Die Medien und der Krieg: zwischen Patriotismus und Ausgewogenheit

Wehende Fahnen, rotweiße Banner: Zwei Monate nach den Terroranschlägen in den USA schwelgen die amerikanischen Medien weiter in patriotischen Gefühlen.

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Von
  • Thomas MĂĽller
  • dpa

Wehende Fahnen auf den Bildschirmen, rotweiße Banner auf den Titelseiten: Zwei Monate nach den Terroranschlägen in New York und Washington schwelgen die amerikanischen Medien weiter in patriotischen Gefühlen und steigern damit ihre Auflagen und Quoten. Um die patriotische Stimmung nicht durch zu viele Berichte über das Leiden in Afghanistan zu gefährden, rief CNN-Chef Walter Isaacson seine Mitarbeiter kürzlich zu mehr "Ausgewogenheit" auf.

Nach Angaben des Branchenblatts Editor & Publisher verzeichneten die meisten Zeitungen seit dem 11. September einen anhaltenden Auflagenzuwachs, und erstmals seit 40 Jahren besteht die Aussicht auf ein Wachstum in der Branche. Die Washington Post, die vor dem 11. September mit einem Auflagenschwund zu kämpfen hatte, konnte ihren täglichen Verkauf um 5 Prozent steigern. Viele Zeitungen nutzen die patriotische Stimmung und versuchen nun wie die St. Petersburg Times in Florida, junge Leser zu gewinnen. So wurden zahlreiche Sonderausgaben mit rotweißen Bannern in Schulen verteilt.

Für die großen Nachrichtensender hat sich die Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung über den Krieg in Afghanistan und die Milzbrandfälle ebenfalls gelohnt. CNN, Fox News und MSNBC verdreifachten teilweise ihre Quoten. Nach wochenlangen aufgeblasenen Berichten über den Abgeordneten Gary Condit und die verschwundene Regierungspraktikantin Chandra Levy oder über kleinere Haiangriffe vor der Küste Floridas konnten sie den Zuschauer endlich wieder einmal "harte News" liefern.

Doch die Kriegsberichterstattung bringt zwar mehr Zuschauer, sie ist aber auch teuer. Das Wall Street Journal errechnete, dass die Medien bereits 100 Millionen US-Dollar für die kontinuierliche Berichterstattung aus der Krisenregion und die ausgiebigen Recherchen an der Milzbrandfront ausgegeben haben. Dazu kommen Einnahmenverluste durch entgangene Werbung direkt nach den Anschlägen in Höhe von 500 Millionen US-Dollar.

Doch die Medienkonzerne wollen am Ball bleiben. "Wir werden was auch immer nötig ist ausgeben, um die Story angemessen zu berichten", schwört der AOL-Time-Warner-Finanzmanager Michael Kelly. Indem man in diesen Zeiten gut und ausgewogen berichte, baue man bei den Zuschauern und Lesern Vertrauen in eine Marke auf. Um dieses Vertrauen der Zuschauer und die Ausgewogenheit macht sich allerdings der Chef von CNN, das zu AOL Time Warner gehört, Sorge. Isaacson verlangte von seinen Korrespondenten und Nachrichtensprechern, sie sollten bei Berichten über die Zerstörungen in Afghanistan und das Elend der Bevölkerung darauf hinweisen, dass die Taliban-Führung mörderischen Terroristen Schutz gewähre. Für CNN International, das sich vor allem an ein ausländisches Publikum richtet, scheint diese Anordnung nicht zu gelten.

Während aus den Reihen der CNN-Korrespondenten leises Grummeln gegen die "pro-amerikanische" Berichterstattung zu vernehmen war, erhielt Isaacson Unterstützung von seinem schärfsten Gegner: Der Vizechef des politisch rechts von CNN angesiedelten Konkurrenten Fox News, John Moody, sagte, die Anordnung sei "keine schlechte Sache". Die Zuschauer bräuchten den Zusammenhang. Davon geht auch das Weiße Haus aus. Es forderte die Sender auf, bei der Ausstrahlung neuer Videobotschaften des mutmaßlichen Topterroristen Osama bin Laden Vorsicht walten zu lassen. Präsidentensprecher Ari Fleischer nannte die Videobotschaften Propaganda.

Washington-Post-Reporter Bob Woodward, der mit der Aufdeckung des Watergate-Skandals Weltruhm erlangte, übte an dieser Haltung Kritik. "Meine Ansicht ist, dass man 'Mein Kampf' nicht aus der Bücherei nehmen soll. Jeder soll auf dem Marktplatz der Ideen sein Sagen haben. Es ist wichtig, dass die Menschen hören, was Bin Laden zu sagen hat."

Zum Thema Terroranschläge auf die USA, Krieg in Afghanisten und die Berichterstattung in den Medien siehe auch den Artikel Zu viele Bilder toter und leidender Kinder sind unzulässige Kriegspropaganda in Telepolis. (Thomas Müller, dpa) / (jk)