Vor 30 Jahren: Wieviel Information verträgt der Mensch?

Verstrickt in Kabelnetze, Teletext, EMail, ISDN und Mobilfunk bangen wir neuen elektronischen Diensten entgegen. Ist das noch Technik im Dienst des Menschen?

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Vor 30 Jahren: Wieviel Information verträgt der Mensch?
Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Manfred Bertuch

Vor 30 Jahren: Dieser Beitrag stammt aus c't 3/1992


Von den Erfindungen der Herren Morse, Reis und Marconi bis zu unseren postbehördlichen Diensten und öffentlich-rechtlichen Funkanstalten blieb die Kommunikationstechnik überschaubar und diente denen, die sich ihrer bedienen wollten. Doch damit ist es vorbei, Information und Kommunikation sind selbst ein Wirtschaftsfaktor geworden. Die allgegenwärtigen elektronischen Dienste und Medien versorgen uns flächendeckend; es gibt kein Entkommen. Wer sich nicht an die Spielregeln dieser Informationsgesellschaft hält, ist von der Teilnahme am öffentlichen Leben abgemeldet.

Verstrickt in Kabelnetze, Teletext, EMail, ISDN und Mobilfunk bangen wir neuen elektronischen Diensten entgegen. Iridium, ein System von siebenundsiebzig tieffliegenden Satelliten, beschert uns demnächst weltweite Kommunikation per Taschentelefon, neunundneunzig komprimierte Video-Kanäle quellen aus der Glasfaser, und Multimedia macht den PC zur ultimativen Informations- und Kommunikationsmaschine.

Ist das noch Technik im Dienst des Menschen, oder wer dient hier eigentlich wem? Ich fordere DatenmĂĽllvermeidung und Gesetze gegen Informations-Smog. Information macht frei? Von wegen! Zwischen all dem Down-Loaden, Mailen und Faxen kommt doch keiner mehr zum Nachdenken.

Was hat sich da nicht alles im Schlepptau der weltweiten Kommunikation gebildet: Allwissende Geheimdienste werden immer mächtiger und manipulieren demokratische Entscheidungsprozesse. Und nach Schätzung eines Börsenkenners stehen von den 700 Milliarden Dollar, die jeden Tag per Satellit um den Globus gemailt werden, nur ganzen 5 Prozent echte Warenströme gegenüber. Die anderen 95 Prozent sind nichts als spekulative Geldgeschäfte.

Über diesen unerfreulichen Erscheinungen vergißt man beinahe die Chancen der Informationstechnik. Städte zum Beipiel müssen ihre letzten freien Flächen nicht mehr für Bürogebäude opfern, statt dessen kann der geistig und kreativ Tätige auch im eigenen Heim sein Geld verdienen. Für die Kommunikation und den Datenaustausch sorgt das Kabel zur Zentrale, und netzwerktaugliche Groupware vereint auch landesweit verteilte Arbeitsteams. Tele-Arbeit reduziert zudem Pendlerströme und belebt die Regionen außerhalb der Ballungszentren.

Mit Rufsystemen und elektronisch organisierten Fahrzeug-Pools könnte man ohne Mobilitätseinbuße die Flut der privaten PKWs eindämmen. Öffentliche Verkehrsmittel und PKW wären ohne riesige Park-and-Ride-Anlagen kombinierbar. Gewöhnen muß man sich nur daran, nicht mit demselben Auto nach Hause zu fahren, mit dem man morgens gekommen ist.

Und das Video-Telefon ersetzt Hunderte von Geschäftsreisen,sogar zum Vertragsabschluß reicht es bald, nur mehr elektronisch anwesend zu sein. Man arbeitet bereits daran, Unterschriften per Draht transportabel zu machen.

Schließlich wird selbst der Sinn von teuren Weltausstellungen fragwürdig, wenn die neuesten Entwicklungen sich auch multimedial in internationalen Netzen präsentieren und die Interessenten sich in globalen Konferenzschaltungen treffen.

In diesem Sinne lasst uns Netze knĂĽpfen.

Manfred Bertuch


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