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Was war. Was wird.

Unser Kolumnist Hal Faber wirft in dieser Woche sein Schlaglicht auf das Schutzbild des alten Troja, PISA und die Microsoft-freie Zone sowie ein Duell ohne Sieger.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war

Dieser Schlag war hart, sehr hart: Das OLG Düsseldorf hat ein Urteil veröffentlicht, mit auf den ersten Blick weit reichenden Konsequenzen für die gesamte EDV-Branche und die Computer-Presse. Mit dem Urteil im Verfahren von Claus Vester gegen die Firma Symicron wurde festgestellt, dass Softwaretests oder viele andere typische Artikel die nötige Schöpfungshöhe vermissen lassen. Demnach wäre das, was in Computerbild, Chip, Computerwoche, ja selbst das, was in c't steht, nicht zwangsläufig schutzwürdig. Im entsprechenden Passus des Urteils heißt es: "...dass der in dem betreffenden Fachgebiet üblichen Ausdrucksweise und auch einem Aufbau oder einer Darstellungsart, die aus wissenschaftlichen Gründen geboten oder in Fragen des behandelten Gebiets weitgehend üblich sind, die erforderliche schöpferische Individualität regelmäßig fehlen wird". Wenn das Schule macht, könnte jeder einen fremden Test, Hal Fabers Wochenrückblick oder eine Produktvorstellung als eigene Leistung ausgeben. Es sei denn, die Schreiber greifen zu ihrer schärfsten Waffe: Redakteure der betreffenden Fachgebiete, erhöht eure Schöpfung! Zeigt mehr Individualität in Aufbau und Darstellungsart. Bringt entgegen wissenschaftlichen Gründen übliches unüblich zu Papier oder schreibt zumindest wie ein Richter am Oberlandesgericht.

*** Willkommen in Deutschland, das ein Hartz für Schröder hat, freilich ein durchtriebenes: Die Chipkarte für Arbeitslose, darauf muss erst mal einer kommen. Da Arbeitsämter längst vernetzt und computerisiert sind, ist diese Karte für die viel beschworenen neuen Vermittlungsagenturen interessant, die sonst nicht so leicht an die Datensätze kämen. Die von Hartz propagierte Ich-AG soll schwarze Dienstleistungsjobs legalisieren. Als Beispiel wird der PC-Bastler genannt, der in der Nachbarschaft Grafikkarten einbaut und Rechner repariert. Vergessen ist die selbstlose Forderung der IT-Verbände und Handwerkskammern, dass solche Arbeiten in die Hände geprüfter Techniker gehören. Werden so die umherschweifenden PC-Rebellen gebändigt, die gemeinerdings Rechner in die Microsoft-freie Zone entführen? Noch will übrigens niemand den Zusammenhang zwischen der EDV-Branche, der Ich AG und PISA sehen, weil Computer einfach nur doof sind. Doch wenn die auflaufenden PR-Meldung nur ein kleines Indiz sind, steht uns der große PISA-Rinderwahnsinn noch bevor. Ist StarOffice in den Schulen wirklich der effektivste "PISA-eKiller"? Ist eLearning wirklich das Allheilmittel für große Klassen? Helfen Mathematiklösungen per SMS und Multimedia-Mail, die mangelhaften Unterrichtsleistungen zu pushen? Ich habe schwere Zweifel, aber das Sommerloch wird sie schon alle schlucken.

