Vom Nicht-böse-Sein

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Von
  • Henning Behme

Kein kleines Geschenk, das sich Google gerade noch rechtzeitig zum Zehnjährigen überreicht hat. Zwar steckt der Anfang September veröffentlichte Browser Chrome noch in den Betaschuhen, aber die Attacke der kalifornischen Suchspezialisten auf Internet Explorer & Co. läuft – demnächst vielleicht auf der wahrscheinlich besten Werbeplattform der Welt: Googles spartanischer Homepage.

Dass die googlesche Browser-Nachricht als Leitartikel auf den Wirtschaftsseiten einer Tageszeitung taugt, hätte im vorigen Jahrhundert noch als Science-Fiction durchgehen können. Heute, gleichsam zehn Jahre nach Altavista, nimmt das Internet einen nicht unerheblichen Teil des Wirtschaftslebens ein, Tendenz immer noch steigend. Da kann man nicht genug wissen.

Don’t be evil, lautet das Firmenmotto. Erfunden hat es der Hauptentwickler von Gmail (in Deutschland Google Mail), Paul Buchheit, im Jahre 2001.1 Wie die Verantwortlichen um Gründer Larry Page und Sergey Brin die Einwilligung in die Zensur chinesischer Suchergebnisse damit in Einklang bringen, ist fast ein Orwellismus: Immer noch besser, die Chinesen haben Zugriff auf von Google ausgewählte Informationen, als dass ihre Regierung sie ganz vom Internet abschneidet. Elliot Schrage, Vizepräsident für weltweite Kommunikation und öffentliche Angelegenheiten, hat vor dem US-Repräsentantenhaus zur „Anpassung an lokale Bedingungen“ gesagt: „We believe that our current approach to China is consistent with this mantra.“2

Wer Monopole liebt, muss Google lieben. Zu dieser Gruppe gehört das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) nicht, denn es rät vom allgemeinen Gebrauch des Browsers ab. Datenschützer sind ohnehin alarmiert, denn die Sammelleidenschaft der Suchmaschinenbetreiber geht über das Speichern gesuchter Begriffe weit hinaus: Nutzer des hauseigenen Maildienstes sollen die richtige Werbung bekommen, und was mit den Gesundheitsdaten geschieht, die man bei Google Health speichern kann, weiß niemand außerhalb des Googleplex, wo man schwört: „We will never sell your data. You are in control.“ Das dürfte im Zweifelsfall eine datenhungrige Regierung wenig interessieren …

Ob Chrome sich durchsetzt, hängt nicht nur von der Platzierung auf der meistbesuchten Homepage der Welt ab. Die Benutzung muss einfach sein (ist sie), die aufgerufenen Seiten muss der Browser schnell anzeigen (es sieht ganz danach aus), und es darf keine Angst aufkommen, dass die Daten in die falschen Hände geraten – welche immer das sein mögen. Googles Geschäftsmodell ist es, über erfasste Daten Werbung an die richtigen Empfänger zu verschicken. Unwahrscheinlich, dass die Firma aufs Sammeln verzichtet. Unwahrscheinlich, dass die gläsernen Surfer auf datensammelfreiem Suchen bestehen, denn auf den kostenlosen Service wollen sie nicht verzichten.

1 Wikipedias Motto-Eintrag

2 Googles Zeugnis vor dem Repräsentantenhaus (ole)