Herber Rückschlag für europäische Raumfahrt
Frühestens in einem Monat sind Erkenntnisse darüber zu erwarten, warum eine russische Trägerrakete vom Sojus-Typ explodierte, die einen von der ESA geförderten Forschungssatelliten transportierte.
Frühestens in einem Monat sind Untersuchungsergebnisse zu erwarten, die klären, warum am vergangenen Dienstagabend nur 20 Sekunden nach dem Start eine russische Trägerrakete vom Sojus-Typ über dem Kosmodrom Plessezk explodierte. Die Sojus-Rakete sollte eine unbemannte Forschungskapsel in den Orbit befördern. Foton M1 der Foton/Bion-Familie enthielt 44 Experimente, die von der europäischen Weltraumbehörde ESA gefördert wurden.
Andreas Schütz vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) geht zurzeit davon aus, daß es sich nicht um einen Serienfehler in der Rakete handelt, sondern um ein Einzelversagen. "Das Vertrauen in die russische Raumfahrt ist ungebrochen." Der schwere Unfall forderte ein Todesopfer und acht Verletzte. Außerdem entstanden Schäden an der Startanlage. Bei dem Toten handelt es sich um einen russischen Soldaten. Die europäische Weltraumbehörde ESA bestätigte, dass alle vor Ort anwesenden Fachleute der ESA, der französischen Raumfahrtagentur (CNES) und des DLR wohlauf sind.
Eine staatliche Untersuchungskommission unter der Leitung von Verantwortlichen der russischen Raumfahrt soll jetzt so schnell wie möglich die Unglücksursache ermitteln. "Das ist ähnlich wie bei einem Flugzeugabsturz", beschreibt DLR-Sprecher Andreas Schütz die Vorgehensweise. Die Rakete wird wie ein Puzzle aus allen Teilen, die sich noch finden lassen, wieder zusammengesetzt. Tausende von Telemetriedaten sind ebenfalls auszuwerten.
Unabhängig vom Untersuchungsergebnis will die ESA ihre Zusammenarbeit mit den Russen fortsetzen. In rund zwei Wochen soll der belgische Astronaut Frank de Winne vom Weltraumbahnhof Baikonur aus zur internationalen Raumstation ISS abheben. Nicht ganz auszuschließen seien allerdings Startverschiebungen aufgrund des Raketenunfalles im Kosmodrom Plessezk, hieß es heute vorsichtig beim DLR.
Die unbemannten Foton-Kapseln bleiben etwa 10 Tage im Weltraum und bieten gute Forschungsbedingungen, weil sie Experimente in fast völliger Schwerelosigkeit ermöglichen. Die jetzt zerstörte Kapsel hatte insgesamt 650 kg Nutzlast an Bord: Den französischen Inkubator für biologische Experimente, Experimente zur Diffusion in Flüssigkeiten unter den Bedingungen von Mikrogravitation, Russlands Polizon-Ofen, Experimente zur Simulation von Meteoriten und das Experiment "Soret-Koeffizienten in Rohöl" -- der Verlust kann für die beteiligten Wissenschaftler einen Rückschlag von mehreren Jahren bedeuten. (Holger Bruns) / (wst)