Der vernetzte Medizinstudent -- Lernen im "virtuellen Hörsaal"
Im neu gegründeten Forschungsverbund "Neue Medien an der Medizin" sollen die pädagogischen Möglichkeiten des Internets ausgelotet werden.
Der Säure-Base-Haushalt, die Physiologie der Zelle, die Struktur des Proteins – das Grundwissen ihres Faches ist für viele Medizinstudenten eine zähe Materie. Gerade in den ersten Semestern müssen die angehenden Ärzte ein gigantisches Lernpensum bewältigen. Denn es gilt, die erste schwere Hürde des Studiums zu nehmen: Das Physikum. Experten für Medizinpädagogik denken sich deshalb immer wieder neue Lernkonzepte aus. Bald könnte auch das Internet zum festen Bestandteil des Lehrbetriebs werden und Studenten eine nützliche Hilfe sein. So entwickelt derzeit die Uni Kiel gemeinsam mit anderen Hochschulen einen "virtuellen Hörsaal".
Im nun offiziell vorgestellten Forschungsverbund "Neue Medien an der Medizin" sollen die pädagogischen Möglichkeiten des Internets ausgelotet werden: Das Projekt – mit 1,7 Millionen Euro vom Bund gefördert – wurde am Donnerstag an der Uni Kiel ins Leben gerufen. Beteiligt sind neben der Kieler Hochschule die Universitäten in Bochum, Dresden und Rostock. Zu einem späteren Zeitpunkt will sich auch die Uni Zürich anschließen.
"Das gewöhnliche Präsenzstudium, bei dem der Student im Hörsaal dem Professor gegenüber sitzt, soll durch ein Distanzstudium ergänzt werden", erläutert Prof. Michael Illert, Dekan der medizinischen Fakultät in Kiel, das Vorhaben. Dabei könnten beispielsweise Studentengruppen in verschiedenen Städten in einer Videoschaltkonferenz vernetzt werden. Denkbar wäre auch: Ein Medizinstudent sitzt mit dem Laptop in Norwegen und ruft multimediale Lernprogramme der Uni Kiel im Internet auf. Per Mausklick startet er dann eine Animation des menschlichen Herz-Kreislaufes. Die Lehrprogramme müssen freilich erst noch entwickelt werden. Die Software, die derzeit auf dem Markt sei, sei einfach schlecht, sagt Illert: "Das sind Mickey-Mouse-Programme". Die Uni Kiel habe beispielsweise handelsübliche Chemie-Programme getestet, die zu 80 Prozent unbrauchbar seien.
Jetzt wollen es die Unis besser machen. Dabei soll ihnen der deutsche Software-Gigant SAP und der Wissenschaftsverlag Springer in Heidelberg helfen. Ob das von den Hochschulen geplante "Tele-Teaching-System" wirkliche Fortschritte bringt, muss sich indes zeigen. "Wir wissen noch nicht, ob multimediales Lernen dem konventionellen überlegen ist", sagt Illert. Dennoch glauben die Kieler Akademiker, dass Computer und Internet irgendwann die Wissensvermittlung gründlich revolutionieren könnten. "Wir stehen möglicherweise vor einer Umstrukturierung der Wissensbestände, einer völligen Neuorientierung", meint der Kieler Uni-Rektor Prof. Reinhard Demuth.
So soll das "Tele-Teaching-System" nicht nur Mediziner vernetzen, sondern irgendwann auch die Studenten anderer Disziplinen. Die Lehrinhalte seien im Prinzip austauschbar, sagt Illert. Zunächst entwickeln die beteiligten medizinischen Fakultäten aber den "virtuellen Hörsaal" für die Grundlagenfächer Pulmonologie (Atmung), Neurologie und den Bereich der Blut-Hochdruck-Erkrankungen. In ferner Zukunft, so hofft Prof. Christian Bauer, Leiter des physiologischen Instituts der Uni Zürich, könnte sogar "die medizinische Ausbildung in Europa harmonisiert werden". Gleiche Lehrinhalte und gleiche Methoden für alle Studenten – das würde den Wissensaustausch erheblich vereinfachen. "Vorerst bleibt das aber ein Wunschtraum", sagt Bauer.
Das Bundesforschungsministerium – Finanzier des Projekts – hat jedenfalls große Erwartungen in das Vorhaben der Unis gesetzt: Das "Tele-Teaching-System" müsse auf breiter Basis angewendet werden, fordert Rolf Geserick von der Fraunhofer-Gesellschaft, die das Ministerium im Forschungsverbund vertritt: "Wir wollen keinen Prototyp, wir wollen die Serienreife." (Stefan Fuhr, dpa) / (jk)