Entschleuniger gesucht
Die Körber-Stiftung lädt zu einem neuen Wettbewerb ein: "Tempo -- das Phänomen der Beschleunigung" in allen seinen Facetten.
Die Schnellen fressen die Langsamen, hämmern Management-Gurus den Unternehmen ein -- nur, wer Güter schneller als die Konkurrenz entwickelt, produziert und an den Kunden bringt, überlebt. Beschleunigung ist das Lebensprinzip der westlichen Industriegesellschaften. In der Gentechnik spielen Wissenschaftler im Zeitraffer die Variationen der natürlichen Evolution durch; in der Mikroelektronik jagt eine Chipgeneration die Nächste. Die Innovationen purzeln aus den Laboren, aber die politischen Institutionen können auf die immer schnelleren Fortschritte in Wissenschaft und Technik nicht mehr angemessen reagieren. Computer in die Kindergärten, Abitur nach zwölf Schuljahren -- der Anpassungsdruck steigt.
Mithalten kann nur, so scheint es, wer sein Leben tiefer legt und auf die Überholspur wechselt. Aber der kollektive Geschwindigkeitsrausch landet immer häufiger im Stau, im Verkehrs- wie im Reformstau. Traditionelle Strukturen weisen bei aller Veränderungsdynamik enorme Beharrungskräfte auf; die Grundzüge menschlicher Verhaltensweisen sind von erstaunlicher Konstanz, und die Muster von persönlichen Beziehungen, von Hierarchien und Entscheidungsprozessen erweisen sich als recht resistent gegenüber Veränderungen. Vielleicht wird die Vorstellung der ständigen Beschleunigung aller Lebensbereiche auch nur maßlos überschätzt?
Zum 1. April -- nein, es ist kein April-Scherz -- startet die private und gemeinnützige Hamburger Körber-Stiftung die Ausschreibung zum 4. Deutschen Studienpreis. Der Forschungswettbewerb steht diesmal unter dem Thema Tempo! -- Die beschleunigte Welt und lädt Studierende aller Fachrichtungen und Hochschulen im In- und Ausland ein, eigene Forschungen zum Rahmenthema durchzuführen.
Das Wettbewerbsthema soll, so die Körber-Stiftung, weit gespannte ideengeschichtliche Überlegungen ebenso wie durchaus praktische Probleme ansprechen. Gibt es zum Beispiel innovative Verkehrskonzepte und Ideen, die das individuelle Bedürfnis nach schneller Verfügbarkeit von Waren und Informationen befriedigen, ohne das globale ökologische Gleichgewicht zu gefährden? Kann die Biologie das Pflanzenwachstum beschleunigen und zur Bewältigung des Hungerproblems beitragen, ohne damit zwangsläufig eine Überdüngung des Bodens herbeizuführen? Was weiß die Psychologie über die veränderten Wahrnehmungsmuster durch die ständige Reizüberflutung? Was verleiht dem Konzept der Beschleunigung die Dynamik? Wie viel Tempo können wir ertragen, welche kulturellen Erfahrungen im Umgang mit der Zeit stehen zur Verfügung?
Das sind einige der Fragen, mit denen der Wettbewerb zur Auseinandersetzung auffordert. Den Teilnehmern winken Preise im Gesamtwert von 250.000 Euro. Interessierte können die Unterlagen bei der Körber-Stiftung anfordern und einen E-Mail-Newsletter mit Artikeln, Tipps und Links zum Thema abonnieren. Die Arbeiten sind bis zum 31. Oktober 2002 einzureichen. Jetzt aber Dalli! (Richard Sietmann) / (jk)