Der virtuelle Exil Club

Ein Online-Magazin fĂĽr SchĂĽler widmet sich Verfolgten und Verfemten.

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  • dpa

Else Lasker-SchĂĽler, eine der groĂźen deutschsprachigen Dichterinnen dieses Jahrhunderts, verlieĂź 1933 Deutschland, nachdem sie auf der StraĂźe von Nazis niedergeschlagen worden war. Sie starb im Januar 1945 im Exil in Jerusalem. Ihr Schicksal steht stellvertretend fĂĽr viele Menschen, die wegen ihrer Herkunft oder Ideen verfolgt wurden und ihr Land verlassen mussten. Ihnen widmet sich der Exil Club.

Es geht um Geschichte ebenso wie um die Gegenwart, um Medienkompetenz und um das Internet: Der Exil Club ist ein Projekt mit ehrgeizigen Zielen. Jugendliche sollen motiviert werden, sich mit Verfolgten und Verfemten zu beschäftigen und die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung im Internet zu präsentieren. Dort gibt es ein Magazin, in dem unter anderem entsprechende Schulprojekte vorgestellt werden.

Getragen wird das Projekt von der Else-Lasker-Schüler-Stiftung in Wuppertal und von der Initiative Schulen ans Netz in Bonn. Schirmherrin ist die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis. Die Schüler können beispielsweise über Intellektuelle im Exil recherchieren oder sich mit der Situation von Asylbewerbern in Deutschland auseinandersetzen. Zudem können sie dabei an dem bundesweiten Bildungswettbewerb gegen Verfolgung -- für Toleranz teilnehmen.

Der Startschuss für diese Aktion fiel jetzt während der Bildungsmesse 2002 in Köln (19. bis 23. Februar). Anmeldeschluss für Projektgruppen, Arbeitsgemeinschaften oder ganze Klassen ist der 15. April, letzter Abgabetermin für das Projektergebnis der 26. Juli. Anmeldungen sind online auf der Exil-Club-Website möglich.

Auf Wunsch gibt die Redaktion des Online-Magazins Hilfestellung bei der Umsetzung des jeweiligen Vorhabens. Dabei fällt nicht so sehr ins Gewicht, dass die Online-Beiträge vor Animationen strotzen oder professionelle Webdesigner vor Neid erblassen lassen: "Aber die multimediale Form der Darstellung spielt bei der Bewertung schon eine Rolle", sagt Christof Köhler, Redakteur des Web-Magazins. "Wir wollen schließlich auch die Medienkompetenz der Schüler fördern."

Die Voraussetzungen dafür seien da: "Viele Schulen sind inzwischen mit Rechnern und Internetzugang ausgestattet", sagt Köhler. Diese Möglichkeiten sollen im Rahmen des Wettbewerbs nun genutzt werden: Für die Suche nach Informationen zu dem jeweils gewählten Thema bietet sich das weltweite Datennetz geradezu an.

Beim ersten Wettbewerb dieser Art, der im vergangenen Jahr ausgeschrieben wurde, kamen schließlich 20 Beiträge in die Endausscheidung. Teilgenommen hatten Schulen aus Hessen ebenso wie aus Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen.

Deren Arbeiten sind zum Teil auf der Exil-Club-Website zu finden, darunter auch ein Beitrag, der sich mit dem Roman Nach Mitternacht der Schriftstellerin Irmgard Keune beschäftigt. "Das ist schon eine gelungene, ganzheitliche Collage zu der literarischen Vorlage geworden", sagt Köhler anerkennend. So haben die Schüler aus dem Deutsch-Leistungskurs des Nelly-Sachs-Gymnasiums in Neuss zum Beispiel neben Textauszügen auch Gedichte anderer Autoren "verlinkt".

Die Teilnehmer des diesjährigen Wettbewerbs können sich ebenfalls den Biografien verfolgter Schriftsteller, Musiker, Schauspieler und Wissenschaftler widmen. Sie können aber auch zu Themen wie Bücherverbrennung im "Dritten Reich", Berufsverbote oder politische Verfolgung recherchieren oder in ihrem Heimatort Beispiele rechtsextremer Gewalt dokumentieren.

Teilnahmeberechtigt sind grundsätzlich Schüler aller Schulformen der Sekundarstufen I und II. Erster Preis des Wettbewerbs ist eine einwöchige Reise in die tschechische Hauptstadt Prag. Lehrer, die Wettbewerbsprojekte betreuen, können sich auch auf lehrer-online.de über medienpraktische Fragen informieren.

Das Web-Magazin "Exil Club" will aber auch unabhängig vom aktuellen Wettbewerb noch stärker auf die Mitarbeit von Schülern setzen: Jugendliche können sich mit eigenen Geschichten, aber auch mit Rezensionen oder Interpretationen von Büchern oder Gedichten, mit Filmkritiken, Karikaturen oder Anmerkungen zu aktuellen Ereignissen zu Wort melden. Der "Beitrag des Monats" wird jeweils mit einem Preis ausgezeichnet. Schon jetzt gibt es die Möglichkeit, in den Foren des Magazins zu diskutieren. Künftig soll es solche Online-Diskussionen vermehrt auch mit Schriftstellern, Künstlern und Journalisten geben. (dpa) / (anw)