Ein schwieriger Stand fĂĽrs interaktive Fernsehen in Deutschland

Längst sind neue Medien wie das Internet dabei, dem Fernsehen als führendes Unterhaltungsmedium den Rang abzulaufen; interaktives TV soll Abhilfe schaffen.

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Von
  • Renate Grimming
  • dpa

Die Revolution des Farb-Fernsehens liegt Jahrzehnte zurück. Nun soll beim TV mit interaktiven Programmangeboten (iTV) die nächste Umwälzung vor der Tür stehen. Denn längst sind neue Medien wie das Internet oder Videospiele dabei, dem Fernsehen als führendes Unterhaltungsmedium den Rang abzulaufen. Doch während sich Fernsehsender, Softwarehersteller und Netzbetreiber in den europäischen Nachbarländern Großbritannien und Frankreich in Goldgräberstimmung befinden, scheint die neue Generation der Fernsehunterhaltung in Deutschland noch auf sich warten zu lassen.

"Bis sich das interaktive Fernsehen in Deutschland durchsetzt, wird man noch einige Jahre warten müssen", sagte Stephane Goebel, Deutschland-Chef des kalifornischen iTV-Unternehmens OpenTV, auf der Multimedia-Messe Milia in Cannes. "Deutschland ist im europäischen Vergleich ein recht schwieriger Markt", sagte Goebel. Das liege nicht zuletzt an den komplizierten Verhältnissen unter den TV-Kabelbetreibern. Das digitale Fernsehen -- Voraussetzung für interaktive Angebote -- sei zudem anders als etwa in Frankreich und Großbritannien in der Bundesrepublik nicht sehr attraktiv, da das Publikum ohnehin auf über 30 freie TV-Kanäle zugreifen könne. "Und das, von den GEZ-Gebühren abgesehen, kostenlos." Künftig werde es schwer sein, den Leuten zu erklären, dass die interaktiven Zusatzdienste nicht umsonst sein können.

Dennoch sind die Fernsehanstalten in Zugzwang. Untersuchungen haben mehrfach belegt, dass es vor allem die begehrte Zielgruppe der 8- bis 20-Jährigen von der passiven Mattscheibe hin zum Mobiltelefon oder an den PC treibt. Doch noch immer seien Kabelbetreiber und Fernsehanstalten vor allem zurückhaltend, da noch überzeugende Geschäftsmodelle fehlten, schätzt Simone Emelius, Chefin von ZDF.vision, das für die digitalen Programmangebote des Mainzer Senders zuständig ist. "Die Fernsehanstalten und Hersteller von Settop-Boxen haben sich lange um das Henne-Ei-Problem gestritten", erklärte Emelius. Die Gerätehersteller warteten auf Sendekonzepte, die TV- Anstalten auf die technischen Grundlagen. Immerhin habe man sich mit der Multimedia Home Platform (MHP) auf einen dringend notwendigen Standard geeinigt, der endlich eine verlässliche Grundlage künftiger Zusammenarbeit liefere. Interaktive Inhalte anzubieten sei "unglaublich teuer", sagte Emelius. "Das haben sich viele vorher nicht überlegt." Auch eine ganze Reihe von Urheberrechtsfragen seien noch längst nicht geklärt, betonte Goebel.

Unterdessen diskutiert die Branche zur Finanzierung auch Strategien für interaktive Werbung. So könnte der Zuschauer über die Fernbedienung vom Sofa aus Pizza bestellen, während der Sportsendung gleich Tickets für das nächste Spiel oder per Knopfdruck die gleiche Bluse ordern, wie sie die Nachrichtensprecherin trägt. Doch das allein wird den Zuschauer nicht überzeugen. Über die Fernbedienung aufrufbare Hintergrundinformationen zur Nachrichtensendung oder Unterhaltungsangebote könnten dem Zuschauer jedoch "echten Mehrwert" bringen, meinte Goebel.

Einige Branchenexperten hegen jedoch generelle Zweifel, ob der Fernsehzuschauer überhaupt vor der Mattscheibe aktiv werden will. "In den USA glauben wir nicht an interaktives Fernsehen", sagte Gurval Caer, Chef des kanadischen IT-Marketing-Unternehmens Blast Radius, provokant während einer Expertenrunde zum Thema interaktives TV auf der Milia. Die Fernsehsender mühten sich mit Konzepten ab und wüssten eigentlich gar nicht, was interaktives Fernsehen wirklich ist. "Fernsehen ist, wenn ich mich zurücklehne, zuschaue und genieße", sagte Caer. (Renate Grimming, dpa) / (jk)