Gedankenspiel

Tim Berners-Lee hat bekanntlich das World Wide Web erfunden. Allerdings bestanden die Anfänge vor zwanzig Jahren zunächst aus einem Vorschlag für ein internes Informationssystem am schweizerischen CERN, der auf viele taube Ohren stieß.

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Von
  • Henning Behme

Es lässt sich nur willkürlich festlegen, wann genau das World Wide Web begonnen hat zu existieren. Der Vorschlag, den der Brite Tim Berners-Lee im März 1989 am schweizerischen Kernforschungszentrum CERN unterbreitete, kann als erstes zartes Anzeichen gelten, obwohl die Vorgeschichte des Web spätestens 1980 beginnt.

Als Berners-Lee anfing, sich mit Hypertext zu beschäftigen, kannte er nach eigenem Bekunden (siehe sein Buch „Weaving the Web“ aus dem Jahre 1999) weder Vannevar Bushs berühmten Aufsatz „As we May Think“ (1945) noch Ted Nelsons „Literary Machines“ oder die Arbeiten anderer Hyptertext-Gurus. Während seines ersten CERN-Aufenthalts schrieb TBL, wie er oft abgekürzt wird, 1980 ein leicht an ein viktorianisches Ratgeberbuch – „Enquire Within upon Everything“ – angelehntes Pascal-Programm namens Enquire, das er bei seinem Abschied vom CERN zwar jemandem übergab, das aber später offenkundig verloren ging.

Inkompatible Rechner und Netze waren nicht gerade ideale Voraussetzungen für das allumspannende Web, zumal am CERN das Internet in Gestalt von TCP/IP eher ein randständiges Dasein fristete. Derlei Hindernisse ließen sich dankenswerterweise umschiffen.

Als Berners-Lee die Erlaubnis erhielt, einen Next-Rechner zu erstehen, bedeutete das die perfekte Ausrede, das System und die objektorientierte Software mit seinem kleinen Projekt zu erforschen. Genauer: Als er seinem Chef Mike Sendall die Genehmigung eines Next-Kaufs nahelegte, stimmte der zu und sagte laut Berners-Lees Buch: „Once you get the machine, why not try programming your hypertext thing on it?“ I thought I saw a twinkle in his eye.

Hatte er es in seinem ersten Vorschlag 1989 (unter www.w3.org/History/ zu finden) noch „Mesh“ genannt und über Information Mesh nachgedacht, so grübelte er 1990 am Next sitzend über MOI (Mine of Information) und TIM (The Information Mine) nach, die er beide nach eigenen Worten wegen zu viel Egozentrik verwarf. Schließlich verfiel er auf den mittlerweile omnipräsenten Begriff World Wide Web, obwohl Kollegen ihn wissen ließen, dass ein neunsilbiges Akronym (WWW, im Englischen ein dreimaliges Double-Juh) jeden Erfolg verhindern würde.

Im Mai 1990 hatte Berners-Lee gemeinsam mit seinem Kollegen Robert Cailliau den ursprünglichen Vorschlag überarbeitet beim CERN eingereicht, ohne dass er mehr Echo als der erste hervorgerufen hätte. Im Herbst desselben Jahres ging es allerdings richtig voran. Berners-Lee schrieb eine Mischung aus Browser und Editor, die er WorldWideWeb taufte.

Einen Server fürs Web schrieb er ebenfalls; der lief auf seinem Arbeitsplatzrechner nxoc01.cern.ch (nx für Next, oc für Online Controls). Die erste – heute nicht mehr existente – Webseite war htttp://nxoc01.cern.ch/hypertext/WWW/TheProject.html. Von den Administratoren ließ er ein Alias für seinen Rechner eintragen, und der berühmte erste Webserver info.cern.ch erblickte das Licht des Netzes. Am 1. Weihnachtstag 1990 konnten Berners-Lee und Cailliau übers Internet Seiten abrufen.

Weltweit kann man das nicht nennen. Noch waren die Nextianer unter sich, denn Berners-Lee ĂĽberlieĂź einigen von ihnen (am CERN) den Browser/Editor. Als er im Mai 1991 dem beim CERN zu Besuch weilenden Paul Kunz vom kalifornischen Stanford Linear Accelerator (SLAC) das entstehende Web gezeigt hatte, teilte der nach seiner RĂĽckkehr sein Wissen der SLAC-Bibliothekarin Louise Addis mit, die sich umgehend darum kĂĽmmerte, am SLAC den ersten Webserver auĂźerhalb des CERN einrichten zu lassen.

Damit das Web sich verbreiten konnte, kündigte Berners-Lee am 6. August 1991 in der News-Gruppe alt.hypertext das WWW und die Verfügbarkeit des Line-Mode- und des Next-Browsers an – gewissermaßen der Durchbruch. In zunehmend rascher Folge entstanden weltweit Websites. Wie es heute auf der CERN-Eingangsseite heißt, existierten im November 1992 weltweit 26 Webserver; im Oktober 1993 belief sich deren Zahl schon auf über 200, im Juni 1994 auf über 2700. Den eigentlichen Durchbruch auf der Client-Seite brachte allerdings ein grafischer Browser – Mosaic. Am National Center for Supercomputing Applications (NCSA) der Universität von Illinois hatten Marc Andreessen und Eric Bina ihn entwickelt und nach einer X11-Version im April Ende 1993 Windows- und Mac-Fassungen freigegeben.

Wer früh mit dem Web begonnen hat, erinnert sich, dass es im Prinzip – abgesehen von Formularen – read-only war. Berners-Lees damalige Idee, Browser und Editor zu verknüpfen, haben erst Wikis und Web-2.0-Werkzeuge umgesetzt und damit das Web in eine Richtung verändert, die Berners-Lee von Anfang an vorgeschwebt hatte.

iX-Link (hb)