Angriff der Riesen-Banner

Immer mehr Webangebote suchen die Aufmerksamkeit der Nutzer mit großflächigen Anzeigen zu ködern -- oder bitten zur Kasse. Selbst das legendäre News- und Diskussions-Portal Slashdot macht mit.

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Seit Freitag hat die bunte Community des alternativen Nachrichten- und Diskussions-Portals Slashdot wieder ein Thema abseits vom "bösen Imperium" Microsoft, über das sie sich richtig schön aufregen kann. Futter gab den Open-Source-Anhängern eine "Mitteilung in eigener Sache" des Mitgründers Rob Malda, besser bekannt unter dem Pseudonym CmdrTaco. Demnach sollen die augenfälligen dicken Anzeigen, die sich bereits bei zahlreichen anderen, vor allem US-amerikanischen News-Angeboten im Web mitten in die Texte quetschen, vom heutigen Montag an auch die "News for Nerds" verzieren. "Wir haben keine andere Wahl", erklärte Malda den aufhorchenden Lesern. Die Werber verlangten nach Großformaten. Einen Ausweg gibt es: Wer Slashdot für eine Handvoll beziehungsweise fünf US-Dollar "abonniert", hat 1000 Seiten-Abrufe werbefrei -- wobei sich auch nach einzelnen Kategorien unterscheiden lässt, auf welchen Seiten keine Werbe-Banner zu sehen sein sollen..

Der Sturm der EntrĂĽstung war vorprogrammiert: Slashdot habe sich und seine Ideale verkauft, brachte ein anonymer Gast der (noch) offenen Gesellschaft die Meinung vieler Nutzer im Forum auf den Punkt. Die EinfĂĽhrung des Abonnements sei nur ein erster Schritt, dem eine Registrierungspflicht und die Umwandlung in ein kostenpflichtiges Angebot folgen werde. Ein anderer Slashdot-Fan zeigte sich ebenfalls wenig glĂĽcklich und warnte vor einer tiefen Spaltung der Gemeinde in "Habende und Nicht-Habende" beziehungsweise "Wollende und Nicht-Wollende". Und dass gerade die User am schnellsten ihr Klick-Guthaben aufgebraucht haben, die am meisten Kommentare posten und so die Community mit lebendig halten, erschien einem anderen User besonders gemein.

Die Macher von Slashdot sind mit ihrem neuen Geschäftsplan allerdings keineswegs allein. Nur noch wenige redaktionelle Web-Angebote leisten sich angesichts wachsender Konkurrenz bei den Werbeträgern und knapper Kassen bei den Werbungtreibenden den Luxus, auf großflächige Werbebanner zu verzichten. Eingeführt hat die schwer übersehbaren Marketingquadrate der kalifornische Webverleger CNet mit seinem Dienst News.com bereits vor über einem Jahr. Seitdem schmücken die von seinem "Erfinder" trocken als "Botschaftseinheiten" bezeichneten Reklamebilder die Seiten von immer mehr Angeboten wie Yahoo, NYTimes.com oder der Berliner Netzeitung. Mehrere Content-Provider wie das Webmagazin Salon oder die Encyclopaedia Britannica sind zudem gleichzeitig auf die Idee gekommen, Seiten ohne Riesenbanner nur noch gegen Abo-Gebühren zwischen 30 und 50 US-Dollar im Jahr anzuzeigen.

Andere Medien-Angebote und Web-Portale versuchen die zähe Entwicklung im Online-Werbemarkt, der Marktforschungsinstituten zufolge bislang erst knapp über ein Prozent zum Gesamtwerbemarkt beiträgt und diesen Anteil bis 2005 auf rund drei Prozent ausbauen soll, mit immer neuen "Sonderformaten" in Schwung zu bringen. "Pop-ups" beziehungsweise "Pop-unders" gehören mit zu den nervigsten Entgleisungen der Marketing-Verantwortlichen. Sie erzielen im Kampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer zwar die größte Wirkung, sind aber selbst unter Werbern umstritten. "Nicht zu häufig einblenden", rät Thorsten Ahlers, Geschäftsführer der Verkaufsabteilung von Tomorrow Focus. Die "aggressive Aufmachung" könnte negative Image-Effekte erzielen.

Trotzdem experimentieren die Online-Werber weiter. Neuester Schrei sind Website-füllende "Leinwände", die den eigentlichen Content eines Angebots mit ihren Verkaufsbotschaften überziehen. Der Münchner Mobilfunkanbieter Quam etwa "feierte" seinen Markteintritt Ende November mit derartigen "Vorhängen". Momentan zeigt Lufthansa auf Portalen wie dooyoo.de zur Bekanntmachung ihrer Winter-Specials "traumhafte" Bilder aus Urlaubsgebieten in derartigen mehrsekündigen Spots. Flash und DHTML sorgen dabei fürs echte "Rich-Media"-Feeling. Fast schon wieder zum alten Eisen gehören dagegen die "Skyscraper", die sich wie Wolkenkratzer schier endlos am Website-Rand entlang ziehen.

Strittig ist angesichts der neuen Werbe-Aufdringlichkeit sowohl unter den Inhalte-Anbietern wie auch den Nutzern, ob die dominanten Sonderwerbeformen zur vollen Kasse führen -- oder ob nicht doch gleich Gebühren angesagt sind. So gehen Content-Provider wie Spiegel Online oder die Süddeutsche Zeitung verstärkt dazu über, Teile ihrer Inhalte von vornherein nur noch gegen Bezahlung einiger Cents zur Verfügung zu stellen. "Das ist nicht gerade das, um was es beim Web eigentlich gehen sollte", merkt da nicht nur ein Slashdot-Nutzer mit leichter Melancholie an. Und noch haben sie die meisten Netzbewohner auf ihrer Seite. Zumindest bei dem 1997 gestarteten Slashdot, bei dem die User nach wie vor selbst die Inhalte produzieren und dafür Nachrichten aus dem gesamten Internet zusammentragen, stößt die Umstellung auf wenig Gegenliebe. Nach dem Wochenende zeigt die laufende Abstimmung ein klares Bild: Von über 23.000 Wählern gibt die Mehrheit der Abo-Lösung keine Chance. 23 Prozent der Leser wollen sich zwar alles offen halten, falls ihnen die Banner auf die Nerven gehen. 49 Prozent erteilen der Obolus-Entrichtung allerdings einer klare Absage. Frisch gebackene Slashdot-Abonnenten sind bisher nur zwei Prozent der Abstimmenden geworden. (Stefan Krempl) / (jk)