Angriff der .info-Gauner -- Episode 2

Anfang Juli endete die zweite Losvergabe fĂĽr die Domain .info, in der einige tausend unberechtigt registrierte Domains neu vergeben wurden.

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Von
  • Monika Ermert

Anfang Juli endete die zweite Losvergabe für die Domain .info, in der einige tausend unberechtigt registrierte Domains neu vergeben wurden. Nach und nach gehen sie nun an die neuen Besitzer über -- zum Ärger mancher Nutzer nicht selten einfach an den nächsten Domain-Grabber. Glückliche Gewinner sind wie schon in der ersten Runde Registry-Betreiber Afilias und die Registrare, die für manche Domain gleich doppelt abrechnen konnten, schimpft Werner Girrer, der im vergangenen Jahr gegen einen der größten Domain-Piraten, die österreichische Tourismusbehörde Tiscover, zu Felde gezogen war.

Girrer, der Tourismusseiten für das österreichische Mariazell betreibt, ist vor allem darüber empört, dass sich seine Investition in das von Afilias nach der von vielen Grabbern genutzten Sunrise-Phase ausgerufene Challenge-Verfahren überhaupt nicht ausgezahlt hat. In der Sunrise-Phase sollten Markeninhaber vor dem allgemeinen Registrier-Start zum Zuge kommen. Unternehmen wie Tiscover hatten mit falschen und von einzelnen Registraren nicht überprüften Markenrechtseinträgen Tausende von Domains registriert. Girrer entschied sich für ein Challenge-Verfahren für die von ihm favorisierten Domains mariazellerland.info und mariazell.info. Für je 295 US-Dollar Gebühren beanspruchte er als einziger Internet-Dienstleister im kleinen Örtchen die Domains gegenüber der World Intellectual Property Organization (WIPO).

Die WIPO, inzwischen viel beschäftigte Schlichterstelle für generische und Länder-Domains mit kürzlich eigens aufgesetzter Suchmaschine für ihre Entscheidungen nach ICANNs UDRP (Uniform Domain-Name Dispute-Resolution Policy), entzog Tiscover die Domains auch, ganz wie erwartet. Noch nicht einmal eine Begründung war nötig, denn Tiscover gab kampflos auf -- die fälligen WIPO-Gebühren waren dem halbstaatlichen Unternehmen wohl zu teuer. "Statt die Domain aber auf uns zu transferieren, wurde sie nur gelöscht und jetzt bei der zweiten Auslosung wieder an den Domain-Dienstleister e-trade vergeben, gegen den wir schon mariazell.at erkämpfen mussten", klagt Girrer. Hätte er schon vorher gewusst, dass Afilias selbst eine Überprüfung der Sunrise-Domains bei der WIPO beantragt hatte, hätte er sich das sparen können. Auch auf die Erstattung des Großteils der WIPO-Gebühren durch den Verursacher Tiscover setzt er keine Hoffnung mehr; und zumindest mariazellerland.info ist erst einmal weg.

Mariazell ist kein Einzelfall, auch dann, wenn Gemeinden oder Städte sich selbst um die Domains bemühten, hatten viele Pech. Weil auf geographische Namen kein markenrechtlicher Anspruch besteht, wurden diese Domains neu verlost. 5.000 Euro sei eine info-Domain schon wert, beschied eine slowakische Firma einen Vertreter der Gemeinde Ausseerland, nachdem er bei der zweiten Auslosung zum Zuge gekommen war. "Diese slowakische Firma hat auch wieder 400 bis 500 Domains gehortet", sagt Girrer.

Afilias-Aufsichtsratsmitglied Philip Grabensee räumt "Misslichkeiten" ein: "Aber ich frage immer zurück: wie könnte man es besser organisieren?" Die Registry könne bei einem Preis von 6 US-Dollar pro Domain keine Einzelfallprüfungen machen -- und selbst wenn, dann wäre eine für alle "gerechte" Lösung unmöglich. "Welches Amsterdam sollte die entsprechende info-Domain bekommen, das in den USA oder das in den Niederlanden? Warum sollte Bundesregierung.info oder Bundeskanzler.info zwangsläufig an das Bundespresseamt gehen?" Vom zweimaligen Verdienst könne auch nicht wirklich die Rede sein: 40.000 Akten hätte sich die Registry mit dem Challenge-Verfahren eingehandelt, "das sind mehrere Räume voller Papier." Allein 6.000 bis 8.000 Unterlagen wurden in Grabensees Kanzlei geprüft, die Zweitregistrierungen seien daher allenfalls kostendeckend. Die Strategie, überhaupt alle Netzadressen für den "eigenen" Namen zu bekommen, macht nach Ansicht von Grabensee ohnehin wenig Sinn. Reichen einer Stadt wie München de-, com- und net-Adresse nicht? Braucht sie unbedingt auch noch die entsprechende info- und biz-Domain? Für beide hat man in Schlichterverfahren bei der WIPO investiert und hat, nach aktuellem Stand, verloren.

Am besten könnte man vielleicht doch mit einem einfachen First-Come-First-Serve-Verfahren leben, meint Werner Girrer, und mit dem Grundsatz der Benutzerfreundlichkeit. So kann er zwar verstehen, dass ein wütender Nutzer der Tiscover nun ihre Domain abgejagt hat -- denn das Unternehmen hatte keinen Trademark. "Aus Benutzersicht macht es natürlich keinen Sinn." (Monika Ermert) / (jk)