"heute" startet mit Pannen-News-Angebot
Die in neuem Kleid und mit umstrittenen Partner T-Online daherkommende Online-Ausgabe der Nachrichtensendung war gleich nach dem Start so gut wie nicht zu erreichen.
ZDF-Intendant Dieter Stolte hat sich viel vorgenommen: Mit T-Online als "wichtigstem Service-Provider" in Europa an der Seite will er die "beste und erfolgreichste Nachrichtensendung im Netz" produzieren. Dazu ist der öffentlich-rechtliche Sender im März eine Kooperation mit der börsennotierten T-Online AG für die News-Site www.heute.t-online.de eingegangen, für die am heutigen Samstag auf der IFA die Chefs beider Organisationen den offiziellen Startschuss gegeben haben. Der ZDF-Nachrichtenklassiker, der bisher in Partnerschaft mit dem US-News-Angebot MSNBC online lief, soll dadurch aktueller und übersichtlicher werden. T-Online versorgt das ZDF dabei mit den nötigen technischen Infrastrukturen und soll durch die direkte Einbindung in die Nachrichtensparte des viel besuchten Webportals als Klicklieferant fungieren. Der Sender sorgt für die Inhalte der Seite.
Inhaltlich wartet das News-Portal mit klassischen Rubriken wie Politik, Wirtschaft, Magazin ("Vermischtes"), Sport oder Computer auf. Beim Start hatten die 14 Online-Beauftragten, die fest in die 300 Mann starke Nachrichtenredaktion des ZDF eingebunden sind und von ihr gefĂĽttert werden, ihrem News-Chef Helmut Reitze keine leichte Nuss zu knacken gegeben: Auf der Einstiegsseite der "heute"-Site fanden sich just an prominentester Stelle die Ergebnisse des aktuellen Politbarometers, die natĂĽrlich "von gestern" stammten, wie Reitze bekennen musste. "Die sind aber auch heute noch nagelneu", versuchte der altgediente Journalist die Kurve zu kratzen. Abrufbar ist die Beliebtheitsskala aber nicht: Auch Stunden nach dem offiziellen Start tut sich unter der neuen Webadresse so gut wie gar nichts, Bilder und Texte sind momentan nicht zu bewundern.
Generell setzt die Redaktion auf die von den Öffentlich-Rechtlichen für sich in Anspruch genommene "Info-Kompetenz" und keine inhaltlichen Experimente. Die vom krisengeschüttelten Berliner Webdienstleister Pixelpark in fünf Monaten gebastelte Website zeigt sich ebenfalls zurückhaltend ganz in Blau-Weiß und folgt so dem neuen On-Air-Design von "heute". Akzente setzen allein das orange Logo und die obligatorische TV-Uhr, die online ununterbrochen den Countdown für den permanenten Nachrichtenstart abzählt. Neben der ständigen Aktualisierung bietet die Online-Ausgabe der Sendung als weiteren Mehrwert die Möglichkeit, in der "Mediathek" Ausschnitte aus TV-Interviews online abzurufen.
T-Online-Chef Thomas Holtrop will durch die Zusammenarbeit mit dem ZDF endlich die "Wandlung zum digitalen Medienhaus" vollziehen, die angesichts der sinkenden Margen bei der reinen Zugangsvermittlung bei allen größeren Providern seit längerem auf dem Plan steht. Geld durch Werbeeinnahmen kann Holtrop nicht erwarten, da der geltende Rundfunkstaatsvertrag dem ARD und dem ZDF diese Form der Refinanzierung untersagt. Diese Bestimmung war einer der Hauptgründe, der zur Trennung mit dem rein werbefinanzierten MSNBC führte. Trotzdem hofft der Vorstandsvorsitzende von T-Online, dass die rund 6 Millionen Mark Lizenzkosten, die der Provider jährlich an den Medienpartner zahlt, nicht zum Fenster hinausgeschmissen sind. "Wir fühlen uns geadelt" nun mit einer Marke wie "heute" aufwarten zu können, sagte Holtrop auf der IFA. Starke Namen aus der alten Medienwelt seien auch im Internet die eigentlichen Zugkräfte. Auch der Marketing-Vorstand der Deutschen Telekom, Josef Brauner, sieht das Mutterhaus des Providers dank der Zusammenarbeit auf der Gewinnerseite: Die zusätzlichen Inhalte will er auch über das weitere Telekom-Standbein T-Mobil verbreiten. Gleichzeitig hofft Brauner, mit dem multimedialen Angebot auch die Nachfrage nach breitbandigen Anschlüssen im Festnetzgeschäft weiter anzukurbeln.
Die Kooperation zwischen den beiden Häusern ist seit ihrer Bekanntgabe heftig umstritten. So hatte die Interessenvertretung der Privatsender, der Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT) , im Mai eine Beschwerde bei der Rundfunkkommission der Länder eingereicht. Die Lobbyisten befürchten, dass bei der permanenten Einblendung der Domain mit T-Online im Namen in "heute" und im "heute-journal" die Grenze zur Schleichwerbung überschritten werde. Mit dem "Grundversorgungsauftrag" hätten derlei Vermarktungskonzepte nichts mehr zu tun. Stolte findet den Einspruch allerdings "vernachlässigbar", da die Privaten nur ihr übliches Wehgeschrei erhöben und noch nicht erkannt hätten, dass sich die Öffentlich-Rechtlichen von ihrem alten "Beamten-Image" verabschiedet haben.
Ernster nimmt der ZDF-Intendant die Klagen mittelständischer Verleger, dass ihnen die geballte Marktmacht der beiden Partner die Chance für eigene Online-Angebote nehme. "Wir sind daher die Selbstverpflichtung eingegangen", so Stolte, "nicht im regionalen Bereich tätig zu werden." Die "heute"-Ausgabe im Netz werde sich auf "Weltnachrichten" konzentrieren: "Ich hoffe, dass wir damit den Druck von der Leitung genommen haben." Auch die redaktionelle Unabhängigkeit des ZDF sei durch die Vermählung mit T-Online keinesfalls in Frage gestellt, betonte Reitze gegenüber heise online. Im Vertrag gebe es dazu keinerlei Auflagen. "Die Telekom geht rauf, die Telekom geht runter - das hat für uns überhaupt keine Bedeutung für die Berichterstattung." (Stefan Krempl) / (mw)