Süße Weihnacht
Früher galt es als Heilmittel, heute kann es als Pars pro Toto für Weihnachten stehen: das Marzipan. Nicht jeder liebt es, aber jeder kennt es – zumindest vom Geschmack her. Was es sonst noch über Marzipan zu wissen gibt, verrät ein Blick ins Internet.
- Diane Sieger
Weihnachten steht vor der Tür und mit den Festtagen untrennbar verbunden sind lieb gewonnene Bräuche, Gerüche und süßes Naschwerk. Zur Weihnachtszeit gehört neben Glühwein, Bratäpfeln, aromatisiertem Tee und Lebkuchen natürlich Marzipan. Zwar trifft man auch im Frühling, Sommer und Herbst ab und zu auf diese Süßigkeit – meist in Form von Dekorationen auf Hochzeitstorten und anderen festlichen Desserts –, doch so richtig schmeckt es erst, wenn es draußen früh dunkel und außerdem bitterkalt ist.
Luxus nicht für jedermann
Der Ursprung des Marzipans ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es liegt die Vermutung nah, dass es aus dem Orient stammt, da die zur Herstellung der Süßigkeit notwendigen Rohstoffe wie Zucker, Mandeln und Rosenöl dort schon vor langer Zeit erhältlich waren. Von dort aus gelangte es während der Kreuzzüge über den Handelsplatz Venedig nach Europa. Nachzulesen unter anderem auf der Webseite des Marzipanherstellers Niederegger.
Zu Beginn des Marzipanhandels konnten sich ausschließlich wohlhabende Leute wie Kalifen, Fürsten und Herzöge das schmackhafte Konfekt leisten. Für einfache Leute war die edle Süßigkeit schlichtweg zu teuer. Erst durch die Französische Revolution und die daraus resultierende, von Napoleon verhängte Kontinentalsperre hat man in Europa Verfahren zur Zuckerherstellung entwickelt. Dadurch sank der Preis des Zuckers, was ein Fallen des Marzipanpreises nach sich zog. Erstmalig konnte sich auch das weniger wohlhabende Volk die süße Masse leisten.
Doch nicht nur zum Genuss wurde Marzipan verzehrt, sondern auch zu medizinischen Zwecken verabreicht. Es sollte bei Nervosität, Kopfschmerzen und Liebeskummer helfen, wie man in der ältesten Apotheke Europas im estnischen Tallinn zu berichten weiß. Nachzulesen im Onlinearchiv der Berliner Zeitung. Ganz Verwegene glaubten gar an eine „Vermehrung des Rückenmarks und des Gehirns“ sowie an die aphrodisierende Wirkung des Marzipans, wie sich unter erfahren lässt. Hier erzählen die Autoren auch die Geschichte der Rostocker Dame, die mithilfe eines mit verzaubernden Zutaten versehenden Marzipanherzens versuchte, den Geliebten an sich zu binden. Dieser fand jedoch keinen Gefallen an dem wertvollen Geschenk und warf es einem Schwein zum Fraß vor, das dann des Nachts in liebestoller Manier statt des angebeteten Jünglings durch ihre Tür stürmte.
Marzipan besteht aus nichts anderem als Mandeln, Zucker und Rosenwasser, doch die richtige Zubereitung scheint eine wahre Kunst zu sein. Namhafte Marzipanhersteller sind weit über ihre Stadt- und Landesgrenzen hinaus berühmt. Und unterschiedliche Markenprodukte unterscheiden sich nicht nur in Farbe und Form, sondern auch in der Preisklasse – auf eine 100-Gramm-Tüte kann der Preisunterschied durchaus drei Euro betragen.
Der Frage, was hinter diesen drastischen Preisdifferenzen steckt, ist die Reporterin Dorothee Stromberg 2006 für den Süddeutschen Rundfunk nachgegangen und lieferte die Antwort. Diese Reise ins Marzipan-Wunderland endet allerdings mit einer schlechten Nachricht für den Geldbeutel: Wer gutes Marzipan essen möchte, sollte etwas tiefer in die Tasche greifen. Denn hier gilt: Qualität hat ihren Preis.
Substitut in Zeiten der Not
Während des Zweiten Weltkriegs mussten sich die Menschen schon einiges einfallen lassen, um in Zeiten des Verzichts an Festtagen Marzipan bereitzustellen. In einem englischsprachigen Bericht des BBC-Weltkriegserinnerungsarchivs erzählt ein Zeitgenosse von den Versuchen seiner Familie, aus Wasser, getrockneten Eiern, Sojamehl und Mandelessenz etwas Ähnliches wie Marzipan herzustellen. Die Aussage „Die Kombination von Soja und Mandelessenz sorgte für ein bitter-süßes Aroma, dessen Geruch durchaus als Marzipangeruch durchgegangen wäre, hätte man es durch eine Gasmaske eingeatmet“, erklärt nur zu deutlich, dass dieses Substitut nur wenig mit dem Original zu tun hatte.
Dass Marzipan ist nicht nur zum Verzehr geeignet ist, belegt flickr. Wunderschöne Tiere, Früchte und ganze Landschaften, nachgebildet aus Marzipan, kommen zum Vorschein, wenn man dort „Marzipan“ als Suchbegriff eingibt. Für iX-Leser sicherlich am interessantesten sind hier unter anderem die Marzipan-Gadgets von Dahlia Weinmann, die zeigt, dass man aus Marzipan iPods, Digitalkameras und Mobiltelefone basteln kann. Dass sich Marzipan selbst zur Herstellung filigraner Kunstwerke eignet, lässt sich ebenfalls feststellen. Nachmachen ist hier wohl nur detailverliebten Künstlern zu empfehlen. Einer, dessen Kunstwerke sich jedoch durchaus an denen diverser Flickr-User messen lassen können, ist der Berliner Günter Frieb. In einer Dokumentation lässt er sich bei der Arbeit über die Schulter schauen.
Kunst des Naschens
Hat eine Süßigkeit einen gewissen Status erreicht, wird ihr in der Regel ein Museum gewidmet. Während in Deutschland die Stadt Köln die Schokolade hochleben lässt, gibt es in Ungarn und Israel auch Museen, die sich ganz dem Thema Marzipan hingeben. Zum Erstgenannten gibt es sogar ein Youtube-Video, das eine Familie beim Museumsrundgang begleitet.
Zwar hüten die meisten Marzipanhersteller das Geheimnis ihrer Rohmasse bestens, doch wer nun Lust aufs Selbermachen bekommen hat, um die Weihnachtsbackwaren mit frischem Marzipan zu versüßen, kann sich durchaus mit den Großindustriellen messen. Das Geheimnis heißt Rosenwasser, ist in der Apotheke erhältlich, und gibt dem Rezept das unvergleichliche Aroma. Und wer auch an kalten Tagen zu einem Eishörnchen nicht Nein sagen kann, sollte selbstgemachtes Marzipaneis ausprobieren. Das Rezept gibt es in „Ilkas und Ulis Eisecke“. Guten Appetit und fröhliche Weihnachten! (ka)