Der Linux-Kernelcode als Hörgenuss

Auf Free Radio Linux wird in den kommenden 592 Tagen ausschlieĂźlich der Quellcode des Linux-Kernels gesendet.

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Viele Menschen entgehen der audiovisuellen Reizüberflutung und hören Radio: Ob nun Samstags in der Badewanne bei der Übertragung der Spiele der Fußballbundesliga oder abends bei einem spannenden Krimi-Hörspiel, ist reine Geschmackssache. Eingefleischte Linux-Anhänger können sich jetzt den ganzen Tag akustisch mit ihrem Lieblings-Quelltext umgeben. Denn seit gestern, dem vierten Jahrestag der erstmaligen Erwähnung des Begriffs Open Source, sendet Free Radio Linux die rund vier Millionen Zeilen Kernelcode des alternativen Betriebssystems. Nonstop liest eine Computerstimme knödelnd die Zeichen vor. Bis alle verlesen sein werden, gehen noch 592 Sendetage durch den virtuellen Äther.

Free Radio Linux greift damit eine Idee des Künstlers Vuk Cosic auf. Bei dessen Internetprojekt ASCII History of Art for the Blind liest ebenfalls eine Computerstimme den Code vor, der sich hinter digitalisierten Bildern von Warhol, Cézanne und anderen verbirgt. Cosic und Free Radio Linux wollen etwas hörbar machen, was sich für gewöhnlich versteckt oder was sich nur durch Sehen erschließt.

Linux-Hörer mit Linux als Betriebssystem benötigen für den Hörgenuss via Internet XMMS und den Open-Source-Codec Ogg Vorbis. Aber auch Linux-Hörer mit Windows- und Macintosh-Systemen sind erwünscht: Für Windows wird Winamp benötigt sowie ein Ogg-Vorbis-Plug-in und für Mac OS X der Player Jorbis Ogg.

Programmierern, die sich an die undeutliche Aussprache des Computers gewöhnt haben, offenbaren sich womöglich in den kommenden Wochen diverse Spannungsbögen. Unbedarftere Zuhörer werden ob der lautmalerischen Undeutlichkeit und Monotonie wohl eher meditativ versinken. (anw)