Das Schönschrift-Windows auf dem Tablet PC

Microsoft bereitet mit seiner Windows XP Tablet PC Edition den Weg zum Stift-bedienbaren Notebook und Tablet PC.

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Von
  • Dr. JĂĽrgen Rink

Microsoft ergänzt Windows XP um die Tablet PC Edition und erweitert mobile Geräte um ein neues, altes Kommunikationsmittel: Den Stift. Damit ausgestatte Notebooks haben einen Touchscreen oder die Geräte sind reine Tablet PCs mit externer Tastatur. Die Windows XP Tablet PC Edition integriert die Funktionen von Stift und Papier. Der Stift steuert zum einen das Betriebssystem und zum anderen profitiert das Schreiben von Hand von der rechnertypischen Unterstützung wie Suchen, Verschieben und Ersetzen -- integrierte Handschrifterkennung machts möglich.

Microsoft setzt seine Betriebssystem-Vorherrschaft und seinen Einfluss auf Hardware-Hersteller ein, um den digitalen Stift zu etablieren. Ein Hersteller muss einige Vorgaben erfüllen, um eine Lizenz für die Tablet PC Edition zu bekommen, darunter den Einbau einer elektromagnetischen Stifterkennung unter dem Display. Gegenüber einem aufgesetzten Touchscreen hat dieses Verfahren den Vorteil, dass die Display-Qualität unverändert bleibt. Des weiteren muss ein Tablet PC vom Quer- zum Hochformat umschaltbar sein und in wenigen Sekunden aus dem Standby aufwachen. Dazu kommen Vorgaben wie "Legacy Free" (kein Parallel-Port, kein RS-232, kein PS/2, obowhl vermehrt Notebooks mit diesen "alten" Ports wieder auf den Markt kommen) und eine Shortcut-Taste für die Passwortanmeldung ohne Tastatur.

Die Richtlinien lassen den Hardware-Herstellern aber viel Raum fĂĽr interessante Produkt-Konzepte. Reine Tablet PCs mit externer Tastatur entwickeln Fujitsu, Compaq, Nec, Viewsonic und andere namhafte IT-Firmen. Das innovativste Design hat Acer vorgestellt: Das TravelMate 100 ist ein Subnotebook, dessen Display man so drehen und klappen kann, dass daraus ein Tablet PC wird. Damit kann der Nutzer den Stift schwingen, muss aber nicht.

Auf Betriebssystemseite steckt hinter der Windows XP Tablet PC Edition ein Windows XP Professional inklusive dem bevorstehenden Service Pack 1, dazu kommen die Stiftoptionen: Handschrifterkennung, Eingabefelder, Gestikerkennung ("durchstreichen" = "löschen") und die digitale Version der beliebten Post-it-Sticker. Dem Nutzer fällt aber vor allem die Anwendung Windows Journal und das damit einhergehende neue .jnt-Format auf. Auf verschiedenen Vorlageblättern schreibt, malt und skizziert man, was der Stift hergibt.

Unbemerkt vom Nutzer, der seine Notizen und Skizzen zu Display bringt, lässt Windows Journal in Echtzeit eine Handschrifterkennung mitlaufen, die ohne Lernmodus jedes geschriebene Wort interpretiert und im .jnt-File mit abspeichert. Da dies selbst dann passiert, wenn der Inhalt nicht für den Nutzer konvertiert wird, können die handschriftlichen Dokumente nach beliebigen Wörtern und Zeichen genauso durchsucht werden wie ein mit der Tastatur eingegebener Text. Zudem kann eine Journal-Datei ohne Einschränkung an jeden anderen Tablet-PC-Besitzer geschickt werden; dieser kann die Datei weiter bearbeiten. Damit auch Nicht-Tablet-PC-Besitzer das Geschriebene lesen können, fragt Journal vor dem Senden, ob die Datei im .jnt-Format oder als Schwarzweiß-TIFF oder mhtml-Datei geschickt werden soll.

Dieses Konzept steht und fällt mit der Qualität der Handschrifterkennung -- und diese ist beachtlich, ergab ein erster Test der Pre-Beta-Version von Windows XP Tablet PC Edition, den c't in Ausgabe 14/2002 veröffentlicht. Zudem ist es der Anwendung völlig egal, ob man auf dem digitalen Blatt waagrecht, schräg oder von oben nach unten notiert. Die Erkennung ist sprachenabhängig und soll in Europa zunächst für Englisch, Deutsch und Französisch auf den Markt kommen.

Microsoft gibt mit Journal ein Format vor, und erst wenn Software-Anbieter dies in ihren zukĂĽnftigen Versionen berĂĽcksichtigen, kann man das volle Potenzial des Stifts nutzen. Ein Tablet PC Platform SDK, APIs fĂĽr die digitale Tinte und die in .NET eingebunden Tablet PC Managed Library stehen dafĂĽr zur VerfĂĽgung. FĂĽr Office XP wird es ein kostenloses Tablet-PC-Edition-Addon geben.

Nicht umsonst geht Microsoft mit dem Acer TravelMate 100 als erstem Gerät mit der Windows XP Tablet PC Edition zu potenziellen Entwicklern und Kunden: Der Rechner ist zuallererst ein gewöhnliches Subnotebook und erst in zweiter Linie, sozusagen als Zugabe, ein Tablet PC und im Hochformat ein E-Book-Lesegerät. Andere Firmen folgen dagegen dem üblichen Tablet-PC-Design. Deren Anwenderkreis dürfte selbst im Business-Umfeld deutlich begrenzter sein.

Letzten Endes entscheidet der Nutzer, ob er Microsofts Eingabeschnittstelle "Stift" zusätzlich zur Tastatur und Maus für sinnvoll hält. Eine bessere Handschrifterkennung als bei Microsofts Tablet-PC-System gibt es derzeit nicht und sie ist pfiffig in das Betriebssystem integriert. Einige Vielschreiber und versierte PC-Nutzer sehen die Tablet-PC-Edition als Rückschritt ins Zeitalter des handgeschriebenen Papiers an, denn mit Tastatur und Maus sind sie schneller und exakter. Für diejenigen aber, die gerne und oft Papier und Stift nutzen, könnte die Tablet PC Edition die Plattform sein, die Handschriftliches in den Rechner integriert. Ende des Jahres sollen die ersten Geräte auf dem Markt sein; die offizielle Verfügbarkeit kündigte Microsoft heute für den 7. November an. Beta-Versionen sollen bei ausgewählten Kunden noch im Juli eingerichtet werden.

Einen ausfĂĽhrlichen Test der aktuellen Pre-Beta-Plattform des Tablet PC bringt c't in der Ausgabe 14/2002 (ab Montag, den 1. Juli, im Handel). (jr)