen der Frankfurter Behörden ist eine schlichte Melodie zu hören, für die die Stadt weder GEMA-Gebühren noch ein Tonstudio bezahlen musste. Zwei Schüler haben bei der Stadtverwaltung vor einigen Jahren angefragt, ob diese statt des üblichen "Für Elise" nicht ihre auf dem Keyboard eingespielte Eigenkomposition einspeisen wolle.

Am wichtigsten ist nach Ansicht von Kopiez, dass der Inhalt einer Warteschleife zur jeweiligen Behörde oder dem Unternehmen und dessen Produkten passt. Eine Strategie, die zum Beispiel der Frankfurter Verlag Eichborn - wenn auch dezent - beherzigt. Wer genau hinhört, kann zwischen zwitschernden Vögeln in der Warteschleife das Summen einer Fliege identifizieren - das "Wappentier" des Verlages. (Marc Strehler, dpa) / (anw)