*** Unter dem Namen Palladium möchte Microsoft zusammen mit den Chip-Herstellern Intel und AMD ein System entwickeln, bei dem Sicherheitschips auf der Bus-Ebene den Datenverkehr kontrollieren. Gepriesen wird der Ansatz als offene Architektur, mit der Viren, Würmer, sowie Spam und andere Unannehmlichkeiten ein Ende haben. Doch ist das Ganze besser als Einstieg in ein Microsoft-eigenes TCP/IP/MS zu sehen. Der in der vergangenen Woche bereits erwähnte Ross Anderson hat sich mit Palladium beschäftigt, nennt die Technik jedoch Fritz-Chip, mit schönem Anklang an die deutschen Kontrollfreaks. So etwas erzeugt Widerrede. Denn das antike Vorbild Palladion ist das Schutzbild des alten Troja gewesen und wurde vor dem Pferdetrick von Odysseus und Diomedes gemopst. Solange das Palladion in den Mauern der Stadt weilte, galt Troja als unbesiegbar. Die Assoziation ist damit naheliegend: sowie die Palladium-Architektur in den Computern realisiert ist, sind diese unverwundbar. Kann Fritz auf so ehrwürdige Zusammenhänge verweisen? Nein? Dann sollten wir alle das Schutzbild verehren. Oder sollte lieber Bill Gates im Rahmen stecken, statt Pallas Linux, jene Tochter des Meergottes Triton, die versehentlich von Athene im neckischen Kampfspiel dahingemetzelt wurde?

*** In den USA ist ein heißer Streit um einen Eid ausgebrochen, der schon lange modifiziert gesprochen wird: "I pledge allegiance to the logo of the United States of Enronica, and to the intellectual property for which it stands, one corporation, with several hundred off-shore subs, under Greenspan, with stock options and golden parachutes for about a dozen white guys." Gott jedenfalls hat mit der Sache nichts zu tun. Wenn in dieser Woche Tränen über Worldcom und Xerox vergossen werden, wenn selbst die alte Tante Times verkündet, dass dieses korrupte, Verträge brechende Amerika kein Vorbild, sondern Abschreckung ist, dann sollte man sich daran erinnern, dass in der heilen Welt der Bobos nichts Schlimmes passiert ist: Auch das flächendeckende Bombardement mit CDs durch den Online-Dienst AOL wird dort unter Investitionen in die Zukunft, nicht unter Ausgaben gebucht. Ob all die wild gewordenen Firmenlenker eingefangen werden können und wir dereinst wundernd durchs Bobo-Museum streifen können, steht noch nicht fest: Nach dem Crash ist vor dem Crash. "Hear the money rustle watch the Greenback stumble" sangen dereinst 10CC in ihrem Wall Street Shuffle vom Untergang der Börse.

*** "Hope I die before I get old" sangen The Who und inmitten der Band werkelte stur John Alec Entwistle, "The Ox", einer der uns beibrachte, was für ein höllisch schöner Krach aus Marshall-Verstärkern kommen kann. Nun ist Entwistle der zweite Mann der Band, der "Heaven and Hell" besucht. Mit 57 Jahren starb der Maler-Musiker Entwistle in Las Vegas, nachdem er eine Ausstellung seiner Bilder eröffnete. Der größte Bassist der Pop-Musik hat seine "Left for Dead"-Tour beendet. Zu den Toten dieser Woche gesellt sich Dr. Best, dieser Zahnarzt aus Chicago, der mit den jeweils neuesten wackeligen Modellen einer Zahnbürste Tomaten schrubbte und Zahnärzte zur Verzweiflung trieb. Wie alle großen Kunstfiguren war Dr. Best wirklich Dr. Best.

*** Was zwischen den Zähnen passierte, das interessierte ihn nicht: Erwin Chargaff starb schon in der vergangenen Woche im Alter von 96 Jahren, doch wurde sein Tod erst spät bekannt. Der nach Amerika emigrierte Biochemiker Chargaff war ein scharfer Kritiker des Fortschritts in seinem Fachgebiet, ein Hasser der Computer und ein großer Freund der E-Mail. Zeit seines Lebens lehnte Chargaff Patente vehement ab. Zu seinem Credo gehört auch dieser Gedanke: "Seid nichts hundertprozentig!"

