SER-fallserscheinungen

Die Pleite von Deutschlands fünftgrößtem Softwarehaus wirft einige Fragen auf.

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Von
  • Hans-Peter Schüler

Deutschlands fünftgrößtes Softwarehaus, die Neuwieder SER AG ist pleite. Bei dem Spezialisten für Wissensmanagement-Software sind durch den heute eingereichten Insolvenzantrag 400 Arbeitsplätze in Gefahr geraten. Der bisherige Vorstandsvorsitzende Gert Reinhardt hat sich am 28. Juni von seinem Posten entbinden lassen und danach offenbar ins Ausland abgesetzt.

Nachdem sich das Unternehmen unter dem Druck seiner Geldgeber bereits Anfang des Jahres per Management-Buy-Out vom Geschäftsbereich SER Solutions getrennt hatte, forderte die anhaltende Finanzmisere immer weitere Tribute. Ende April holten Reinhardt und der Aufsichtsrats-Vorsitzende Roland Paule im Eilverfahren die Genehmigung der Aktionäre, erhebliche Vermögenswerte zu verscherbeln. Zu Unrecht, wie das Landgericht Koblenz am 4. Juni entschied. Egal: Die einstweilige Verfügung vom 13. Juni, mit der zumindest der Ausverkauf an die in den USA ansässige, teilweise im Besitz des ehemaligen SER-Vorstands Carl Mergele befindliche Firma KES Acquisitions gestoppt werden sollte, kam nach Angaben des Neustädter Managements zu spät. Am 18. Juni meldete SER den erfolgreichen Abschluss dieser Transaktion. Vermutlich als Konsequenz darauf haben die Poolbanken zuerst den bestehenden Vertrag zur Finanzdeckung und zum 15. Juli die bisherige Kreditlinie gekündigt.

Die Schutzvereinigung der Kleinaktionäre SdK erhebt den Vorwurf, das Konzernvermögen sei "entgegen gerichtlichem Verbot und unter Umgehung der Hauptversammlung" in die USA verschoben worden. Hinter dem Rücken der Anteilseigner hätten Werte in Höhe von mindestens 67 Millionen Euro den Besitzer gewechselt; KES habe aber nur bescheidene 17 Millionen US-Dollar dafür zahlen müssen. Laut SdK kam die Zustimmung der Aktionäre auf der Hauptversammlung im April nur durch Täuschungsmanöver zustande.

SER macht dagegen geltend, KES sei der einzige Kaufinteressent gewesen, daher sei der Vorwurf ungerechtfertigt. Noch am 25. Juni hatte das Unternehmen frohlockt, durch den Handel seien die Weichen für seinen Fortbestand gestellt, obwohl die Verzögerung zwischen der Hauptversammlung und dem tatsächlichen Verkaufstermin den erzielbaren Erlös um fünf Millionen auf 20 Millionen US-Dollar geschmälert habe. (hps)