Hintergrund: Der Streit zwischen MobilCom und France Telecom

Die Gespräche zwischen Gerhard Schmid, France Telecom und MobilCom gingen weiter, auch wenn die deutsche Telecom-Firma dem französischen Großaktionär mit rechtlichen Schritten droht.

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  • JĂĽrgen Kuri

Die Telekommunikations-Firma MobilCom will möglicherweise gerichtlich gegen ihren Großaktionär France Telecom vorgehen. "Wir prüfen diese Möglichkeit, aber ein Ergebnis wird erst in der nächsten Woche vorliegen", sagte Unternehmenssprecher Matthias Quaritsch am Mittwoch am Sitz des Unternehmens in Büdelsdorf. France Telecom hatte das Abkommen mit MobilCom über den Aufbau eines UMTS-Netzes in Deutschland am Tag zuvor einseitig gekündigt. Aus Sicht von MobilCom waren die Franzosen dazu nicht berechtigt. So seien in den Rahmenabkommen (Cooperation Framework Agreement/CFA) verschiedene Stufen vorgesehen, ehe eine Kündigung ausgesprochen werden könne, zum Beispiel eine schriftliche Abmahnung. Daran hätten sich die Franzosen nicht gehalten.

Gleichzeitig würden die Gespräche zwischen allen Beteiligten an der Krise fortgesetzt, erklärte der Firmensprecher gegenüber dpa -- also im Wesentlichen zwischen MobilCom-Chef Gerhard Schmid, Vertretern der France Telecom und den Banken. Eine geplante Sitzung des Aufsichtsrats werde vermutlich vorgezogen. France Telecom hatte die Kündigung unter anderem damit begründet, dass der Aufsichtsrat sich geweigert habe, Schmid zu entlassen.

Nach Ansicht der Kleinaktionäre beschädigt der französische Staatskonzern durch sein Verhalten in der MobilCom-Krise die Aktienkultur in Deutschland. "France Telecom drückt den Aktienkurs nach unten, um den Vorstandsvorsitzenden Gerhard Schmid und letztlich auch die Kleinaktionäre günstiger aus dem Unternehmen herauszukaufen", sagte Dirk Unrau von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Der Aktienkurs von MobilCom war am gestrigen Dienstag bis zur Aussetzung des Handels mit MobilCom-Papieren um 46,40 Prozent auf 7,29 Euro abgesackt; am heutigen Mittwoch ging der Kurs nach anfänglicher leichter Erholung bis zum frühen Nachmittag weiter um gut 19 Prozent auf 5,90 Euro zurück.

"Wenn dieses Stück in Frankreich laufen würde, wäre es dort ein Skandal", meinte der Aktionärsschützer. France Telecom werde seiner Verantwortung nicht gerecht. Unrau, der auf den MobilCom-Hauptversammlungen die Kleinaktionäre vertritt, glaubt aber nicht an eine bevorstehende Insolvenz des Unternehmens. "Das ist ein weiteres Druckmittel, um Schmid aus dem Unternehmen herauszudrängen und billig an die Aktien zu kommen." Im Falle einer Insolvenz würden der Insolvenzverwalter und die Banken Ansprüche gegen France Telecom anmelden.

Börsenstar und Telecom-Pionier

MobilCom gehört zu den Pionieren auf dem liberalisierten deutschen Telefonmarkt und war der erste Börsenstar des Neuen Marktes. Der ehemalige Sixt-Vorstand Gerhard Schmid gründete das Unternehmen 1991 in Schleswig und vermarktete zunächst mit einer einzigen Mitarbeiterin Handys auf Provisionsbasis in Schleswig-Holstein. Schon zwei Jahre später erreichte MobilCom 100 Millionen Mark Umsatz und arbeitete seit 1995 mit Gewinn. Mit 300 Mitarbeitern brachte Schmid sein Unternehmen 1997 an die Börse. MobilCom war das erste Unternehmen, das zum Neuen Markt zugelassen wurde und der Vorbote eines beispiellosen Aktienbooms. Auf dem Höhepunkt 1999 war MobilCom 65 Milliarden Euro wert und Gründer Schmid auf dem Papier steinreich. Schon zuvor hatte er die Konzernzentrale von Schleswig nach Büdelsdorf bei Rendsburg verlegt.

Mit dem Jahresbeginn 1998 und der Liberalisierung des deutschen Telekommunikations-Marktes profilierte sich Schmid als Konkurrent der Deutschen Telekom und bot Ferngespräche zu dem damals sehr günstigen Preis von 19 Pfennig je Minute an. Die Telekom reagierte gereizt und attackierte das Unternehmen als "Mogelcom", was die Popularität Schmids weiter steigerte. Mit einem Tochterunternehmen (freenet.de) stieg Schmid zusätzlich ins Internet-Geschäft ein.

