Das WeiĂźe im Auge
- Christian Kirsch
Pünktlich 40 Jahre nach den „Enteignet“-Forderungen und brennenden Auslieferungsfahrzeugen bringt sich der Axel-Springer-Verlag wieder ins Gespräch. Diesmal allerdings nicht als Vertreter des Establishments, sondern als kleine radikale Minderheit: In einer via Youtube ausgestrahlten Videobotschaft verkündigte der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner die Abkehr von der dunklen Seite der Macht.
Hinfort werde man sämtliche Arbeitsplätze des Konzerns mit Apple-Rechnern ausstatten, und zwar aus vier Gründen: Macs seien schon immer beliebte Werkzeuge in der Druckindustrie gewesen, sie seien „leichter zu bedienen als alle anderen“ und sähen hübsch aus. Schließlich kosteten Anschaffung und Wartung weniger als bei den Vorgängern. Vor allem diese Reihenfolge löst Verwunderung aus: Scheinbar hält ein in 33 Ländern aktives Unternehmen mit 10 000 Mitarbeitern und einem Milliardenumsatz leichte Benutzbarkeit und elegantes Aussehen für wichtiger als Einsparmöglichkeiten.
Überraschen dürfte der Schwenk all jene, die Apple auf dem Weg vom Computerhersteller zur Lifestyle-Company schon fast am Ziel sahen. Rechner und Bürosoftware, so konnte man in den letzten Jahren häufiger von Apple-Fans hören, gerieten gegenüber den diversen Laut- und Bunt-Angeboten immer mehr ins Hintertreffen. In Betrieben jenseits der kreativen Drei-Mensch-Klitsche spielten Apple und Mac OS X bislang jedenfalls keine nennenswerte Rolle.
Was sicherlich auch daran liegen dürfte, dass das Unternehmen in Deutschland keine Infrastruktur für Firmenkunden vorweisen kann. Die einzige Support-Option war bis dato „Apple Care“. Vor-Ort-Reparaturen sieht dieser Plan nur vor, wenn ein autorisierter Serviceanbieter in der Nähe des Kunden ansässig ist. Eine Reparatur- oder auch nur Reaktionszeit garantiert er nicht.
Springer, der damit zum größten europäischen Mac-Anwender wird, will die Einführung der Macs über fünf Jahre strecken. Ob diese Zeit reicht, um in allen Ländern eine Support-Organisation aufzubauen, die den Betrieb rund um die Uhr garantiert? Eine Alternative könnte sein, innerhalb des Verlags die nötigen Kenntnisse und Infrastruktur bereitzuhalten. Alles mag das Unternehmen jedenfalls nicht auf die Apple-Karte setzen, denn von der Umstellung auf Mac-Server war keine Rede.
Ebenso wenig wie von einem vollständigen Umstieg auf Mac OS X. Vielmehr will der Verlag sowohl dieses als auch Windows auf den Macs einsetzen. Noch gibt es keine Informationen dazu, wie das geschehen soll – weder die deutsche VMware-Niederlassung noch Parallels wussten etwas über den Einsatz ihrer Virtualisierungstechnik dort.
Der für Apple schlimmste Fall, dass seine Rechner nur den schicken Rahmen für ein per Bootcamp gestartetes schnödes Windows bilden, dürfte jedoch kaum eintreten. Denn immerhin will Springer auch das iPhone einsetzen, und das funktioniert zurzeit nur mit Apples OS X. Nicht zu vergessen Döpfners zweites Argument: Macs sind leichter zu bedienen als alle anderen Rechner. Allerdings nur, wenn auf ihnen das eigene Betriebssystem läuft. (ole)