"Vorstoß ins Unbekannte": Neue Technik für Hirnforschung

An der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg wird im kommenden Jahr ein zehn Millionen Euro teurer Kernspintomograph errichtet, der mit einer europaweit einmaligen Genauigkeit Aktivitäten im menschlichen Gehirn sichtbar macht.

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  • Stefan Kruse
  • dpa

Was passiert im Gehirn, wenn Menschen sehen, sprechen, fühlen, sich freuen oder ärgern? Deutsche Wissenschaftler wollen dieser Frage jetzt mit Hilfe neuartiger technischer Systeme nachgehen und versprechen sich davon Erkenntnisse, die die weltweite Hirnforschung revolutionieren sollen. Dazu wird an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg im kommenden Jahr ein zehn Millionen Euro teurer Kernspintomograph errichtet, der mit einer europaweit einmaligen Genauigkeit Aktivitäten im menschlichen Gehirn -- Intelligenz gewissermaßen -- sichtbar und messbar macht. Die Forscher erhoffen sich durch das komplexe System neue Ansätze bei der Therapie von Hirnverletzungen, bei Alzheimer, Epilepsie oder Schizophrenie.

"Das menschliche Gehirn ist noch weitgehend eine weiße Landkarte", erläuterte der Direktor des ebenfalls beteiligten Magdeburger Leibniz-Instituts für Neurobiologie, Professor Henning Scheich, am Dienstag bei der Vorstellung des Projekts. "Wir wissen sehr wenig darüber." Durch neue so genannte bildgebende Verfahren wie die Kernspintomographie und die Magnetenzephalographie werde es möglich, die Nervenzellen im Hirn bei der Arbeit zu beobachten, und zwar von außen ohne Eingriffe. "Denkprozesse werden durch die Bildung bestimmter Aminosäuren oder andere Stoffwechselvorgänge für uns sichtbar", erläuterte Scheich.

"Je höher die Auflösung der bildgebenden Geräte ist, desto mehr Hirnprozesse können die Forscher beobachten", ergänzte Scheich. Das Kernspingerät, das in Magdeburg entstehen werde, habe eine so genannte Feldstärke von sieben Tesla. Hirnteile mit einer Größe von weniger als einem halben Millimeter könnten so genauestens untersucht werden. "Das eröffnet uns ein Tor zu ganz neuen Dimensionen, kein Mensch kann heute sagen, was bei diesem Vorstoß in das Unbekannte herauskommt."

Lediglich an zwei Standorten in den USA sind nach Angaben von Universitätsrektor Klaus Erich Pollmann und Projektleiter Professor Hans-Jochen Heinze ähnlich starke Systeme im Aufbau. Magdeburg sei der erste Standort in Europa, an dem die neue Technik arbeiten werde.

Sachsen-Anhalts Kultusminister Gerd Harms sprach von einer "neuen Qualität" der Hirnforschung. Sie sei möglich, weil in Magdeburg ein "Center für Advanced Imaging" aufgebaut wird, eines von fünf in Deutschland. Dies habe das Bundesforschungsministerium nach einer Begutachtung durch internationale Experten entschieden.

Dadurch fließen neben dem Geld für den Kernspintomographen zum Beispiel rund drei Millionen Euro für Personalkosten sowie rund eine Million Euro für ein Rechnersystem zur Bildverarbeitung in den Forschungsstandort. Die Mittel stammen aus Fördertöpfen der EU, Deutschlands und des Landes Sachsen-Anhalt. Die anderen Zentren zur Bildgebung in den Neurowissenschaften entstehen in Berlin, Frankfurt/Main, Hamburg und Jülich. (Stefan Kruse, dpa) / (wst)