Gemeinsam mit France Telecom ersteigerte MobilCom im Jahr 2000 eine Lizenz für UMTS -- rund acht Milliarden Euro kostete das die Firma, die damit zum eigenständigen Netzbetreiber aufsteigen wollte. Die hohen Investitionen und das Ende des Wachstumsbooms in der Mobilfunk-Branche führten jedoch zum Streit zwischen den Partnern, der 2002 eskalierte: Aus der Partnerschaft zwischen dem dynamischen Provinzunternehmer und dem französischen Staatskonzern ist Feindschaft geworden.

MobilCom in BĂĽdelsdorf: "So dramatisch wie noch nie"

Und das ist mindestens für einen schlecht: Büdelsdorf. Schon mehrfach in der jüngsten Vergangenheit hat in Büdelsdorf am Stammsitz von MobilCom große Sorge um die Zukunft geherrscht. Am Mittwoch jedoch hatte es dem Bürgermeister der 11.000-Einwohner-Stadt im schleswig-holsteinischen Kreis Rendsburg- Eckernförde, Jürgen Hein, fast die Sprache verschlagen. "Jetzt haben wir eine Situation, die so dramatisch noch nie vorher gewesen ist", sagte er der dpa. Von den rund 2000 MobilCom-Mitarbeitern in Büdelsdorf stammen allein 500 bis 600 aus der Region rund um die Stadt. "Es ist also nicht nur ein Problem einer Stadt, sondern einer ganzen Region", verdeutlichte Hein den Umfang. "Wir haben große Angst vor einer Insolvenz", sagte Hein, denn der "mittelbare Effekt" auf die vielen Geschäfte, die von und mit MobilCom leben, sei nicht zu abzusehen. "Bisher hatten wir immer die Hoffnung, dass es noch zu einer Einigung zwischen MobilCom und dem France-Telecom-Konzern kommt", meinte Hein, "aber jetzt glaube ich, dass durch Druck von außen wie auch immer einen Entscheidung auf jeden Fall herbeigeführt werden soll".

Büdelsdorf, erst seit zwei Jahren Stadt, hatte ungemein von dem Boom des Unternehmens profitiert, das unter der Leitung von Firmengründer Gerhard Schmid seinen Sitz aus Schleswig in die Stadt am Nord-Ostsee-Kanal verlegt hatte. Viele neue Wohnungen wurden gebaut, die Parkplätze platzen aus den Nähten. Bei dem Milliarden-Poker um die UMTS-Lizenzen musste Büdelsdorf allerdings bereits auch die Schattenseiten eines bis dahin florierenden Unternehmens erfahren: Statt Gewerbesteuereinnahmen von beispielsweise 7,77 Millionen Euro im Jahr 2000 zu verbuchen, gab es im vergangenen Jahr ein Minus von 112.500 Euro. In weiser Voraussicht hatten die Stadtväter jedoch schon vorgesorgt: "Das MobilCom-Geld läuft bei uns außerhalb des normalen Haushaltes", erläuterte Hein. "Wir haben lediglich einiges für die Infrastruktur und die wichtigsten Vorhaben ausgegeben und Teile des Geldes auf die hohe Kante gelegt."

Sechs Anbieter auf dem deutschem UMTS-Markt

In Deutschland bauen derzeit sechs Unternehmen mit Milliarden-Investitionen ein UMTS-Netz auf. Neben den Mobilfunkkonzernen T-Mobile, Vodafone D2, E-Plus und O2 (frĂĽher: VIAG Interkom) hatten auch MobilCom und Quam (Telefonica/Sonera) als Neulinge bei der Auktion im August 2000 fĂĽr viel Geld eine Lizenz erworben. FĂĽr die Konzession musste jeder gut acht Milliarden Euro zahlen. Experten gehen inzwischen davon aus, dass nicht alle sechs Anbieter langfristig Ăśberlebenschancen haben.

Drei bis maximal vier Unternehmen, so die Szenarien, könnten sich am Ende im UMTS-Geschäft durchsetzen. Die Marktführer T-Mobile und Vodafone D2 haben dabei die besten Aussichten. Im kommenden Jahr wollen die Anbieter den kommerziellen Betrieb aufnehmen. Ursprüngliche Pläne für einen früheren Starttermin wurden verschoben. Nennenswerte Geschäfte erwarten die UMTS-Betreiber erst 2004. Die Entwicklung ist auch abhängig von der Zahl der zur Verfügung stehenden Endgeräte.

MobilCom ist neben Vodafone D2 das einzige Unternehmen ohne einen Kooperationspartner beim UMTS-Netzaufbau. Im vergangenen Jahr hatte die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post eine Zusammenarbeit zwischen den Anbietern teilweise gestattet. Kurz danach kündigten T-Mobile und O2 sowie E-Plus und Quam eine solche Kooperation an. Sie rechnen mit Einsparungen beim Netzaufbau in Milliardenhöhe. Nicht statthaft ist in Deutschland der Handel mit UMTS-Lizenzen. Die Vergabebedingungen erschweren auch Fusionen der Anbieter untereinander. Schließen sich zwei zusammen, muss eine Lizenz zurückgegeben werden. Damit wären acht Milliarden Euro auf einen Schlag verloren. Inzwischen werden Forderungen aus der Branche nach einer Lockerung dieser Vorschriften lauter. (jk)