Fundgrube Rundfunkarchiv erstmals der Öffentlichkeit zugänglich

Das als gemeinnützige Stiftung der ARD 1952 gegründete, ehemalige "Lautarchiv des deutschen Rundfunks" beherbergt heutzutage eine der größten Sammlungen historischer Ton- und Bildträger.

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Von
  • Susan Mühne
  • dpa

Von der unruhig schwingenden, gelben Gelatine-Platte kommen knisternde und rauschende Töne. "Hallo? Hallo? Hier spricht..." Die Aufnahme vom 15. November 1940 ist gut erhalten. Ein deutscher Soldat hatte sie in Norwegen für seine Familie zu Hause besprochen. Raritäten wie diese und viele andere Schätze lagern in den Magazinen des Deutschen Rundfunkarchivs (dra). In diesem Jahr feiert das Archiv sein 50-jähriges Bestehen. Erstmals darf von Dienstag bis zum 23. August die Öffentlichkeit den sonst verschlossenen Fundus im Funkhaus des Hessischen Rundfunks (hr) besichtigen.

Das als gemeinnützige Stiftung der ARD 1952 gegründete, ehemalige "Lautarchiv des deutschen Rundfunks" beherbergt heutzutage eine der größten Sammlungen historischer Ton- und Bildträger an den Standorten Frankfurt und Potsdam-Babelsberg. Die 900 in bunten Büchsen aufbewahrten Edison-Zylinder, 2200 Schallfolien und 3600 Tonbänder der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft gehören zu den ältesten Tonträgern in Frankfurt, quittegelbe Gelatine-Platten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den Originellsten. Aus dem Jahr 1888 stammt das älteste Stück des Archivs: Eine Laudatio des englischen Komponisten Arthur Sullivan auf die "wundervolle Erfindung" der ersten Sprechmaschine.

"Wir sammeln, archivieren, erschließen und dokumentieren alle Bild-, Ton- und Schriftdokumente", sagt die Vorstandsvertreterin Anke Leenings. "Viele Stücke geben uns auch Privatleute, die beim Durchstöbern des Dachbodens Raritäten finden." Neben den Rundfunkanstalten nutzen Studenten, Wissenschaftler, Forscher und Interessenten aus der ganzen Welt die Hilfe des Archivs. "Es kommt vor, dass jemand zum Beispiel aus Chile anruft und nach einem früher musizierenden Ahnen sucht", erklärt Leenings.

Drei unterirdische Magazine beherbergen die mehr als 100.000 Schellack-Platten, historische Bänder vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart sowie Bildmaterial in den 18 Grad kühlen, Bunkern ähnlichen Räumen. Dunkel und eng ist es. Ein verstaubter Büchergeruch weht aus den mit Neonlicht beleuchteten Räumen entgegen. Auf rund 40 Metern Länge und etwa fünf Metern Breite stapeln sich die in Fahrregalen befindlichen und nach Datenbanknummern geordneten Stücke. Vieles sei noch nicht dokumentiert, sagt Schlenkrich. Dazu brauche das Archiv noch Jahre, denn immerhin kämen jedes Jahr große Mengen hinzu. Erst kürzlich erhielten die Archivare eine Sammlung von 7.000 Platten aus einem Nachlass.

Zum Jubiläum präsentiert das dra mit der Ausstellung "re:play" ein Stück lebendige Rundfunkgeschichte. Neben vielen Bild- und Tondokumenten können die ersten technischen Geräte bewundert werden. Ein Edison-Phonograph von 1908 mit der blauen Zelluloidwalze "Blue Amberol", der einfache Walzenspieler von Biedermann & Czarnikow (1902), eine Plattenspieldose mit Lochkarte von 1895, das erste zusammenlegbare Taschengrammophon (1926), alte Tonbänder, Kohle- Mikrofone und vieles andere mehr können bewundert und angehört werden. Hörbeispiele wie Berthold Brechts "Der Flug der Lindberghs" oder Alfred Döblins "Geschichte von Franz Biberkopf" mit Heinrich George in der Hauptrolle -- beide von 1930 -- stehen ebenso zur Verfügung wie die Gelatine-Platte des deutschen Soldaten.

Techniker demonstrieren zudem ihre tägliche Arbeit. Ein Plattenspieler, eine spezielle Nadel und entsprechende Vorentzerrung seien die Voraussetzung, um die alten Platten aus Zelluloid, Decelith, Aluminium, anderem Metall und der preiswerten Gelatine abspielen zu können, sagt der Leiter der Tontechnik, Mathias Helling. Über ein Mischpult und entsprechende elektronische Geräte ist der Plattenspieler mit dem Computer verbunden. Zwei Aufnahmen seien die Regel. Eine werde bearbeitet, die andere quasi im Originalzustand übernommen, sagt Helling. Die Aufnahmen werden dann direkt in die Datenbank transferiert und stehen digital für den Programmaustausch zur Verfügung. Ungefähr 2,8 Millionen Daten habe das Archiv gespeichert, sagt der Leiter der Abteilung Sammlungen und Informationsvermittlung, Clemens Schlenkrich. (Susan Mühne, dpa) / (jk)