Sprachwissenschaftlerin: Teenies bauen in Talkshow-Chats Aggressionen ab
Die Sprachwissenschaft hat chattende Teenies als Untersuchungsobjekte entdeckt – als Basis für eine entsprechende Studie dienen ausgerechnet Chatrooms zu Talkshows privater Fernsehsender.
Viele Jugendliche im Alter zwischen 12 und 16 Jahren bauen im Chat Aggressionen ab – zu diesem Ergebnis kommt eine Studie über die Sprache von jungen Teilnehmern in Web-Chatrooms, die von privaten Fernsehsendern für Zuschauerdiskussionen im Anschluss an Talkshow-Sendungen betrieben werden. Silke Dormeier vom Seminar für deutsche Sprache an der Universität Köln, die für die Studie verantwortlich zeichnet, fand besonders auffällig, dass Kids die Anonymität des Internets nutzten, um andere Chatter persönlich zu beleidigen.
In den Talkshow-Chats geht es, so die Sprachwissenschaftlerin, oft heiĂź her. So stritten die Chatter mit den Moderatoren der privaten Fernsehanstalten teilweise heftig ĂĽber einzelne Themen. Auch "harte Redewendungen" seien dabei gefallen.
Einen Grund dafür, warum viele Jugendliche Chats als Aggressionsventil missbrauchen, will Frau Dormeier bereits gefunden haben: "Es ist leicht, anderen Usern gegenüber verletzend zu werden, wenn man selbst nur unter einem Fantasienamen schreibt." Des Weiteren sei nach Ansicht der Sprachwissenschaftlerin deutlich geworden, dass Jugendliche gerne Wörter aus der 'Comicsprache' für das Ausdrücken von Gefühlen und Emotionen benutzen -- als Beispiele nennt sie "lach", "zwinker" und "gähn".
Erfahrene "Netizens" finden zahlreiche Ansatzpunkte, die dazu Anlass geben, die Aussagekraft einer solchen Studie zu bezweifeln. Dass in einer Chat-Umgebung lautmalerische Sprache und Wörter aus der Comicwelt Verwendung finden, ist seit Jahren übliche Praxis – keineswegs nur bei Jugendlichen, sondern ebenso etwa in Senioren-Chatrooms – und weist auch keinerlei Zusammenhang zur Aggressionsproblematik auf. Darüber hinaus wäre kritisch anzufragen, warum denn gerade das Zuschauerpublikum der privaten Daily-Talks, die selbst durch unterstes sprachliches Niveau traurige Berühmtheit erlangt haben, als typisch für eine jugendliche Chat-Szene anzusehen sein soll. Boshafte Beobachter könnten mutmaßen, dass die verbalen Schlammschlachten von Talk-Gladiatoren aus sozial eher problematischen Bereichen eben auch vorrangig ein entsprechendes Publikum anziehen – oder mit anderen Worten: Es wäre verwunderlich, wenn der Umgangston, der in den Sendungen herrscht, sich nicht auch irgendwie in den dazugehörigen Chats widerspiegeln würde. (daa)