Täglicher Wahnsinn

Nicht nur Drogen machen süchtig. Für manche sind es Computerspiele, andere können nicht von Sudoku oder vom Comic-Lesen lassen. Letztere profitieren von den täglich wechselnden Veröffentlichungen im Web.

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Von
  • Diane Sieger

Viel hat sich in den letzten 15 Jahren im World Wide Web getan, seit das CERN die WWW-Technik in die Public Domain gegeben hat. Während es im Juni 1993 ganze 130 Webserver weltweit gab, hat heute jeder, der was auf sich hält, seine eigene Homepage. Da wundert es nicht, dass Google mittlerweile rund 29 400 Treffer für „Gerhard Seyfried“, liefert, den von Torsten Beyer vor neun Jahren in seinem Beitrag „Zapf, Ding, Bats …“ noch schmerzlich vermissten Autor von Anarcho-Comics.

Gleich an zweiter Stelle taucht Seyfrieds Hompage auf. Neben Hinweisen auf eigene Neuveröffentlichungen gibt es hier zum Beispiel Comic-Kostproben unter dem Menüpunkt „Cannabis Cartoons“, und unter „zeichenblog“ (in der linken Spalte ganz oben) erfährt man unter anderem die Wahrheit über den aktuellen Zustand des Turms von Pisa (wegen laufender Neueinträge eventuell dort unter „ältere Einträge“ nachsehen).

Etwas anders steht es um Beyers zweiten vermissten Helden: „der Gelbe Wastl“ liefert zwar mittlerweile ebenfalls einige Google-Treffer, die führen aber vor allem zu Amazon oder auf den „Comic-Marktplatz“. Ein Online-Genuss der alten Geschichten ist nicht drin. Wer in Kindheitserinnerungen schwelgen will, muss schon ein paar Euro für ein antiquarisches Heftchen investieren.

Dennoch lohnt sich nach neun Jahren ein erneuter Blick auf das Internet-Comic-Geschehen. Nach wie vor populär ist die Netzkultfigur Dilbert, der Ingenieur, der in seinem Cubicle in einem Großraumbüro dem alltäglichen Wahnsinn ausgesetzt ist. In vielen Büros weltweit ist die erste Amtshandlung des Tages das Aufrufen der Dilbert-Seite, um in den Genuss des täglich wechselnden Comicstrips zu kommen. Wer den morgendlichen Surfgang zur Dilbert-Website scheut, kann sich das Dilbert-Widget, widget.dilbert.com, installieren, und bekommt jeden Tag den neuesten Strip frisch auf eine Plattform seiner Wahl geliefert (Facebook, Myspace, Blogger etc.).

Ebenfalls um alltägliches Bürogeschehen dreht es sich bei der Mannschaft des fiktiven Internetproviders „Columbia Internet“. Sie kämpft in ihren Geschichten für Open-Source-Software und Linux und lässt immer wieder ihre negative Meinung zu Microsofts Produkten in ihre Dialoge einfließen. Die Userfriendly-Fangemeinde hat sogar ein eigenes Portal: Unter ufies.org können sich regelmäßige Leser untereinander austauschen und durch eine Reihe Links zu verwandten Themen klicken. Bis zum Jahr 2003 gab es übrigens auch eine deutsche Übersetzung der täglichen Comics, die noch heute im Archiv einsehbar sind.

Einer der weltweit beliebtesten Comics – zumindest laut Wikipedia – ist Penny Arcade. Der regelmäßig erscheinende Strip widmet sich voll und ganz dem Thema Videospiel und kommt mitunter wenig jugendfrei daher. Im angeschlossenen Forum können sich Fans von Comic oder Videospielen im Allgemeinen austauschen und Lob oder Kritik äußern. Und ist man erstmal süchtig nach der täglichen Dosis Penny Arcade, kann man sich im Merchandise Shop das passende Fan-Outfit bestellen.

