Wie Japan wieder ein Stück vom Chip- und Akkukuchen bekommen will

Taiwans TSMC hat Japan als ersten wichtigen Auslandsstandort ausgewählt. Außerdem sollen künftig Tesla-Batterien aus Ostasiens ältester Volkswirtschaft kommen.

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(Bild: jamesteohart/Shutterstock.com)

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Von
  • Martin Kölling
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Mit der Corona-Pandemie sind nicht nur die Lieferketten gerissen, sondern auch das Vertrauen in die Globalisierung. Immer mehr Regierungen versuchen daher, die Produktion strategischer Produkte wie Akkus oder Chips wieder in die eigenen Grenzen zu ziehen. Die USA und Europa locken dabei Konzerne aus der Welt mit besonders hohen Subventionen. Doch auch die Akku- und Chipmacht Japan feiert erste Erfolge – mit einem vergleichsweise geringen Einsatz von 600 Milliarden Yen (4,5 Milliarden Euro), einem Zehntel des US-Budgets.

Während der amerikanische Chipkonzern Intel in Europa investieren will, hat das ostasiatische Inselreich den derzeit fortschrittlichsten Halbleiterhersteller der Welt an Land gezogen: den taiwanischen Konzern TSMC. Im südjapanischen Kumamoto wollen die Taiwaner für mehr als sechs Milliarden Euro ein Werk für Chips mit relativ großen 20-Nanometer-Strukturen errichten, das die Elektronik- und Autoindustrie beliefert. Es wäre TSMCs erstes wichtiges Werk außerhalb des Großraums China/Taiwan.

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Vorigen Monat sickerte dann durch, dass ein wichtiger Elektronikkonzern sein nächstes Batteriewerk für den amerikanischen Elektroautohersteller Tesla nicht wieder im US-Staat Nevada in den Wüstensand setzen will, sondern in die japanische Präfektur Wakayama: Panasonic. Im dortigen Kinokawa-Werk fertigte das Unternehmen bis vor zehn Jahren bereits Lithium-Ionen-Batterien für Laptops und Handys.

Ein Magnet für die neuen Werke sind Japans Zuschüsse zum Fabrikbau in Schlüsselindustrien. Denn mit dem Ausbruch der Pandemie hat die Regierung rasch ihre ordnungspolitischen Bedenken überwunden und umgehend umfassende Subventionen zur Stärkung der Lieferketten beschlossen.

Zuerst wurde ein Programm aufgelegt, das Unternehmen bei der Umsiedlung von Werken aus China in andere asiatische Länder oder nach Japan finanziell unterstützt. Damit will die Regierung die Abhängigkeit von China verringern. Teil des Deals war der Beschluss, erstmals den Bau von Fabriken für strategische Schlüsselprodukte direkt zu bezuschussen.

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Japans scheinbare Sparsamkeit hat mehrere Gründe. Erstens konzentriert sich das Land zuerst auf Werke für Halbleiter mit relativ großen Strukturen, weil es für die mit seiner Elektronik- und Autoindustrie im Land einen ausreichend großen Absatz hat. Werke für kleinere Chips mit Strukturen von fünf Nanometern, wie TSMC sie in den USA bauen will, versucht Japan erst gar nicht ins Land zu holen, da es die eigene Nachfrage nicht für stark genug hält, um ein Werk auszulasten. Zweitens ist die Summe wohl erst der Anfang: Die Regierung hat bereits ein Gesetz zur Förderung wirtschaftlicher Sicherheit ins Parlament eingebracht, bei dem die Festigung von Lieferketten eine wichtige Rolle spielen wird.

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Drittens wird die Ansiedlung in Japan auch durch andere Faktoren verlockend. In TSMCs Fall sind es neben den Subventionen auch die Investitionen von industriellen Partnern wie dem Elektronikkonzern Sony oder dem Automobilzulieferer Denso, die zu den Hauptkunden des Werks gehören werden.

Zusätzlich wollen die Taiwaner das noch beträchtliche Know-how des benachbarten Chippioniers beim dreidimensionalen Chipdesign und in der Materialwissenschaft nutzen. So wird der größte Auftragsfertiger für Computerchips in Japan auch ein Entwicklungszentrum gründen.

Expertise spielt auch für Panasonics Entscheidung eine große Rolle. Die mehrere Milliarden US-Dollar teure „Gigafactory“ für Tesla bezahlte der Konzern mit teuren Entsendungskosten. Denn um die notwendige Qualität und Quantität liefern zu können, musste Panasonic 350 Ingenieure in die USA fliegen.

Um Geld, Nerven und vor allem Zeit beim Hochfahren der nächsten Generation von Tesla-Batterien zu sparen, investiert Panasonic daher erst einmal lieber zuhause in der Nähe seines Hauptquartiers in Osaka.

Ob allerdings die bisherigen Subventionen ausreichen, ist auch in Japan umstritten. Der frühere Chef des vor zehn Jahren kollabierten und dann an Micron Technology verkauften Speicherchipherstellers Elpida, Yukio Sakamoto, hält wie in anderen Regionen Subventionen von mehreren zig Milliarden Euro für nötig.

Doch bisher trauen sich Bürokratie und Politik nicht, dem Volk noch größere Hilfen aufzutischen. Sakamoto plädierte in einem Zeitunginterview hingegen für mehr Mut: „Wenn wir einen Weg zur Anziehung von Spitzentechnologie schaffen können, sollten wir in der Lage sein, das Verständnis der Öffentlichkeit zu gewinnen.“

(bsc)