Freemail-Kunden mĂĽssen mit Erotik-Werbung leben

Gegen die Sex-Banner, die kostenlose E-Mail-Dienste wie GMX ihren Kunden zumuten, ist kein Kraut gewachsen.

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Von
  • Sven Appel
  • dpa

Wer sparen will, muss sich einiges gefallen lassen: Kunden des Freemail-Anbieters GMX zum Beispiel erblicken abends beim Einloggen nicht nur die ersehnte Post, sondern auch Werbebanner mit "erotischen" Motiven. Die Bilder und animierten Grafiken sind eindeutig, auch wenn unter der GĂĽrtellinie nichts zu sehen ist. So mancher GMX-Anwender jedenfalls ist irritiert. Die Betreiber des Dienstes muss das nicht sonderlich scheren, denn eine rechtliche Handhabe gegen die schlĂĽpfrige Reklame gibt es kaum.

"Mit den Allgemeinen Geschäftsbedingungen akzeptieren die Kunden der Freemail-Anbieter die Werbebanner", sagt Volker Nickel, Pressesprecher des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) in Bonn. Dabei ist es egal, ob es sich um Reklame für Limonade oder für pornografische Angebote im Netz handelt.

Rechtsanwalt Stefan Kramer aus Hamburg versteht die Aufregung um erotische Werbung im Internet nicht. Die Bereitschaft, Gewaltdarstellungen in den Medien hinzunehmen, werde immer größer. "Aber sobald ein Nackter zu sehen ist, ist das Aufheben groß." Kramer zufolge sind die Chancen der Anwender, einen Anspruch auf einen Freemail-Account ohne erotische Werbung durchzusetzen, gleich null: "Wenn ich damit zu einem Richter gehe, lächelt der nur müde."

Es bleibt aber die Frage, ob sich Verbraucher, auch wenn sie für die Dienstleistung nichts bezahlen, alles gefallen lassen müssen. Die Antwort lautet Nein, denn es gibt Grenzen. Diese würden zum Beispiel überschritten, wenn die Werbung den Schwerpunkt auf die sexuelle Handlung legt und Geschlechtsteile zu sehen sind, sagt Martin Döring, Jurist bei jugendschutz.net in Mainz. Doch davor schrecken die Werbetreibenden in der Regel noch zurück.

"Je reißerischer die Werbung und je expliziter die Darstellung, desto wahrscheinlicher ist ein Verbot der Reklame", sagt auch Kramer. Doch wann die erlaubte erotische in verbotene pornografische Werbung übergehe, sei in der Praxis schwer zu sagen. "Die Entscheidung muss in jedem Einzelfall getroffen werden", sagt Volker Nickel vom ZAW. Einen Kriterienkatalog gebe es nicht: "Da die Variationsmöglichkeiten unendlich sind, müsste man wohl mehrere Hundert Seiten beschreiben."

Obwohl auf den GMX-Bannern keine Genitalien zu sehen sind, habe das Unternehmen Beschwerden von Kunden erhalten, als es die Werbung im Mai dieses Jahres einführte, so Stefan Vollmer, Pressesprecher von GMX in München. Mittlerweile sei es um die erotische Bannerwerbung jedoch ruhig geworden. "Die Anwender haben sich daran gewöhnt", behauptet Vollmer. Außerdem sei diese Art von Werbung mit wenigen Mausklicken dauerhaft auszuschalten. Zudem habe man zu Beginn deutlich auf die Einführung der erotischen Werbung hingewiesen. Das haben aber zumindest einige Anwender nicht bemerkt.

Das spielt aber wohl auch keine Rolle -- schließlich wurde die Werbung ja mit den AGBs grundsätzlich akzeptiert. Für die Anbieter, die entsprechende Banner auf ihren Seiten erlauben, stellt sich Anwalt Kramer zufolge sowieso nicht die rechtliche, sondern die wirtschaftliche Frage: "Erotik und Glücksspiel bringen das meiste Geld im Internet." Auch Stefan Vollmer von GMX räumt ein, dass Entscheidung für die Sex-Banner eine Frage des Geldes gewesen sei.

Angst davor, Kunden zu vergraulen, haben die Anbieter Anwalt Kramer zufolge nicht. "Wenn die davon ausgehen, dass Männer den größten Teil der Kundschaft ausmachen, setzen die eben auf entsprechende Werbung." Der eine oder andere Abgang unter den nicht zahlenden Anwendern wird also in Kauf genommen.

Selbst in Hinblick auf den Jugendschutz ist der mehr oder minder anzüglichen Werbung kaum beizukommen: Solange die entsprechenden Darstellungen nur einer geschlossenen Benutzergruppe und vor allem nur Erwachsenen zugänglich gemacht würden, sei kaum etwas zu machen, so Martin Döring vom jugendschutz.net. Diese Kriterien scheinen bei GMX erfüllt zu sein. Zum Beispiel wird die entsprechende Reklame nach Angaben des Unternehmens erst ab 22 Uhr geschaltet. "Außerdem ist die Werbung nur für Mitglieder ab 18 Jahren zu sehen", erklärt Vollmer. Allerdings ist es ohne weiteres möglich, bei der Angabe des Alters beim Einrichten des Mail-Kontos zu schummeln.

Auch die Betreiber der Internet-Suchmaschine Yahoo!, zu der ein Freemail-Angebot gehört, wähnen sich auf der rechtlich sicheren Seite: "Bei Vertragsschluss zwischen Yahoo! und dem Werbepartner unterzeichnet dieser eine Verpflichtungserklärung entsprechend der geltenden gesetzlichen Vorschriften", heißt es bei Yahoo! in München. So verdient auch das Unternehmen Geld mit Erotikwerbung, betont aber gleichzeitig, dass es sich für die Inhalte auf den Websites der Werbetreibenden nicht verantwortlich fühlt.

Angst vor versteckten Dialer-Programmen auf den beworbenen Sex-Websites, die ohne Wissen des Anwenders eine teure 0190-Verbindung herstellen, muss man laut GMX nicht haben. Unseriösen Anbietern würde die Erlaubnis, bei GMX zu werben, entzogen.

Wer auf den Seiten seines E-Mail-Kontos und auch sonst im Internet auf Werbung verzichten möchte, kann auch zu Hilfsprogrammen greifen. Mit Software wie Junkbuster oder Webwasher lassen sich Banner größtenteils herausfiltern, so Michael Dickopf, Pressesprecher des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in Bonn. Ansonsten helfe der Wechsel des Anbieters, sagt Dickopf. Es gibt durchaus Wettbewerber, die auf "Erotisches" zumindest auf den Freemail-Seiten verzichtet: "Wir haben Erotik ausschließlich in dem dafür vorgesehenen Kanal", sagt Eva Vennemann, Pressesprecherin des Internetportals und Freemailanbieters web.de in Karlsruhe. (Sven Appel, dpa) / (ad)