Hörspielfieber

Die gute alte Tradition des Märchenerzählens lebt – in Form von Hörbüchern. Und wer schon als Kind mit den drei Fragezeichen aufgewachsen ist, zeigt möglicherweise noch als Erwachsener Suchterscheinungen.

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Von
  • Diane Sieger

Früher lauschten Kinder Peter Themotheus Carsten, Gabi Glockner, Karl Vierstein und Willi Sauerlich (alias TKKG) beim Kriminalfalllösen, während sie Türme aus Legosteinen bauten oder große Schlachten mit Playmobil nachspielten. Damals kamen Hörspiele auf Schallplatte oder Kassette, heute ist die Technik weiterentwickelt. Da viele auf die lieb gewonnenen Freunde nicht verzichten wollen, zogen „Die drei ???“ und Co. vom Kassettenrekorder auf den iPod, vom Platten- auf den MP3-Spieler. Längst sind es nicht mehr nur Kinder, die vom Hörspiel fasziniert sind, immer mehr Erwachsene sind süchtig nach den auditiven Geschichten.

Das Online-Meinungsportal Sozioland hat es bereits 2005 nachgewiesen: Wer mit Hörspielen groß wurde, der ist auch als Twen oder Thirtysomething fasziniert von dieser Art der literarischen Darbietung, sogar im großen Maße vom Kinderhörspiel. Speziell Krimis und Horrorgeschichten helfen vielen Menschen nicht nur die Langeweile beim Bügeln oder Kochen zu bekämpfen, sondern dienen sogar als Einschlafhilfe. Die gesamte Studie gibt es online.

Zu den wohl bekanntesten und beliebtesten Serien gehört zweifellos TKKG. Vier Teenager (ein gewaltbereiter Anführer, ein schlauer Klugscheißer, ein ständig Schokolade futterndes Pummelchen und die Tochter eines Kommissars) lösen Kriminalfälle auf eigene Faust. Obwohl ständig unter Kritik wegen latent sexistischer/rassistischer Kommentare und politisch unkorrekter Äußerungen (siehe dies Beispiel oder auch dieses), wird die Serie bereits seit 1981 produziert; im Juni diesen Jahres erschien die 158ste Episode.

Außerdem werden seit den 80er-Jahren hin und wieder Fernsehfolgen oder Filme gedreht und Computerspiele zur Serie auf den Markt gebracht. Wer glaubt, die Gruppe zu kennen, und sein Wissen rund um die Viererbande testen möchte, sollte sich dem TKKG-Fantest unterziehen. Ebenfalls sehenswert, sowohl für Fans als auch für Hasser, ist die dreiteilige Serie „Warum TKKG doof ist“ auf Youtube. Und wer sich wundert, dass die vier Kids niemals älter werden, kann den Grund hierfür auf der tkkg-fanpage nachlesen.

Ebenfalls berühmt und beliebt sind die drei Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews aus Rocky Beach in Kalifornien, die unter dem Pseudonym „Die drei ???“ bekanntlich jeden Fall übernehmen. Das mit den Namen ist jedoch so eine Sache – aufgrund eines Rechtsstreits um Lizenzen war es dem Hamburger Hörspiel-Label Europa zeitweise nicht mehr erlaubt, die Fragezeichen im Titel zu verwenden. Auch einzelne Figuren, unter anderem zwei der Hauptrollen, musste der Verleger umbenennen. Genaueres berichtete der Focus im Oktober 2006. Mittlerweile hat man sich aber außergerichtlich geeinigt, und „Die Drei ???“ dürfen weitermachen.

Im Gegensatz zur promifreien Serie TKKG tauchen bei den drei Fragezeichen oftmals aus Film und Fernsehen bekannte Persönlichkeiten als Sprecher auf – Günther Pfitzmann, Ilja Richter, Elisabeth Volkmann und selbst Enie van de Meiklokjes durften schon eine Gastrolle bei den drei Ermittlern übernehmen. Eine umfangreiche Liste mit vielen Gastsprechern gibt es im Wikipedia-Eintrag der drei Detektive. Die Sprecher der Hauptakteure sind seit der ersten Folge 1979 immer dieselben – einer von ihnen, Oliver Rohrbeck, der dem Anführer Justus Jonas die Stimme leiht, hat sich zur Premiere des ersten Kinofilms der drei Fragezeichen im Interview mit der Welt ausgiebig dazu geäußert, warum seiner Meinung nach heute Erwachsene zu den größten Fans der Kinder- und Jugendhörspiele gehören. Das vollständige Gespräch gibt es im Welt-Kultur-Archiv.

Wer die Geschichten der drei Fragezeichen mag, sollte unbedingt den Tourplan des Vollplaybacktheaters im Auge behalten. Das junge Ensemble spielt regelmäßig Folgen auf der Bühne im Playback nach. Urkomisch und absolut lohnend.

Um den Nachwuchs an Hörspiele heranzuführen, greifen viele sicherlich zu den Serien für die Kleinsten: Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen. Aus Sicht der Bundeszentrale für politische Bildung trägt man damit allerdings nicht dazu bei, seine Sprösslinge zu toleranten und weltoffenen Menschen zu erziehen. Warum weder die kleine Hexe noch der dicke Elefant politisch korrekt sind, findet sich im Webangebot der BPB. Ein erschreckendes Bild, das in wissenschaftlicher Form von den stereotypischen Figuren (Bürgermeister, Polizei, Medienvertretern) gezeichnet wird.

Geht die Leidenschaft für Hörspiele über TKKG, die drei Fragezeichen, Bibi und Benjamin hinaus, empfiehlt sich ein Blick ins Hörspielland. Das Fanportal bietet Informationen zu allen erdenklichen Hörspielreihen, vom A-Team über die Pizzabande bis hin zu „Zurück in die Zukunft“. Außerdem lassen sich sämtliche Folgen aller Serien kommentieren, sodass auch der interaktive Spaß nicht verloren geht.

Wer Informationen zum Lieblingssprecher sucht, ist beim Hörspielportal goldrichtig. Über 1800 Sprecher in fast 6800 Rollen sind hier erfasst. Sucht man beispielsweise nach dem Sprecher der Rolle des Dr. Remplem aus der TKKG-Folge „Vampir der Autobahn“, trifft man auf Karl Walter Diess – mit dieser Information kann man sich weitere Rollen des Sprechers anzeigen lassen. Wichtig für den Hardcore-Fan, der sich auch für die Personen hinter den Sprechrollen interessiert. Eine etwas übersichtlichere, allerdings weniger Sprecher und Rollen umfassende Datenbank gibt es unter hörspiele.de.

Für all diejenigen, die mit den alten und neu aufgelegten Kinderhörspielen wenig anfangen können, bietet sich der ARD-Tatort an, den die Internet-Infos im letzten Monat ausgiebig beleuchtet haben. Diese Krimiserie wird neuerdings auch als Hörspiel produziert – einen interessanten Artikel, der unter anderem die Geschichte der Entstehung des Radiohörspiels ein wenig intensiver beleuchtet, hat der Spiegel veröffentlicht. Zu hören ist die Audioversion des Tatorts jeweils eine Woche lang.

Wer nun Lust auf eine Audio-Geschichte bekommen hat, jedoch für den Anfang kein Geld ausgeben möchte, kann sich auf einem vorleser.net schon mal umschauen. Dort stehen rund 500 Downloads kostenlos zur Verfügung. (ka)