Call Center in Kassel verwaltet die Bonusmeilen der Politiker
Jahrelang arbeitete das Call Center der Lufthansa in Kassel fast im Verborgenen. Mit der Freiflug-Affäre um missbräuchlich verwendete Bonusmeilen von Politikern steigt der Bekanntheitsgrad des Call Centers rapide.
Jahrelang arbeitete das Call Center der Lufthansa in Kassel fast im Verborgenen. Dass in der Telefonzentrale in der nordhessischen Stadt die Bonusmeilen der Bundestagsabgeordneten und anderer Inhaber der Senator Card für Vielflieger verwaltet werden, war nicht nur den meisten Einwohnern unbekannt. Auch die ausgewählte Lufthansa-Kundschaft wählte nur eine Service-Nummer und wusste nicht, dass ihr Anruf in Kassel einging. Mit der Freiflug-Affäre um missbräuchlich verwendete Bonusmeilen von Politikern indes steigt der Bekanntheitsgrad des Call Centers rapide.
Rund 300 Beschäftigte arbeiten in dem Kasseler Call Center, das die Lufthansa seit 1992 betreibt. "Jeder, der damit etwas zu tun hat, verfolgt das ganz genau", berichtet Lufthansa-Sprecherin Amelie Lorenz über den Rummel um die Bonusmeilen der Politiker. "Letzte Woche war bei der Lufthansa schon ganz viel los."
Von 6.00 bis 23.00 Uhr werden in Kassel am Telefon die Anfragen der Senator-Card-Kundschaft bearbeitet. Der Stand an Bonusmeilen kann abgefragt und Flüge mit den angesammelten Meilen können gebucht werden. Die Anrufer müssen dabei ihre Kontonummer und eine individuelle Geheimzahl nennen. Außer über das Call Center können Gratisflüge mit Bonusmeilen nur über das Internet gebucht werden. Lediglich ein Upgrade -- das Buchen einer höheren Flugklasse -- ist mit Bonusmeilen auch am gewöhnlichen Lufthansa-Schalter möglich.
Dass aus dem Kasseler Call Center die Daten zu den Politikerflügen verbotenerweise an die Öffentlichkeit gelangt sind, hält die Lufthansa-Sprecherin für unwahrscheinlich. "Mir ist nicht bekannt, dass Mitarbeiter des Call Centers Informationen weitergegeben haben." Mit dem Arbeitsvertrag unterschrieben die Angestellten entsprechende Geheimhaltungsvorschriften des Datenschutzes. "Wir glauben an die Loyalität der Mitarbeiter zu ihrem Unternehmen." Gleichwohl sei eine "Task Force" eingerichtet worden, die die Vorgänge untersuche. Immerhin haben weltweit 3500 bis 4000 Lufthansa-Mitarbeiter die Möglichkeit, Einblick in die Meilenkonten zu nehmen.
Die 1993 von der Lufthansa geschaffenen Bonusmeilen für feste Kunden sammeln weltweit inzwischen rund 6,5 Millionen Menschen. Nur ein Bruchteil davon -- Zahlen will die Airline nicht nennen -- erhält wegen der besonders häufigen Nutzung von Lufthansa-Flügen den Status eines "Frequent Travellers" (Vielfliegers) oder Senators. Dieser Kundschaft wird auf den Flughäfen zusätzlicher Service geboten -- etwa die Benutzung der separaten Lufthansa-Lounge. Bundestagsabgeordnete erhalten den Senator-Status automatisch, auch wenn sie nicht so oft fliegen. 500 der insgesamt 666 Bundestagsabgeordneten haben eine Bonuskarte des Unternehmens.
Wie die vielen Geschäftsflieger mit ihren Bonuskonten verfahren, ist der Lufthansa egal. "Wie die Firmen die Nutzung geschäftlich erworbener Meilen regeln, entzieht sich unserer Kenntnis", sagt Lorenz. "Darauf haben wir keinen Einfluss." Eine derartige Diskussion wie gegenwärtig habe das Bonusmeilen-System der Lufthansa aber vorher noch nie ausgelöst.(Michael Evers, dpa) / (wst)