Tiefdruck

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Von
  • Ralph HĂĽlsenbusch

Passend zur Jahreszeit der nördlichen Hemisphäre zieht am Horizont der IT-Landschaft schweres Wetter auf: Cloud Computing. Seine Entstehung verdankt es dem Symbol für das Netz der Netze. Hinter dem Zeichen der Wolke verbirgt sich die komplexe Struktur der Wege, die im Einzelfall irrelevant ist, da sie nur zeigen soll, dass zwei oder mehr Systeme mit-einander in Verbindung stehen.

Cloud Computing steht jedoch für Handfesteres. Da ballen sich bei Herstellern und Dienstleistern Computerressourcen, die teuer bezahlt nur zu einem geringen Teil ausgelastet sind. Und das ist ein Ärgernis, dem Technik und Marketing mit verschiedenen Mitteln zu Leibe rücken wollen – Cloud Computing ist eins davon. Amazon macht es vor und bietet registrierten Kunden nicht nur Speicherplatz, sondern auch Rechenleistung im Web an. Im Grunde eine Methode, mit der die ersten RZ schon Dampf abgelassen und Rechenzeit vermietet haben, wenn auch ohne Internet.

Im Nebulösen bleibt dabei nur, welche Ressourcen der Kunde bei seinem Anbieter gerade nutzt, was ihm getrost egal sein kann, denn er kauft einen Dienst bei jemandem, der ihm etwas ausrechnet, und das muss stimmen. So lässt Amazon niemanden im Ungewissen und nennt sein Angebot Elastic Compute Cloud (EC2 – nein, kein Quadrat): Da verschwindet nix, aber man bleibt flexibel, schließlich ist das ja noch alles Beta.

Doch offensichtlich reicht das nicht. Fast alle in der IT-Branche müssen die frische Brise gespürt haben und halten nun ihre Fähnchen in den Wind. Alle? Nein, es muss einen geben, und der hält das für (frei übersetzt) ausgemachten Blödsinn (stupidity): Richard Stallman, Gründer der Free Software Foundation. Er sieht die Freiheit bedroht, denn Cloud Computing bedeute, die Kontrolle abzugeben. Das klingt wie ein Widerspruch, denn Open Source heißt ja, andere in die Karten gucken lassen, und Cloud Computing wäre ohne Open Source kaum denkbar. Aber der Dienst ist nicht kostenlos verfügbar und es handelt sich nicht um Verträge mit einer Community. Die Front, die dort aufzieht, droht nicht nur die Dämme der Informationsflut aufzuweichen, sondern auch die Software ins Schwimmen zu bringen.

Eine solche Atmosphäre ruft andere Wolkenmacher auf den Plan: Microsoft in Gestalt von Steve Ballmer, der auf der Bühne immer wieder der Kamera entkommend einen gewaltigen Wirbel verursacht und ein neues Betriebssystem mit dem (vorläufigen) Namen Windows Cloud als unbedingt erforderlich ankündigt. Erst jetzt erkennt man die grenzenlose Freiheit über den Wolken: den Desktop im Internet, was diesmal wohl nicht bei iDOS oder iWin beginnt. Das überraschte Amazon, Google nicht, dort hat man schon – einen Desktop. Amazon ließ deshalb eiligst Windows als Ballon im EC2 steigen. Die Großwetterlage hat nun wohl alle Bereiche erfasst, nicht nur diejenigen, denen es um die gelegentliche Nutzung fremder Ressourcen für spezielle Aufgaben oder um das Abfangen von Leistungsspitzen geht.

Einer, der sich auskennen muss mit wallenden Nebeln und Weissagungen, Larry Ellison, der Chef von Oracle, gab sodann den Derwisch „Gibberish, Insane, and Idiocy“, was man als dummes Gerede, Irrsinn und Idiotie übersetzen kann – und das, nachdem wenige Tage vorher sein Unternehmen groß bei Amazons EC2 eingestiegen war. „Die Computerindustrie ist noch modeverrückter als die Frauen“, räsoniert er weiter und er hat recht, denn Oracle hat sich ja bei Amazon gerade neu eingekleidet. Und er gesteht, dass er gar nicht weiß, worüber alle gerade reden. Auch da hat er recht. Denn was nun Cloud Computing wirklich ist, ein Rechnerverleih, ein dienstbarer Geist oder die endgültige Freiheit vom Desktop, kann keiner mehr sagen. Nur eins ist klar: Es gibt einen neuen Hype. (ole)