Meet your president

Die anstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA sind ein Medienspektakel, in dem die Verantwortlichen alle Register ziehen. Diverse Möglichkeiten zur Selbstdarstellung, die das Internet bietet, werden da natürlich auch einbezogen.

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Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Diane Sieger

Kaum zu glauben, dass es schon wieder vier Jahre her ist, dass sich die Internet-Infos mit dem Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten von Amerika befasst haben. Seitdem hat es viele technische Entwicklungen gegeben, von denen die diesjährigen Kandidaten ausführlich Gebrauch machen.

Leser, die ihr Wissen um das amerikanische Wahlverfahren grundsätzlich auffrischen möchten, sollten sich zunächst die Q&A-Seite der amerikanischen Botschaft in Deutschland anschauen. Dort gibt es sämtliche wissenswerten Details rund um das Wahlsystem und wie es funktioniert. Auch die Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg liefert gutes Hintergrundwissen.

Wer das Geschehen aus der Ferne betrachtet, bekommt leicht den Eindruck, dass es in Amerika lediglich zwei Parteien gibt, zwischen deren Kandidaten es eine Entscheidung zu treffen gilt. Weit gefehlt. Wikipedia klärt darüber auf, dass es neben dem Demokraten Barack Obama und dem Republikaner John McCain sage und schreibe elf weitere Präsidentschaftsanwärter gibt. Bei einigen kann man sich jedoch nur kopfschüttelnd wundern, wie sie es auf diese Liste geschafft haben. Da gibt es etwa den wegen Bedrohung des derzeitigen Präsidenten George W. Bush bereits vom amerikanischen Geheimdienst vernommenen Kandidaten der „Vampire-, Hexen- und Heiden-Partei“. Oder Gene Amondson, den Kandidaten der Prohibition Party, die schon seit 1867 für ein umfassendes Alkoholverbot kämpft. Da jedoch keiner dieser Volksvertreter auch nur den Hauch einer Chance auf die Präsidentschaft in den anstehenden Wahlen hat, soll es im Weiteren um die beiden im Rampenlicht sehenden Hauptkandidaten, Barack Hussein Obama und John Sidney McCain, gehen.

Dazu zunächst ein Blick auf die Webseiten der beiden. Eine genaue Wiedergabe dessen, was man dort vorfindet, gestaltet sich ein wenig schwierig, denn da jetzt die heiße Zeit der Wahlkampfphase beginnt, nehmen die Betreiber laufend Änderungen an den Webseiten vor. War gestern bei Obama noch ein Spendenaufruf dem eigentlichen Internetauftritt vorgeschaltet, erwartet man diesen heute vergeblich. Stattdessen hat McCain sein großes Wahlversprechen auf Seite eins gepackt, das vor wenigen Tagen noch nicht dort war. Wie immer die Seite jedoch aufgebaut ist, wer erstmal im Hauptangebot Obamas angelangt ist, bekommt alles geboten, was das Wählerherz begehrt: Pressemitteilungen, Videobotschaften, die Möglichkeit sich zur Freiwilligenarbeit zu verpflichten, Infos zum Empfang von SMS, Obama Blog und eine Übersicht, in welchen Onlinenetzwerken Obama vertreten ist (Facebook, Myspace, Youtube, Flickr, LinkedIn und so weiter und so fort). Natürlich fehlt auch der Link zum Obama Store unter store.barackobama.com nicht, der nach dem selben Muster gestrickt ist wie die Webseite: klar, übersichtlich, benutzerfreundlich.

Ein bisschen unruhiger sieht es dagegen bei John McCain aus – die Webseite wirkt zunächst weniger strukturiert und es dauert einen Moment, bis man den Überblick erlangt hat. Ansonsten sind in McCains Webauftritt ähnliche Inhalte zu finden wie bei Obama, jedoch fehlt auf den ersten Blick die Selbstdarstellung in populären Onlinenetzwerken. Erst nach ein bisschen herumklicken kommt man zu McCain auf Facebook, Myspace und Youtube. Die typischen Nutzer sind vielleicht auch nicht ganz seine Zielgruppe.

