Kobolde des Netzes
Gut 5500 Requests for Comments hat die Internetgemeinschaft bislang verfasst. Verantwortlich fĂĽr die vorsichtige Bezeichnung waren die Autoren der ersten RFCs Ende der Sechzigerjahre. Steve Crocker machte im April 1969 den Anfang.
- Henning Behme
Internetstandards wie TCP, IP, ARP und viele andere sind seit ihren Anfängen in Requests for Comments (RFC, so viel wie "Kommentare erbeten") beschrieben – ein mehr als vorsichtiger Begriff, wenn man bedenkt, wie viel seit Langem vom Funktionieren der Protokolle TCP/IP et al. abhängt. Dass die Autoren ihre Papiere ursprünglich so zurückhaltend benannten, lag daran, dass sie als studentische Kräfte nicht die Autorität zu haben glaubten und tatsächlich wohl kaum gehabt hätten, mit ihren Zusammenfassungen wichtiger Diskussionen Vorgaben machen zu können. Steve Crocker von der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) fertigte mit Datum des 7. April 1969 den Ur-RFC an.
Blick zurück: Zwar hatte die Entwicklung, die zum Internet führte, nicht am 4. Oktober 1957 angefangen, aber als die Sowjetunion an diesem Tag den Satelliten Sputnik I (und später II) ins All schoss, führte dieses Ereignis den USA schmerzlich vor, dass sie technisch nicht uneinholbar waren. Was wiederum Präsident Eisenhower und seine Umgebung nicht hinnehmen wollten und konnten. Am 7. Januar 1958 forderte Eisenhower beim Kongress Mittel für die Advanced Research Projects Agency (ARPA) an, und kurze Zeit später waren zwei Milliarden Dollar Budget bewilligt sowie mit Roy Johnson, Vizepräsident von General Electric, ein Leiter bestellt.
Eben diese ARPA betrieb mit ihrem Information Processing Techniques Office (IPTO) unter Leitung von Larry Roberts die Entwicklung des Arpanet, der ersten miteinander verknĂĽpften Hosts, fĂĽr deren Zusammenarbeit Steve Crocker RFC 1 "Host Software" schrieb.
Im Quadrat gesprungen
Für die Verbindung der ersten vier Universitäten – allesamt Vertragspartner der ARPA – erhielt die Consulting-Firma Bolt Beranek and Newman aus Massachusetts den Auftrag, sogenannte Interface Message Processors (IMP, gesprochen wie das englische Wort für "Kobold") zu bauen – Honeywells DDP-516 nutzend. Sie sollten unabhängig von den zu verbindenden Universitätsrechnern arbeiten, denn die waren völlig unterschiedlich: eine SDS Sigma 7 an der Universität in Los Angeles, eine SDS 940 am Stanford Research Institute (SRI) in Menlo Park, eine IBM 360/75 an der Universität in Santa Barbara sowie eine DEC PDP-10 an der Universität von Utah.
Bis diese "Viererbande" miteinander arbeiten konnte, war einiges an Vorbereitungen notwendig gewesen. Gut beispielsweise, dass der US-Amerikaner Paul Baran und der Brite Donald Davies gleichzeitig auf die Idee kamen, Nachrichten in Blöcken zu verschicken ("packet switching").
Software fĂĽr das ARPA-Netz musste teilweise in den IMPs und teilweise auf den Hosts residieren. Botschaften zwischen den Hosts durften nicht umfangreicher als 8080 Bit sein, der sie empfangene IMP teilte sie in Pakete von maximal 1010 Bit auf. So wollte es der erste RFC.
RFCs mehr als Dokumentation
Niemand konnte ahnen, was die Herangehensweise der Studenten an die Dokumentation bewirken würde. Dass sie mit ihrer Zurückhaltung gleichsam eine Bottom-up-Standardisierungsstrategie ins Leben riefen, die noch 40 Jahre später funktioniert – wenn auch nicht gänzlich unorganisiert.
Schnell stellte sich heraus, dass RFCs einen Herausgeber benötigen. Jon Postel hat diese Arbeit seit 1970 fast 30 Jahre lang verrichtet und dabei eine Reihe RFCs selbst verfasst (die bedeutendsten sind TCP/793 und IP/791). Er starb 1998 an Komplikationen nach einer Herzoperation. Internet-Pionier Vinton Cerf hat ihn im RFC 2468 gewürdigt. Wie letztgenannter RFC zeigt, enthält die Liste der über 5500 Beiträge nicht nur Entwürfe für Internetstandards – die übrigens nie aktualisiert, sondern von späteren RFCs überschrieben werden.
Um unterschiedliche Dokumente zu klassifizieren, haben die Verantwortlichen mehrere Listen kreiert. Unter den KĂĽrzeln STD (standard), FYI (for your information) und BCP (best current practices) finden sich RFCs, die jeweils eine eigene Nummerierung haben. Die RFC-Editor-Site (www.rfc-editor.org) fĂĽhrt sie als xxx-index.html im Eingangsverzeichnis.
Meta-RFCs führen in das Schreiben von RFCs ein, von einer Anleitung (2223) bis hin zum genauen Gebrauch von Wörtern (2119). Nicht genug damit: Platz für Scherze bieten sie ebenfalls – nicht nur zum 1. April wie das "Hyper Text Coffee Pot Control Protocol" (HTCPCP, RFC 2324). RFC 1149 ist im März 2001 entstanden und beschreibt unter dem Titel "Transmission of IP Datagrams on Avian Carriers", wie Brieftauben dank ihres "intrinsic collision avoidance system" sicheren Transport gewährleisten. RFC 2549 aktualisiert ihn als "IP over Avian Carriers with Quality of Service". Für 2009 lag bis Redaktionsschluss kein Aprilscherz vor.
Im Gegensatz zur Top-down-Standardentwicklung bei ISO oder DIN sind RFCs/Internetstandards konsensgetrieben – hierin vergleichbar den Empfehlungen des World Wide Web Consortiums. Während Standards wie ein Brief nach DIN 676 von vielen befolgt werden müssen, haben RFCs sowie W3C-Standards lediglich empfehlenden Charakter – man denke bei Letzteren nur an Browser-Implementierungen von CSS et cetera.
Literatur
[1] Katie Hafner, Matthew Lyon; Where Wizards Stay Up Late; The Origins of the Internet; New York (Simon & Schuster) 1996; deutsch als "ARPA Kadabra oder Die Anfänge des Internet" bei dpunkt (hb)