Was ist

*** Ist es vorbei? Hat das leidige Gekicke nicht ein Ende und mit Japan einen würdigen Sieger dieser Fussball-Weltmeisterschaft gefunden? Nein, noch nicht ganz. Lehnen wir uns im Sessel zurück und ertragen ein letztes Mal die Tiefpunkte deutschen Kommentatorentums. Das sind auch nur gewöhnliche Menschen, die von dem "geometrischen Genie" Oliver Kahns geblendet sind. Doch danach kommt der soziale Kater, der Alltag, kommen Betriebssystem-Debatten und Bekenntnisse über den besten Computer-- ohne Ende. Versprochen.

Was wird

*** Daten sind ganz gewöhnliche Zahlen. Warum also auf Jubiläen achten, wenn sie ganz gewöhnliche Jubiläen sind? Nehmen wir den 1. Juli 1952: damals gründete Heinz Nixdorf in Essen das "Labor für Impulstechnik", aus dem später die große Nixdorf Computer AG wurde. Mit einer mageren Pressemitteilung weist das Nixdorf Museum auf das Jubiläum hin, als ob es da nichts zu feiern gibt. Das mag insoweit richtig sein, als dass Heinz Nixdorf selbst seine ersten Produkte nicht als Elektronikrechner ansah, wie das die Meldung behauptet. Im Museum selbst findet sich ein Artikel des Gründers ausgestellt, in dem er den Begriff "elektronische Kleinrechengeräte" benutzt. Und dass der erste deutsche Rechner, die Wanderer Logatronic (auch als Nixdorf 820 bekannt) nicht von Heinz Nixdorf, sondern von Otto Müller entwickelt wurde, gehört auch zu einem möglichen Jubiläum. Vielleicht wird es 100 Jahre dauern, bis die seltsamen Finanzierungstricks bei der Übernahme der Wanderer-Werke oder bei dem nachträglich aufgesetzten Testament des großen deutschen Stifters bekannt sind. Aber vielleicht interessiert es auch niemanden.

*** Mau scheint, den Anmeldungen nach zu schlieĂźen, das Interesse an dem ersten Vorbereitungstreffen zum Weltgipfel der Information zu sein, der am 1. Juli startet. Auf diesem Treffen werden immerhin die Vorarbeiten zu dem UN-Kongress im Jahre 2003 durchgefĂĽhrt, der ein Menschenrecht auf ĂśberbrĂĽckung des Digitale Divide beschlieĂźen soll.

*** Digital Divide? Wenn das mal kein gelungener Übergang zu Hermann Hesse ist, der am 2. Juli großen Bahnhof hat. Keine Frage, an dem Mann scheiden sich die Geister. Immerhin gebührt ihm das Verdienst, Autoren wie Peter Weiss gefördert zu haben und den Suhrkamp-Verlag am Leben zu halten, wo mit dem Tod eines Kritikers gerade der Rubel rollt. Noch jemand kann feiern, bis die Felle fliegen: De:bug hat Geburtstag und schmeißt am kommenden Freitag eine Party in Berlin. Aber Hallo und Gratulation aus der norddeutschen Tiefebene: debug g=c800!

***(*) Der vierte Stern ist für die Gebrüder Fritz und Shredder, die sich auf AMD und Intel im Zeichen des Benchmarks ein gnadenloses Duell am Schachbrett liefern. Auffällig ist dabei, dass sich bisher keine Seite einen signifikanten Vorsprung verschaffen konnte. Keine? Nein, in Runde drei war plötzlich das Malheur da und Fritz Intel verpasste Fritz AMD eine denkwürdige Packung. Nun fragt sich alle Welt, wie es dazu kommen konnte. Ist es dem AMD vorrübergehend zu heiß unterm Pony geworden? Oder fühlt sich Fritz mit AMD so sicher, dass er die Deckung vernachlässigt? Vielleicht haben aber einfach nur die Experten recht, die schon immer Fritz auf Intel vorne gesehen haben? Fragen und Vermutungen. In dieser Woche nun soll die Antwort folgen. Bis dahin bleiben wir dran. (Hal Faber) / (em)