Die Abkürzung PvP steht für Player versus Player und ist der Titel eines Comicstrips von Geeks für Geeks. Typische Geek-Themen wie Herr der Ringe, Star Trek, Apple Computer und Kaffee werden an fünf Tagen pro Woche in Szene gesetzt. Da sich der Einstieg für neue Leser, die mit den Protagonisten noch nicht vertraut sind, nicht ganz einfach gestaltet, gibt es eine Vorstellung der Hauptpersonen mit einer kleinen Übersicht über die wichtigsten Handlungsbögen aus der Vergangenheit.

Etwas akademischer geht es bei PhD zu. Hierbei handelt es sich zwar um Geschichten rund um eine Gruppe Doktoranden, die Abkürzung steht jedoch vielmehr für „Piled higher and deeper“ und verdeutlicht das Chaos, mit dem die junge Truppe regelmäßig zu kämpfen hat. Wer sich den Comic-Strip von nun an täglich zu Gemüte führen möchte, sollte zunächst ein Intro anschauen und sich mit dem namenlosen Titelhelden der Geschichte sowie seinen Freunden Cecilia, Mike und Tajel vertraut machen. Unter derselben URL gibt es eine Auswahl der beliebtesten Strips für diejenigen, die nicht einer täglichen Leseroutine verfallen möchten. Nach dem Bekanntmachen mit den Protagonisten fällt es leicht, dem täglichen Wahnsinn entweder auf der Webseite, im RSS Reader oder eingebunden auf der eigenen Homepage zu folgen.

Nicht ganz so intellektuell gibt sich das ehemalige Kriegsraumschiff Slip Crisis, das zum Museumsschiff umgebaut worden ist, um unkultivierten Lebensformen ein kultiviertes Leben nahezubringen. Täglich liefert die Museums-Crew Geschichten, in denen es um Raumpiraten, Zeitreisen, böse oder auch niedliche Außerirdische und andere Verrücktheiten geht. Hier gibt es ebenfalls eine Abteilung für neue Leser, in der die Figuren und wichtige Handlungsstränge für ein besseres Verständnis erläutert werden. Und wer dem Autor mal beim Zeichnen der Starslip-Comics über die Schulter schauen möchte, sollte sich Kristofer Straubs Youtube-Video ansehen – dort gibt es einiges zu lernen.

Dem „Nochnichtsüchtigen“, dem das tägliche Lesen eines Comics oder gar einer Fortsetzungsgeschichte zu viel ist, bietet sich das Verfolgen des vierzehntägig erscheinenden Ministrips „Die Dramatik der Dinge“ von Katharina Greve an. Dort philosophieren Alltagsgegenstände wie Coladosen, Strohhalme oder Parkbänke über menschliche Themen. Ein Blick lohnt sich auch auf die englische Version, da manche Comics nur in einer der beiden Sprachen veröffentlicht zu sein scheinen.

Sollte das Interesse über das Lesen von Online-Comic-Strips hinausgehen, liefert Wikipedia eine Ausgangsbasis für Hintergrundinformationen. Hier wird erklärt, welches der erste regelmäßig in einer Tageszeitung erscheinende Comic war, und was es mit dem Klischee, dass Comics nur für kindliche und jugendliche Männer gedacht sind, auf sich hat.

Nach all den witzigen und spannenden Comics hat vielleicht manch einer Lust bekommen, selbst einen Strip zu entwerfen. An Ideen wird es den meisten bestimmt nicht mangeln, denn der alltägliche Wahnsinn rund um Computer, Arbeit und Kollegen bietet genug Material für eine zeichnerische Umsetzung. Auf in die die Bastlerwerkstatt. Nach kurzer Anmeldeprozedur stehen dort die nötigen Tools zur Verfügung, um mit dem Kreieren des ersten eigenen Werks zu beginnen. Und wer noch weiteres Handwerkszeug benötigt, um mit dem Comicschreiben loszulegen, kann sich zunächst den Step-by-Step Guide „Creating your own Internet Comic Strip“ zu Gemüte führen. Es wird genauestens erklärt, welche Elemente ein erfolgreicher Comic-Autor berücksichtigen sollte. (ka)