Obama hingegen hat sogar sein eigenes Netzwerk gegründet: dort gibt es in Facebook-Manier Kontaktlisten mit Freunden, Event-Übersichten, Nachrichtenversand und jeder Account kommt inklusive Blog, in dem über Obama berichtet werden kann; sehr Web-2.0-mäßig. In manchen Staaten gibt es auch Face-to-Face-Treffen der My.BarackObama.com-Community – Timothy Moenk hat ein solches Treffen besucht und darüber berichtet.

Warum Obama über ein so außergewöhnlich großes Onlinenetzwerk verfügt und McCain nicht, lässt sich mithilfe eines Youtube-Videos herausfinden. Doch nicht nur über diesen Sachverhalt klärt Youtube auf. Auch der Frage, wie das Internet im Allgemeinen die Darstellung des politischen Geschehens verändert hat – insbesondere in Bezug auf die US Wahlen – geht dieses englischsprachigen Video nach.

Natürlich ist die Präsidentschaftswahl ein wichtiges Ereignis in den USA, und selbstverständlich kostet ein Wahlkampf viel Geld. Ob jedoch die Ausgabe von fünf Milliarden Dollar gerechtfertigt ist, bleibt zu bezweifeln. Immerhin hat der Wahlkampf im Jahr 2004 nur knapp eine Milliarde Dollar verschlungen, wie der Focus bereits im April zu berichten wusste. Mit diesem Geld hätte man sicherlich eine ganze Menge sinnvoller Arbeit finanzieren können.

Viel Aktuelles zum Thema gibt es auch bei Scot W. Stevenson – nominiert für den Grimme Online Award 2007 – zu lesen. Er ist der Meinung, dass kein Land deutsche Nachrichten und Blogs so dominiere wie die USA, will aber die Reihe der deutschsprachigen Blogs nicht mit einem weiteren ergänzen, der das Land „entweder als des Satans neue Heimat verdammt oder es als das neue Paradies vergöttert“, sondern mit einem, der die „USA erklärt“. Hier bekommt man unter anderem über einen Link Einblick in Finanzunterlagen von Sarah Palin.

Bis zum Wahltag auf dem Laufenden zu bleiben stellt übrigens keine schwere Übung dar; sämtliche große Tageszeitungen berichten in ihrem Onlineangebot ununterbrochen über kleine und große Verwicklungen aus den USA. Die Süddeutsche Zeitung beispielsweise bietet unter dem Titel „Spezial US-Wahlkampf“ Neuigkeiten, sobald sich auf der anderen Seite des großen Teichs etwas Wahlspezifisches regt. Beim Tagesspiegel heißt das Ganze schlicht „US Wahl“ und kann stets aktuell abgerufen werden. Die tagesaktuelle Präsidentschaftsvorhersage gibt es bei Pollyvote. Im letzten Wahljahr lag die Prognose lediglich 0,3 Prozentpunkte daneben, die veröffentlichten Daten darf man also durchaus ernst nehmen.

Wie schon zur letzten Wahl wird Betavote in den nächsten Wochen der Frage nachgehen, wie die Wahlen in den USA ausgehen würden, dürfte die ganze Welt mitwählen. Einfach mal vorbeisurfen und die eigene Stimme abgeben – es wird wieder spannend zu sehen, ob es Unterschiede zwischen inner- und außeramerikanischem Wahlverhalten gibt.

Und wer es nun kaum noch erwarten kann, dem neuen amerikanischen Präsidenten zuzujubeln, für den gibt es noch einen kleinen Zeitvertreib bis zum Wahltag: So kann man sich einen Boxkampf mit dem Präsidentschaftskandidaten liefern, den man weniger leiden kann. (ka)